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Universum aus traurigen Deppen Wie das Ibiza-Video noch unterhaltsamer wird

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"Zu wahr, um erfunden zu sein" - das ist die Ibiza-Affäre um Heinz-Christian Strache (Andreas Lust).

(Foto: picture alliance/dpa/W&B Television/epa film/Sky)

Was soll man aus dem völlig irren Ibiza-Video noch machen? Sky bastelt mit "Die Ibiza-Affäre" eine temporeiche Miniserie zwischen "Ocean's Eleven" und "Die Unbestechlichen". Für Piefkes manchmal schwer verständlich, aber immer unterhaltsam.

Es war schon immer schwer zu sagen, was unterhaltsamer ist: das echte Österreich, oder doch die Kunstfigur Österreich, die die Deutschen aus den Liedern von Falco kennen, aus Elfriede Jelineks Theaterstücken oder dem Wiener "Tatort".

Die vergangenen Wochen waren ein klarer Punkt für das real existierende Land - der Sonnenkanzler Sebastian Kurz musste zurücktreten, weil sein Team Umfragen frisiert und gegen Steuergeld im grindigsten Revolverblatt der Nation platziert hat, das dann allen Ernstes auch noch "Österreich" heißt. Darauf müssten Drehbuchschreiber erstmal kommen. Das Burgtheater, das Nationalheiligtum der Kulturszene, hat an diesem Wochenende das Naheliegende gemacht, und die Chatnachrichten der machtgeilen "Prätorianer" des Bundeskanzlers einfach vorgelesen, im Original. Wenn die Realität absurder ist als jede Satire, bleibt manchmal eben nur noch das Protokoll.

Die Macher der Sky-Miniserie "Die Ibiza-Affäre" wählen einen anderen Ansatz, dankenswerterweise: Sieben Stunden lang Heinz-Christian Strache auf seinem Wodka-Red-Bull-Trip zwischen Korruptionsfantasien und Polit-Tratsch zuzuschauen, das würde selbst dem härtesten Innenpolitik-Aficionado irgendwann zu fad. Also beleuchtet Regisseur Christoph Schier die Geschichte hinter dem wohl berühmtesten Homevideo Österreichs und bastelt daraus einen temporeichen Genre-Mix irgendwo zwischen "Ocean's Eleven" und "Die Unbestechlichen" im Wiener Milieu.

"Des is' a super Chance"

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Natürlich spielen die Gespräche mit der Russin Alyona Makarov (Anna Gorshkova, l.) auch in der Serie eine gewichtige Rolle.

(Foto: picture alliance/dpa/W&B Television/epa film/Sky)

"Zu wahr, um erfunden zu sein", mit diesem Slogan bewirbt Sky die Eigenproduktion, und tatsächlich hält sich die Serie an die wahren Begebenheiten, so bekannt: Der Wiener Anwalt Rami Mirfakhrai (David A. Hamade) erhält über den Chauffeur von Heinz-Christian Strache (Andreas Lust) belastendes Material gegen den Chef der Rechtsaußen-Partei. Es geht vor allem um eine Tasche voller Bargeld, vermutlich Straches Anteil an einer Zehn-Millionen-Euro-Schmiergeldzahlung ukrainischer Oligarchen für ein Parlamentsmandat eines FPÖ-Hinterbänklers. Die Polizei lehnt eine Kronzeugenregelung für den Chauffeur ab, das Material landet im Giftschrank des Anwalts. Bis er den schmierigen Julian Hessenthaler trifft, eine Paraderolle für Nicholas Ofczarek, der den Detektiv als Borderliner anlegt, mal verlorener Trunkenbold, mal nüchterner Zyniker, immer irgendwie undurchsichtig.

Gemeinsam planen sie, Strache zu Fall zu bringen, Hessenthaler wanzt sich dafür an dessen Adlatus Johann Gudenus heran. Schon damals mit im Spiel: Die angebliche reiche Russin, Deckname Alyona Makarov (Anna Gorshkova), die sich angeblich für ein Jagdgrundstück der Familie Gudenus interessiert. Gudenus fasst Vertrauen und organisiert schließlich das Treffen auf Ibiza, wohin sich das Geschehen erst in der dritten von vier Folgen verlagert. Gudenus trifft nach seinem Chef ein, der sich am Strand massieren lässt und so gar keine Lust auf ein Treffen hat, bis Gudenus ihm ins Gewissen redet: "Des is' a super Chance, die will groß investieren, net nur privat. Die will bei der 'Krone' einsteigen." Strache reißt die Augen auf, willigt ein. Falls der Zuschauer nicht mitbekommen haben sollte, was da gerade passiert ist, hilft Regisseur Schier mit ein paar Bildern von einer Maus nach, die um eine Falle herumscharwenzelt - und zack: zugeschnappt.

Das Video als Notwehr?

Schier streut öfter solche Montagen ein, in denen etwa ein Puppentheater Heinz-Christian Straches Exkurs über die österreichische Parteienfinanzierung erklärt. Als Erzähler fungiert Detektiv Hessenthaler, der das Publikum direkt anspricht und mit Hintergrundinfos versorgt, aus seinem Versteck in Rumänien heraus, wohin er vor dem Haftbefehl wegen Drogenhandels geflüchtet ist. So wird auch deutlich, wessen Geschichte das ist: Die Drehbuchautoren haben sich im Wesentlichen für die Version von Mirfakhrai und Hessenthaler entschieden, die das Ibiza-Video im echten Leben als "zivilgesellschaftliches Projekt" verstanden wissen wollen.

So lassen sie den Anwalt Mirfakhrai gemeinsam mit seiner iranisch-stämmigen Familie zuschauen, wie an Wahlabenden der blaue FPÖ-Balken immer weiter klettert und die Angst sich breitmacht im Raum: Müssen wir alle bald weg aus Österreich? Strache wird zur Gefahr, das Video zu einer Art Notwehr. Auch Hessenthaler entdeckt den Aktivisten in sich, kein besonders glaubwürdiger Twist, aber gut für den Plot, der flott voranschreiten kann. Diese Serie will letztlich unterhalten, misst man sie daran, ist sie gelungen.

Ursprünglich wollten Mirfakhrai und Hessenthaler aber Geld sehen, auch als sie das Video schlussendlich den Journalisten von "Süddeutscher Zeitung" und "Spiegel" andrehen, weil die Wiener Politszene das Material nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen will. Auch dieses Detail stimmt übrigens: Wichtige Berater der großen Parteien wussten zumindest in den Grundzügen Bescheid, bis heute hält sich das Gerücht, gerade die ÖVP von Sebastian Kurz sei sehr gut im Bilde gewesen darüber, dass von Strache kompromittierendes Material existiert.

Fehleinschätzungen und Größenwahn

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Der "echte" Heinz-Christian Strache wurde im August wegen Bestechlichkeit in Österreich zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 15 Monaten verurteilt.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Trotz aller Bemühungen, die Zuschauer durch das Labyrinth der Wiener Politszene zu lotsen: Gerade in den ersten Folgen dürfte es deutschen Zuschauern schwer fallen, die Figuren einzuordnen, die dann auch noch österreichischen Dialekt sprechen. Klar im Vorteil dagegen, wer seinen Grundkurs Österreichisch erfolgreich absolviert hat, und auch eine solide Vorbildung in Sachen Wiener Innenpolitik ist von Vorteil - erst dann kann man auch wirklich ermessen, wie fabelhaft etwa Julian Looman den arglosen Gudenus trifft, der Strache den ganzen Schlamassel erst eingebrockt hat.

Überhaupt besteht das halbe Ibiza-Universum aus traurigen Deppen, zum Scheitern verurteilt an ihren Fehleinschätzungen und ihrem Größenwahn. Allen voran Strache, der sich im Rausch in Allmachtsphantasien hineinsteigert, der harmlose Anwalt Mirfakhrai, völlig deplatziert in der Halbwelt, und natürlich Hessenthaler, Draufgänger ohne Plan. Sie alle fühlen sich wohl in den Hinterzimmer, im Halbdunkel, in den großartig schummrigen Bilder von Kameramann Thomas W. Kiennast. Sobald es hell wird, sobald man genau sieht, was sie tun, machen sie sich lächerlich. So wie in der echten Politik eben.

"Die Ibiza-Affäre" wird am 21. Oktober (Folgen 1&2) und am 28. Oktober (Folgen 3&4) auf Sky Atlantic ausgestrahlt.

Quelle: ntv.de

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