Panorama

Touristen infizieren sich EHEC-Welle flaut etwas ab

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Unter Verdacht: Im Labor wird eine Gurke für die Untersuchung auf verotoxinbildende E. coli-Bakterien vorbereitet, zu denen der lebensbedrohlichen Darmkeim EHEC gehört.

(Foto: dpa)

Offenbar schlägt die Therapie von EHEC-Patienten mit einem Antikörper an; Ärzte aus Hannover, die mehrere Kranke mit dem neuen Wirkstoff Eculizum behandeln, äußern sich vorsichtig optimistisch. Unterdessen gibt es den ersten EHEC-Todesfall außerhalb Norddeutschlands, dort allerdings sinkt die Zahl der Neuinfektionen. Mehrere Schweden und Franzosen, die zuvor in Deutschland waren, sind zu Hause erkrankt.

Die Therapie von EHEC-Patienten mit einem Antikörper scheint nach Angaben der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erfolgreich zu verlaufen. Seit vergangenem Mittwoch wurden mehr als ein Dutzend Patienten in Hannover mit dem neuen Medikament behandelt, das gegen akutes Nierenversagen wirken soll. Es seien bereits - bei aller gebotenen Vorsicht - "gewisse Erfolge sichtbar", sagte ein MHH-Sprecher.

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Das Hamburger Universitätsklinikum ruft wegen der EHEC-Erkrankungswelle zum Blutspenden auf.

(Foto: dpa)

Auch am Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE) werden mehrere Patienten, die unter schweren Komplikationen infolge einer EHEC-Infektion leiden, mit dem Antikörper behandelt. Verlässliche Aussagen, ob die Therapie erfolgreich sei, seien aber erst in einigen Wochen möglich, sagte der UKE-Nierenspezialist Rolf Stahl.

Mediziner setzen bei einer schweren Komplikation von EHEC - dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) - auf den neuen Wirkstoff Eculizum. Dieser Antikörper hatte 2010 bei drei EHEC-infizierten Kindern die HUS-Symptome drastisch gebessert, wie Ärzte und Wissenschaftler im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten.

Infektionen im Norden rückläufig

Die Welle von EHEC-Infektionen ist in Deutschland indes noch nicht gestoppt. Die Zahl der bestätigten Infektionen und Verdachtsfälle stieg weiter an. Allerdings gibt es erste Anzeichen, dass die Welle nicht mehr ganz so schnell steigt. Am UKE sei die Zahl der Neuerkrankungen "deutlich rückläufig", berichtete Vorstandschef Prof. Jörg Debatin. Hamburg ist bislang am schwersten vom EHEC-Ausbruch betroffen. In der Klinik liegen mehrere schwerkranke HUS-Patienten. Debatin befürchtet, dass nicht alle gerettet werden können.

Mindestens elf Todesfälle in Deutschland

Nun wird auch der erste Todesfall außerhalb Norddeutschlands gemeldet. Im Kreis Paderborn (Nordrhein-Westfalen) starb eine 91-jährige Frau an der gefährlichen Durchfallerkrankung. Die Frau habe mehrere schwere Vorerkrankungen gehabt, teilte der Kreis mit. Es ist der bundesweit elfte Todesfall. Zuvor waren insgesamt zehn Menschen in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen an dem Erreger gestorben.

Die 91-Jährige aus Bad Lippspringe hatte sich in der vergangenen Woche mit dem gefährlichen Durchfallerreger EHEC infiziert. Bei ihr war auch die schwere Komplikation HUS eingetreten. Der Kreis Paderborn ist der Schwerpunkt der Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen. Bislang waren in diesem Kreis 13 Menschen - neun Frauen, vier Männer - im Alter zwischen 11 und 91 Jahren mit HUS gezählt worden.

Das Hamburger Hygiene-Institut hatte den Darmkeim auf drei Salatgurken aus Spanien gefunden, doch schlossen die Experten weitere Quellen nicht aus.

Gemüse im Norden nicht roh essen

Bisher konnte der Verursacher der Erkrankung trotz neuer Untersuchungen am Wochenende noch nicht näher auf eine bestimmte Quelle eingegrenzt werden. Deshalb sollen Menschen in Norddeutschland auf Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI) nach wie vor Gemüse vor dem Verzehr erhitzen.

Das RKI halte "an der Warnung fest, in Norddeutschland Gemüse nicht roh zu verzehren", sagte RKI-Präsident Reinhard Burger im RBB-Inforadio. Waschen des Gemüses allein biete keinen sicheren Schutz, sagte Burger. "Erhitzen ist verlässlicher als Waschen." Dazu sollte das Gemüse zwei bis zehn Minuten bei 70 Grad gegart werden.

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Gurken sind jetzt im Angebot zu haben ...

(Foto: dpa)

Die Sorge der Bauern, dass sie auf ihren Tomaten, Gurken und Salaten sitzen bleiben, könne er gut verstehen, betonte der RKI-Präsident. "Doch Vorrang hat der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung." EHEC sei eine schwere Infektion, die in relativ großer Zahl auftrete, und deshalb gehe es primär darum, die Bürger vor diesem Infektionsrisiko zu warnen.

Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) bekräftigte die Warnung vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Salat. "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand", sagte Aigner der "Bild am Sonntag". Bei Untersuchungen der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) von Gemüse der Mitglieder wurden noch keine EHEC-Bakterien gefunden, so der Verband.

Laut Verbraucherschutzministerium ist derzeit noch nicht bekannt, wo die Kontamination der Waren stattgefunden hat. Daher seien die Sicherheitsaussagen durch Tests auf der Erzeugerseite noch von begrenzter Aussagekraft.

Montgomery warnt vor "Panikmache"

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, sagte der "Passauer Neuen Presse": "Jeder kann sich schützen, indem er sich streng an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hält": Häufig Hände waschen und vorübergehend auf bestimmtes Gemüse verzichten. Die Lage lasse sich beherrschen, auch wenn die Fallzahlen stiegen, sagte Montgomery und warnte vor "Panikmache".

Die hohe Zahl von EHEC-Neuerkrankungen erklärte Burger mit der relativ langen Inkubationszeit, also der Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Symptome. Die Inkubationszeit betrage etwa eine Woche, vielleicht auch fünf, sechs Tage", so Burger. Prognosen zur weiteren Entwicklung machte er nicht, auch weil die eigentliche Verseuchungssquelle nach wie vor unklar ist. "Im Moment können wir schlicht noch nicht verlässlich sagen, was die eigentliche Infektionsquelle ist", betonte der RKI-Präsident.

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Der Hamburger Nierenspezialist Rolf Stahl informiert über die Lage.

(Foto: dpa)

Bundesweit registrierten die Behörden mehr als 1200 bestätigte EHEC-Verdachtsfälle, davon allein in Hamburg bis Samstag mindestens 467. Die Behörden in Schleswig-Holstein und Niedersachsen gehen indes davon aus, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigen wird. Wegen Überlastung verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte nach Niedersachsen. Dort wurden mehr als 140 bestätigte Erkrankungen, rund 50 EHEC-Verdachtsfälle und über 40 HUS-Fälle registriert.

Laut EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC in Stockholm handelt sich um einen der weltweit schwersten EHEC-Ausbrüche. Unmittelbare Gefahren für andere europäische Länder sieht die Behörde derzeit noch nicht. Allerdings sind nach Fällen in anderen europäischen Ländern nun auch EHEC-Erkrankungen in Schweden und Frankreich aufgetreten.

Touristen infizieren sich in Deutschland

Das schwedische Institut zur Kontrolle ansteckender Krankheiten zählte am Sonntag 36 Verdachtsfälle, die sich allesamt wahrscheinlich in Norddeutschland infiziert haben. In 13 Fällen habe sich die Infektion zum hämolytisch-urämischen Syndrom ausgeweitet. Zwei Personen seien schwer von den lebensgefährlichen Durchfallerkrankungen durch EHEC-Erreger betroffen. Das Institut empfiehlt schwedischen Bürgern, die nach Norddeutschland reisen, keine Gurken, Salat oder rohe Tomaten zu essen.

Der französische Gesundheitsminister Xavier Bertrand berichtete am Sonntagabend im Fernsehen von drei Patienten, die alle zuvor in Deutschland gewesen waren. Die Erkrankten leben in Nordfrankreich, im südfranzösischen Toulouse und auf Korsika. Eine Lieferung vermutlich verseuchter Gurken wurde in der Bretagne abgefangen und sofort vom Markt genommen, so dass nach Angaben der Regierung durch sie keine Gefahr bestand.

Spanien erwägt Klage

Spanien prüft inzwischen Schadensersatzansprüche gegen Deutschland für Produktionsausfälle der eigenen Landwirte im Zusammenhang mit den EHEC-Krankheitsfällen. Deutsche Behörden hätten darüber spekuliert, dass die Infektionen ihren Ursprung in spanischen Gurken haben könnten, sagte Agrarstaatssekretär Josep Puxeu.

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Das Plastikmeer der Gewächshäuser beim südspanischen El Ejido (Almería): Die Bauern werfen Deutschland vor, Landwirte in Spanien vorschnell mit dem EHEC-Erreger in Verbindung gebracht zu haben.

(Foto: dpa)

Dies habe dazu geführt, dass mehrere Länder und Handelsgesellschaften die Einfuhr spanischer Agrarprodukte eingeschränkt hätten. "Solche Hemmnisse sind verantwortungslos und ungeheuerlich", sagte Puxeu. Die spanische Gesundheitsministerin Leire Pajín betonte, es gebe bisher keine Beweise und auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Gurken in Spanien mit EHEC-Erregern kontaminiert worden seien.

Die Bauernverbände bezifferten die Verluste, die dem spanischen Gemüseanbau entstünden, auf sechs bis acht Millionen Euro am Tag.

Auch die Niederlande beklagen einen Exportausfall nach Deutschland. Der Export von Gemüse ins Nachbarland sei nahezu zum Erliegen gekommen, sagte der niederländische Minister für Landwirtschaft und Außenhandel, Henk Bleker.

Sein Land sei dringend daran interessiert, dass baldmöglichst geklärt wird, woher die potenziell tödliche Darminfektion kommt, sagte Bleker weiter. Dabei wollen die Niederlande Deutschland helfen. Im eigenen Land seien Überprüfungen von Rohkostproduzenten im Gange. Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass niederländisches Gemüse EHEC-Überträger sei.

Quelle: ntv.de, dpa/rts/AFP

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