Panorama

Mediziner warnt vor Gefahren Die wahnsinnige Welt des Wettessens

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76 Hot Dogs in 10 Minuten: Joey Chestnut gilt als "Michael Jordan des Wettessens".

(Foto: imago images/Kyodo News)

Zehn Minuten, 76 Hotdogs, ein Dauersieger. Der erste "wahrhaft ironische Sport", urteilt das "Time"-Magazin. "Die gefährliche Speerspitze" der westlichen Ernährungsweise, "die uns früher ins Grab bringt", kritisiert ein Mediziner. Willkommen in der wahnsinnigen Welt des Wettessens.

Sogar das Meisterrennen in der Fußball-Bundesliga ist spannender als dieser "sportliche" Wettbewerb: Zum 14. Mal in den vergangenen 15 Jahren hat Joey Chestnut am amerikanischen Unabhängigkeitstag in diesem Jahr den "Nathan’s Famous Hot Dog Eating Contest" gewonnen - den Super Bowl der Wettesser. Jedes Jahr kämpfen die Schnellsten um den "Mustard Belt", den "Gelben Senfgürtel", den der Sieger bekommt.

Doch auch wenn es einen Dauerchampion gibt und das Spektakel daraus besteht, sich den Magen mit so vielen Hotdogs wie möglich in zehn Minuten vollzustopfen, hat das Event eine große Fanbasis. Tausende Anhänger kommen jedes Jahr am 4. Juli extra für den Wettbewerb nach Coney Island in New York, Millionen schalten am Fernseher ein. In diesem Jahr wurden die Hotdog-Fans Zeuge eines neuen Weltrekords: Dauer-Champion Joey Chestnut hat in zehn Minuten 76 Hotdogs verschlungen.

Das professionelle Wettessen ist der "erste wahrhaft ironische Sport", hat das "Time"-Magazin einmal geschrieben. Es fehle zwar an der nötigen "ehrlichen Ernsthaftigkeit", dafür seien die "Mechanismen der Publikumsbindung", also das Schaffen von "Helden, Dramen und kultureller Relevanz", nicht von anderen beliebten Sportarten zu unterscheiden.

Profi-Wettesser tricksen Sättigungsgefühl aus

Das große Zugpferd ist Joey "Jaws" Chestnut. Der 37-Jährige ist seit Studienzeiten fest in der Szene verankert. 2005 wurde er von einem seiner Brüder zu einem Wettessen angemeldet, noch im selben Jahr belegte er als Newcomer den dritten Platz bei einem Hotdog-Wettbewerb in New York. Er sei immer ein großer Esser gewesen, der größte Esser in der Familie, hat Chestnut einem texanischen Lokalsender in einem Interview erzählt. "Das wurde noch offensichtlicher, als ich auf dem College war. Während dieser Zeit habe ich unter der Woche gesund gegessen. An den Wochenenden war ich bei meinen Eltern und habe so richtig zugeschlagen." Nach seiner ersten Teilnahme an einem Wettess-Wettbewerb sei es "Schlag auf Schlag" gegangen. "Ich dachte, oh mein Gott, ich werde fürs Essen bezahlt und darf dafür um die Welt reisen." Für Chestnut ist das professionelle Wettkampfessen der "beste Job der Welt".

Wie Chestnut und andere Wettesser derart viel in ihre Mägen stopfen können, erklärt der Ernährungsmediziner und Diabetologe Matthias Riedl im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Demnach können Profi-Wettesser ihr Sättigungsgefühl austricksen. "Kinder kommen mit einem perfekten Sättigungsgrad und Hungergefühl zur Welt. Das merkt man daran, dass sie schreien, wenn sie Hunger haben. Und wenn sie satt sind, sind sie auch wirklich satt."

Das perfekte Sättigungsgefühl schwindet mit fortschreitendem Alter. Auch die Aufforderung mancher Eltern, dass die Kinder das Essen auf ihren Tellern doch unbedingt aufessen mögen, "störe die natürliche Sattregulation", ergänzt Riedl. Wenn man dann als Erwachsener innerhalb kürzester Zeit Massen an Nahrungsmitteln in sich hineinstopft, "überisst man die Sättigungssignale". Das Sättigungsgefühl brauche nämlich etwa 20 Minuten, um anzuspringen, so der Mediziner.

"Ein wesentlicher Mechanismus ist das Ausschalten des Kauens"

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Michelle Lesco hat die Frauen-Konkurrenz beim Hotdog-Wettessen gewonnen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Wer sich sein Sättigungsgefühl abtrainiert hat, kann in kurzer Zeit viel mehr essen als gesund ist. Normalerweise liegt das durchschnittliche Magenvolumen eines Erwachsenen bei etwa zwei Litern. Professionelle Wettesser dehnen ihren Magen durch jahrelanges Training so weit aus, dass mehr als das Doppelte reinpasst. Joey Chestnut hat seinen Rekord beim "Hot Dog Eating Contest" in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. 2016 schaffte es der Amerikaner erstmals über die 70er-Marke, 2017 waren es 72, 2018 74. Zwei Jahre später folgte der nächste Rekord: 2020 setzte Chestnut mit 75 Hotdogs und Brötchen eine neue Marke.

Aber ein abtrainiertes Sättigungsgefühl reicht noch nicht, um sich 76 Hotdogs in 10 Minuten reinzustopfen. Die schnellsten Wettesser drücken sich zwei Hotdogs gleichzeitig in den Mund und schieben dann das in Wasser aufgeweichte Brötchen hinterher, hüpfen auf und ab, damit die matschige Pampe schneller in den Magen rutscht. "Ein ganz wesentlicher Mechanismus ist das Ausschalten des Kauens. Üblicherweise brauchen wir 20 bis 30 Kauvorgänge, um die Nahrung so zu verkleinern, dass unser Verdauungssystem die Bestandteile aufnehmen kann. Bei den Wettessern ist das aber ein Schlingen. Die Würstchen werden höchstens einmal abgebissen und nochmal im Mund zerkleinert, aber dann wird schon geschluckt", beschreibt Riedl die Technik der Profi-Wettkampfesser.

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Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe und Internist.

(Foto: Andreas Sibler)

Das Schlingen und Runterschlucken ohne Kauen kann nicht nur Übergewicht fördern, sondern sogar tödlich enden. Wenn die Essensbrocken zu groß sind, können sie im schlimmsten Fall zum sogenannten Bolustod führen. Bolus ist griechisch und heißt Klumpen. Ein Klumpen, der den Rachen verstopft. Wenn nicht umgehend Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden, droht ein Herzstillstand. Deshalb sind bei den professionellen Wettessen für den Ernstfall auch immer Notärzte dabei.

"Amerika ist Speerspitze des schlechten Essens"

Außerdem gebe es noch viele andere Folgen, die Wettessen gefährlich machen, betont Riedl. "Zum Beispiel eine Überfüllung des Magens. Das führt häufig zu Säurerückfluss, mit hohem Risiko eine Speiseröhrenentzündung zu bekommen." Im Rahmen dessen könne sich dann "Speiseröhrenkrebs mit sehr schlechter Prognose entwickeln".

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Auch die Leber kann im Laufe einer Wettesser-Karriere schweren Schaden nehmen. Das Risiko einer Fettleber sei groß, so der Experte im Podcast. "Die Fettleber ist wiederum eine Drehscheibe für nahezu alle Zivilisationskrankheiten. Angefangen vom Bluthochdruck, Diabetes, erhöhten Blutwerten, aber auch Leberkrebs und vielen anderen Erkrankungen."

Nicht zu vergessen sei auch das Problem des Übergewichts. Zwar sind nur wenige der besten Wettkampf-Esser übergewichtig, grundsätzlich sei die Gefahr, dick zu werden, aber natürlich groß. Und Matthias Riedl merkt an, dass "fast alle Zivilisationskrankheiten eine Verbindung zu Übergewicht" haben. An Wettessen sollte man nicht teilnehmen, ist der klare Appell des Ernährungsmediziners. "Amerika ist die Speerspitze des schlechten Essens. Soweit sind wir noch nicht. Aber wir sind dicht dran und diese Entwicklung muss man stoppen und nicht auch noch befeuern durch Wettessen. Das ist sozusagen die Spitze der westlichen Ernährung, die uns alle früher ins Grab bringt."

Maiskolben, Shrimp-Cocktail, Cheeseburger & Co.

Dass sich professionelles Wettkampfessen ausgerechnet in den USA etabliert hat, ist keine Überraschung. Schließlich wird das jährliche Hotdog-Schlingen sogar auf dem bekannten Sportsender ESPN live übertragen. Millionen Menschen schauen zu, Tausende sind live in New York vor Ort.

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Chestnut isst mit jedem Zug zwei Würstchen gleichzeitig, stopft danach die Brötchen in seinen Mund.

(Foto: picture alliance / newscom)

Es ist vor allem das Werk von zwei Brüdern: George Shea und Richard Shea haben 1997 die International Federation of Competitive Eating gegründet, also den Weltverband des Wettessens. Mittlerweile heißt die Organisation Major League Eating, weil der Name besser vermarktet werden kann. Der Hotdog-Wettkampf ist weiterhin das berühmteste und wichtigste Event des Jahres, es gibt aber viele weitere Veranstaltungen in verschieden Disziplinen: Die Wettesser verschlingen Maiskolben, Pepperoni-Brötchen, Shrimp-Cocktails, Cheeseburger, Asianudeln und ganz viele andere mehr oder weniger appetitliche Sachen.

Es ist eine wahnsinnige und nicht ungefährliche Welt. Die Liga selbst mahnt auf ihrer Internetseite zur Vorsicht: "Do not try speed eating home" - Wettessen nicht zu Hause probieren!

Quelle: ntv.de

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