Panorama

Wiederaufnahmeverfahren beginnt Der Fall Peggy, Ulvi K. und viele Fragen

Im Mai 2001 verschwindet die neunjährige Peggy spurlos. Ihre Leiche wird nie gefunden, dafür ein angeblicher Mörder: Ulvi K., ein geistig behinderter Gastwirtssohn. Nun könnte in einem neuen Verfahren seine Unschuld bewiesen werden.

47631771.jpg

Ulvi K. (re.) und seine Betreuerin Gudrun Rödel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass in Deutschland ein komplett abgeschlossenes Strafverfahren neu aufgerollt wird, kommt sehr selten vor. Umso überraschender war es, als im Dezember 2013 das Landgericht Bayreuth mitteilte, das Strafverfahren gegen den als Mörder der neunjährigen Peggy verurteilten Ulvi K. werde wieder aufgenommen.

Zur Begründung hieß es, das Gericht habe inzwischen Zweifel daran, dass der geistig behinderte Gastwirtssohn aus Lichtenberg das Mädchen tatsächlich umgebracht habe. Diese Zweifel sind dem Gericht allerdings nicht einfach so gekommen. Erst auf Druck einer örtlichen Bürgerinitiative, einiger Journalisten und nicht zuletzt des jetzigen Pflichtverteidigers von Ulvi K., Michael Euler, wurde das Gericht plötzlich auf eine Reihe von Widersprüchen aufmerksam, die schon während des ersten Verfahrens und auch bei der Bestätigung durch den BGH zu großer Kritik geführt hatten.

Seinen Wiederaufnahmeantrag begründete Rechtsanwalt Euler mit einem beeindruckenden Schriftsatz von 1200 Seiten. "Ich hätte mich auch darauf beschränken können, die reinen Wiederaufnahmegründe zu benennen", sagt Euler gegenüber n-tv.de. Doch erst bei der Lektüre des kompletten Wiederaufnahmeantrags erschließe sich, was die Polizei damals mit seinem Mandanten gemacht habe.

Mann auf dem Stand eines Kindes

Ulvi K. ist nach einer Gehirnhautentzündung, an der er als Kleinkind erkrankte, geistig behindert. Weil er bereits durch exhibitionistische Handlungen vor Kindern aufgefallen war, gilt der inzwischen 24-jährige K. auch nach dem Verschwinden von Peggy als einer der Verdächtigen. Doch die ersten Ermittlungen ergeben, dass Ulvi für den Tag ein nahezu lückenloses Alibi hat, die zuständige Soko sieht sich schließlich sogar genötigt, eine Pressemitteilung zu verschicken, dass K. mit einem möglichen Verbrechen an Peggy nichts zu tun habe. Dennoch lebt Ulvi K. seitdem in einem psychiatrischen Krankenhaus, wo er sich einer Therapie unterzogen hat.

Doch Peggy bleibt verschwunden und die Polizei findet keinen Ansatz, was dem Kind geschehen sein könnte. Der Druck auf die Ermittler wächst stetig, bis sich schließlich Ende 2001 der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein persönlich für die Bildung einer neuen Sonderkommission einsetzt. Deren Ziel ist ein zügiger Ermittlungserfolg, immerhin ist Peggy seit dem 7. Mai unauffindbar.

Falsche Vorhaltungen und ein Tatszenario

38573475.jpg

Michael Euler vertritt Ulvi K. als Pflichtverteidiger.

(Foto: picture alliance / dpa)

Diese sogenannte Soko Peggy II legt sich dann überraschend schnell auf Ulvi K. als einzig möglichen Täter fest und erreicht, dass K. die Tat tatsächlich gesteht. Euler hat sich intensiv damit beschäftigt, wie dieses Geständnis zustande gekommen ist, das K. später im Übrigen widerrufen hat. Der Anwalt geht davon aus, dass K. das Geständnis suggeriert wurde. So habe man seinem Mandanten gesagt, dass Blut von Peggy an seinem Overall gefunden worden sei. Das stimmte nachweislich nicht, setzte K. aber unter Druck. Außerdem wurde der damalige Verteidiger umgangen, indem man ihm vorgaukelte, die Vernehmung von K. sei beendet. Doch während der Anwalt sich anderen Dingen zuwandte, wurde Ulvi K. weiter vernommen. K. kannte den Polizisten, der mit ihm spricht, gut. Der Beamte habe ihm gesagt: Entweder du sagst es jetzt, oder ich bin nicht mehr dein Freund, berichtete K. über diese Vernehmung. Also habe er gesagt:  "Ich war's."

Aus unerfindlichen Gründen liegt davon jedoch keine Tonbandaufnahme vor, weil laut den beteiligten Ermittlern das Gerät kaputt war. Sie erstellen von dem angeblich sehr detaillierten Geständnis lediglich ein Gedächtnisprotokoll. Doch obwohl Ulvi K. nun eigentlich keinen Grund mehr hat, etwas zu verbergen, wird Peggys Leiche nicht gefunden. Trotzdem wird K. aufgrund des Geständnisses zu lebenslanger Haft verurteilt. Dazu hat nicht zuletzt das Gutachten des Berliner Professors für forensische Psychiatrie, Hans-Ludwig Kröber, beigetragen. Kröber kommt zu der Einschätzung, das Geständnis sei glaubwürdig. Doch Euler findet in dem Gutachten zahlreiche Mängel. "Es scheint fast so, als hätte der Gutachter die Akten nicht gelesen." Denn Kröber geht davon aus, dass die Polizei keine Hypothese zum Tathergang hatte und also K. kein Geständnis habe einreden können. Doch dies ist falsch, wie Polizeidokumente belegen, und K. hat schließlich genau den Tatablauf gestanden, wie ihn sich die Ermittler zuvor zurecht gelegt hatten.

Bleibt noch die Aussage eines weiteren Zeugen, demgegenüber K. den Mord an Peggy noch einmal gestanden haben soll. Peter H., ein früherer V-Mann der Polizei, saß gemeinsam mit Ulvi K. in der geschlossenen Psychiatrie und belastete den jungen Mann ebenfalls. Allerdings nahm er seine Schilderung im Jahr 2010 zurück und sagte stattdessen vor einem Ermittlungsrichter  aus, er sei von Polizisten zu der ersten Falschaussage gedrängt worden. Inzwischen ist H. verstorben, doch sein Vernehmungsrichter wird einer der ersten Zeugen sein, die in dem Wiederaufnahmeverfahren von Ulvi K. zu Wort kommen.

Was geschah mit Peggy?

Euler erwartet, dass das angebliche Geständnis von Ulvi K. damit sehr schnell hinfällig sein wird. "Wenn bewiesen ist, dass das Geständnis falsch ist, was bleibt dann noch?" Zumal diesmal auch Zeugen gehört werden, die im letzten Verfahren außen vor blieben, so Schulfreunde von Peggy, die das Mädchen noch am Nachmittag gesehen hatten. Doch weil diese Beobachtungen nach dem von der Polizei konstruierten Tatzeitpunkt zwischen 13.15 Uhr und 13.40 Uhr lagen, wurden sie einfach ausgeblendet. Dabei hatten die Kinder auch berichtet, dass Peggy in einen roten Mercedes eingestiegen sei.

Viele Lichtenberger hoffen, dass mit der Entlastung von Ulvi K. intensiv nach den wahren Umständen gesucht wird, unter denen Peggy verschwand. Die polizeilichen Ermittlungen dauern nach wie vor an, erst kürzlich wurde ein Gehöft in Sachsen-Anhalt durchsucht. Dort lebte auch Holger E., der mit Nachbarn von Peggy verwandt ist und derzeit wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter im Gefängnis sitzt. Demnächst muss er sich wegen einer weiteren Sexualstraftat verantworten. Er soll 2001 in Peggys Heimatort seine damals neunjährige Nichte missbraucht haben.

Für Ulvi K.s Anwalt Michael Euler steht zunächst die Wiederherstellung der Ehre seines Mandanten im Vordergrund. "Das ist ihm absolut wichtig. Er hat jetzt die Chance, wieder in sein Leben zurückzukehren." Den Antrag, Ulvi K.s Unterbringung in der Psychiatrie zu prüfen, hat er bereits vorbereitet. Für die Ermittler, die Ulvi K. ins Gefängnis brachten, werden die Versäumnisse wohl kein Nachspiel haben. Die Verfolgung Unschuldiger ist schwer nachzuweisen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema