Panorama

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt Ist die Pandemie in Israel bereits vorbei?

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Maskenlos im Freien - in Tel Aviv und ganz Israel ist das seit dem Wochenende wieder erlaubt.

(Foto: imago images/Xinhua)

Während man in Deutschland noch um das richtige Mittel gegen hohen Corona-Fallzahlen ringt, wird in Israel schon der "Ausweg aus Covid-19" verkündet. Die Fallzahlen nähern sich dort der Nulllinie. Maßnahmen purzeln. Wird dort nun alles wie vorher? Neue Erkenntnisse geben Anlass zum Zweifeln.

Die Corona-Pandemie ist so gut wie vorbei - jedenfalls in Israel, wenn man den Worten des Biologen Eran Segal vom Weizmann Institut Glauben schenkt. Vor einigen Tagen frohlockte der Forscher auf Twitter, dass der israelische Unabhängigkeitstag vergangene Woche den "Ausweg aus Covid-19, zumindest vorerst" markiere. Die Begründung lieferte Segal mit: Seit dem Höchststand Mitte Januar sei die Zahl der Neuinfektionen in Israel um 98 Prozent zurückgegangen, die der schwer Erkrankten um 93 Prozent und die Zahl der Todesfälle um 87 Prozent.

Den Grund kennt wohl mittlerweile jedes Kind: Israel hat sich in Windeseile aus der Krise geimpft. 85 Prozent der über 16-Jährigen in Israel seien entweder schon geimpft oder hätten eine Infektion durchgestanden, so Segal. Das versetzt Israel in die Lage, die einst strengen Corona-Maßnahmen eine nach der anderen kippen zu können. Seit Sonntag müssen die Einwohner im Freien keinen Atemschutz mehr tragen. Bereits seit März haben Bars und Restaurants wieder geöffnet. Und nach Monaten der Abschottung sollen Ende Mai sogar wieder Touristen einreisen dürfen - natürlich nur geimpfte. "Das Leben ist fast wie in der Zeit vor Covid", schreibt Segal. Auch die verbleibenden Einschränkungen könnten "wahrscheinlich aufgehoben werden".

Fast fünf Millionen Menschen und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung Israels wurden bereits zweimal geimpft. Der Erfolg des israelischen Impfprogramms wurde durch ein Abkommen über einen Datenaustausch mit Pfizer/Biontech ermöglicht. Dabei verpflichtete sich Israel, das die medizinischen Daten seiner gesamten Bevölkerung digitalisiert hat, gegen eine bevorzugte Belieferung mit Impfstoff rasch Informationen über dessen Wirksamkeit weiterzugeben.

Sieben-Tage-Inzidenz von rund 12

Offenbar war es das wert: Die Fallkurven Israels dürften ein Augenschmaus für fast alle anderen Menschen auf der Erde sein. Zuletzt melden die israelischen Behörden im Schnitt rund 150 Neuinfektionen täglich - rechnet man das auf die Verhältnisse in Deutschland um, das fast zehnmal so viele Einwohner hat, entspräche das etwa 1400 Neuinfektionen am Tag. Der israelischen Sieben-Tage-Inzidenz von rund 11 steht aktuell eine deutsche von rund 160 gegenüber.

Auch die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle sank in Israel auf zuletzt im Schnitt etwa 6, was 55 in Deutschland entspräche. Der tatsächliche Wert hierzulande liegt jedoch aktuell mit rund 230 mehr als viermal so hoch.

Dass wirklich die Impfkampagne und nicht etwa der dritte, strenge Lockdown Anfang Januar in Israel die Wende brachte, zeigen Segal und seine Kollegen in einer jüngst im Magazin "Nature" erschienenen Studie. Demnach war nach Beginn der Impfkampagne Ende Dezember deutlich zu erkennen, wie zuerst die Fallzahlen in der Altersgruppe der über 60-Jährigen zurückgingen. Erst später folgte der Rückgang in anderen Altersgruppen - entsprechend der Impfreihenfolge von alt nach jung. Beim vorangegangenen Lockdown sei dieses Muster jedoch nicht beobachtet worden, so die Forscher.

Vor dem aktuellen Erfolg hatte Israel jedoch einiges erdulden müssen: Zwei besonders heftige Infektionswellen hatten das Land im vergangenen Herbst und Winter erfasst. Im Januar hatte Israel noch Höchststände von 10.000 Neuinfektionen pro Tag verzeichnet. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag teilweise bei über 600. Bisher haben fast zehn Prozent der Bevölkerung Israels eine Infektion durchlitten. Mehr als 6300 Israelis starben an oder mit dem Virus. Auf die Einwohner umgerechnet hatte Israel zeitweise mehr als doppelt so viele Todesfälle zu beklagen wie Deutschland. Mittlerweile sind es allerdings weniger, und der Abstand wächst.

Deutschland Ende Mai auch so weit?

Was Israel bereits erreicht hat, müsste logischerweise auch Deutschland bevorstehen: Wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Erstimpfung habe, sei hierzulande ebenfalls ein starkes Sinken der Fallzahlen und der Sterblichkeit bis Ende Mai möglich, twitterte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mit Blick auf israelische Statistiken. Allerdings nur gemeinsam mit einem "letztem strengen Lockdown", ergänzte er. Es fehlten also nur noch sechs Wochen.

Ein Blick nach Israel ist also ein Blick in die Zukunft Europas - möglicherweise auch, was die noch offenen Fragen angeht: Etwa, ob mit einer hohen Impfquote auch die Gefahr durch Varianten von Sars-CoV-2 gebändigt ist. Denn es gibt Hinweise, dass bestimmte Mutationen sich von den Impfungen weniger gut in Schach halten lassen. Diese Flucht-Mutationen wurden etwa bei den in Südafrika (B.1.351), Brasilien (P.1) und Indien (B.1.617) aufgetretenen Varianten entdeckt.

Könnte Israels Impferfolg also womöglich nur von kurzer Dauer sein? Noch weiß das niemand genau. Eine aktuelle Studie eines Teams um den Forscher Adi Stern von der Universität Tel Aviv fand heraus, dass der in Israel eingesetzte Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer tatsächlich Geimpfte weniger gut vor der Variante B.1.351 schützt. "Die südafrikanische Variante ist in gewissem Umfang in der Lage, die Schutzwirkung des Impfstoffs zu durchbrechen", hatte Stern der Nachrichtenagentur AFP gesagt.

Variante infizierte Geimpfte häufiger

Die Forscher hatten zwei Gruppen von Menschen miteinander verglichen - die eine Gruppe hatte bereits vollständigen oder teilweisen Impfschutz. Es zeigte sich jedoch, dass bei jenen Geimpften, die sich dennoch infizierten, die Variante B.1.351 achtmal häufiger auftrat als bei den ungeimpften Probanden. Auch die Variante B.1.1.7 wurde etwas häufiger bei Geimpften festgestellt, heißt es in der Studie, die nun von Fachkollegen begutachtet wird.

Laut den Forschern deutet dies darauf hin, dass in einer durchgeimpften Bevölkerung diese Varianten häufiger Menschen anstecken, als es der Vorgänger getan hätte. Gleichzeitig betonen sie, dass B.1.351 in Israel bisher selten und die Wirksamkeit des Impfstoffs bei vollständig Geimpften weiterhin hoch sei. Ihrer Ansicht nach können Impfungen in Kombination mit anderen, sogenannten nicht-pharmazeutischen Maßnahmen - wie etwa Abstandhalten und Maskenpflicht -, die Varianten dennoch unter Kontrolle halten. Womöglich wird es also mit der vollständigen Rückkehr zur Normalität wie vor der Pandemie auch in Israel noch eine Weile dauern.

Quelle: ntv.de

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