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Heroin ist noch immer eine der tödlichsten Drogen in Deutschland.
Heroin ist noch immer eine der tödlichsten Drogen in Deutschland.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 15. Mai 2018

Heroin, Alkohol, Tabletten: Das Drogenproblem ist nicht zu lösen

Ein Kommentar von Solveig Bach

Die Zahl der Drogentoten gilt als Indikator dafür, wie gut eine Gesellschaft das Suchtproblem im Griff hat. In Deutschland sinken die Zahlen leicht. Das könnte den Eindruck erwecken, alles wird gut. Doch das ist ein Irrtum.

Die Zahl der Drogentoten in Deutschland sinkt leicht. Das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht, aber möglicherweise nur auf den ersten Blick. Denn diese Tatsache birgt die große Gefahr, Drogenpolitik gleich ein bisschen weniger wichtig zu nehmen. Und das wäre wirklich fatal.

Alkohol, Nikotin, Crystal-Meth, Klebstoff und unendlich viele andere berauschende und abhängig machende Stoffe haben keineswegs an Anziehungskraft verloren. Sie werden häufig nur unauffälliger konsumiert, häufig stört sich die Gesellschaft noch nicht einmal besonders daran. Und die körperlichen und seelischen Folgen der Sucht puffert das deutsche Gesundheitssystem halbwegs ab.

Doch jedes Jahr wachsen junge Menschen nach, die den verantwortungsvollen Umgang mit dem Rausch erst lernen müssen. Ist Rauchen okay? Jedenfalls, wenn es "nur" eine E-Zigarette ist? Wie viel Alkohol enthalten eigentlich Schnaps, Sekt, Bier oder Alkopops? Und was heißt das für mich und meinen Körper? Sind harte Drogen nur Mist, wenn man sie spritzt? Was ist eigentlich in den Pillen, die ich im Klub bekommen kann? Ist Kiffen eigentlich ungefährlich, wenn es in so vielen Ländern inzwischen legal ist? Mit all diesen Fragen müssen sich Heranwachsende noch immer auseinandersetzen und für sich selbst Antworten finden.

Der Stoff der Leistungsgesellschaft

Eine halbwegs erfolgreiche Drogenpolitik schützt außerdem keineswegs davor, dass neue Drogen und damit neue Probleme auftreten können. Das jüngste Beispiel dafür ist die Opioid-Krise in den USA. Dort wurde ein vermeintlich sicheres Schmerzmittel für Tausende Menschen zur Einstiegsdroge für Heroin und Fentanyl. Inzwischen hat US-Präsident Donald Trump deshalb den Gesundheitsnotstand verhängt und will sechs Milliarden US-Dollar zusätzlich einsetzen, um die steigenden Sucht- und auch Todesraten wieder in den Griff zu bekommen.

Hinzu kommt, dass sich viele nur auf die hässliche Seite des Drogenkonsums konzentrieren. Die Obdachlosen, die betrunken in einem schmutzigen Schlafsack im Berliner Tiergarten schlafen. Oder die schwarzen Zahnstummel derjenigen, deren Crystal-Meth-Konsum nicht mehr zu übersehen ist. Die Psychiatriepatienten, die nach dem letzten Trip nicht wieder zurück in die Realität gefunden haben. Das ist das Elend, das viele mit Drogenkonsum assoziieren. Aber was ist mit der Schmerztablette, dem Wachmacher oder dem Gläschen Schampus, die noch ein paar Arbeitsstunden mehr ermöglichen? Sind das noch Medikamente oder Genussmittel - oder schon Drogen?

Nur weil weniger Menschen unmittelbar an ihrem Drogenkonsum sterben, ist das Thema keineswegs unwichtiger geworden. Das Gegenteil ist der Fall. In einer Welt, die in ihrer Komplexität für viele nur im Rausch zu ertragen ist, ist es wichtiger denn je, einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen zu vermitteln und zu ermöglichen.

Quelle: n-tv.de