Panorama
Fontana, hier mit Kind und Frau, hält nur traditionelle Familien für echt.
Fontana, hier mit Kind und Frau, hält nur traditionelle Familien für echt.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 12. Juni 2018

Streit um Regenbogenfamilien: Italiens Familienminister erntet Widerspruch

Von Andrea Affaticati, Mailand

Auf die Frage "Existieren Regenbogenfamilien?", antwortet Italiens neuer Familienminister Fontana mit einem klaren Nein. Das ist selbst im katholischen Italien nicht mehr zeitgemäß und löst eine Welle der Entrüstung aus.

Bisher kannten nicht viele Italiener den Stellvertreter der rechtsnationalen Lega, Lorenzo Fontana. Doch als frisch gekürter Familienminister machte der frühere Europaparlamentarier gleich auf sich aufmerksam. Sein Ziel sei es, dafür zu sorgen, dass die Geburtenrate steigt und die Zahl der Abtreibungen weiter sinkt, sagte er in einem Zeitungsinterview. Allein letzteres Vorhaben sorgte dafür, dass sich so mancher die Frage stellte, ob der Minister vorhat, hart erkämpfte Rechte, wie das des Schwangerschaftsabbruchs, wieder rückgängig zu machen. Der Satz aber, der einen regelrechten Proteststurm auslöste, war folgender: "Regenbogenfamilien gibt es nicht". Fontana betonte, er sei katholisch, "das verberge ich nicht. Und deshalb sage ich auch, dass die Familie jene ist, wo es ein Kind eine Mama und einen Papa geben soll."

Dass die schon seit langem geplante Gay Pride in Rom am vergangenen Samstag, nur wenige Tage nach dieser Aussage, stattfand war reiner Zufall. In den Augen vieler kam sie jedoch jetzt gerade zum richtigen Zeitpunkt. Tausende Menschen nahmen, das Partisanen-Lied "Bella ciao" singend, daran teil: "Es waren aber nicht nur Homosexuelle, LGBT und Regenbogenfamilien. Die Gleichberechtigung ist in unserer Verfassung verankert und Ausgrenzungen wie der Satz des Ministers, erinnern an den Faschismus", sagt Marilena Grassadonia, Vorsitzende des italienischen Regenbogenfamilienverbands, im Gespräch mit n-tv.

Gegründet wurde der Verband vor 13 Jahren und er zählt heute über 1500 Mitglieder mit insgesamt 700 Kindern. "In Wirklichkeit sind wir viel mehr, da wir aber gesetzlich nicht anerkannt sind, gibt es auch keine genauen Zahlen", fährt sie fort.

Angst vor Rückschlägen

In Paragraph 3 des italienischen Grundgesetzes steht, dass "alle Bürger ein Recht auf dieselbe gesellschaftliche Würde haben". Das Grundgesetz trat im Dezember 1947 in Kraft, die Verfasser waren zwar keine Hellseher, achteten aber trotzdem darauf, den Text so zu schreiben, dass er dem zukünftigen gesellschaftlichen Wandel gerecht werden konnte.

"Stimmt, leider hinken die Politiker aber diesem Wandel und der Gesellschaft hinterher", bemerkt Anna Paola Concia im Gespräch mit n-tv. Die ehemalige Abgeordnete und heutige Stadträtin in Florenz, schloss 2011 in Frankfurt mit ihrer deutschen Partnerin eine Lebensgemeinschaft. "Italien wurde wegen Missachtung der Rechte der Homosexuellen auch mehrmals von der EU gerügt." Zum Beispiel, weil das Parlament bis heute kein Gesetz gegen Homophobie verabschiedet hat. 2016 wurde zwar die gleichgeschlechtliche Partnerschaft gesetzlich anerkannt, ausgeschlossen davon blieb aber die Möglichkeit das leibliche Kind des Partners anzuerkennen.

Ein Hang zur Heuchelei

Concia selbst befürchtet nicht, dass die neue Regierung dieses Gesetz rückgängig machen wird. Nichtsdestotrotz ist sie der Meinung, dass Ansagen wie die von Fontana Gift für den Zusammenhalt der Gesellschaft sind. "Seit zehn Jahren pendle ich zwischen Italien und Deutschland. Mittlerweile habe ich meinen festen Wohnsitz in Frankfurt zusammen mit meiner Frau. Ich lebe also die Unterschiede. Den Deutschen ist es zum Großteil egal, welche sexuelle Orientierung einer hat. In Italien ist es anders: die Sexualität ist so etwas wie eine Obsession, gepaart mit einem typisch italienischen Drang zur Heuchelei." Die Politiker seien hierfür ein Paradebeispiel: Einerseits spielen sie sich als Hüter der Moral auf, andererseits pflegen sie häufig außereheliche Liebschaften.

Viele Homosexuelle befürchten, dass es für sie wieder schwieriger werden könnte, akzeptiert zu werden. Umso freudiger wurde am vergangenen Donnerstag die Nachricht aufgenommen, dass der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala in die Geburtsurkunden von neun Kindern gleichgeschlechtlicher Partnerinnen beide Frauen als Mütter eintrug. Mailand folgt damit dem Beispiel anderer Städte wie Palermo und Catania in Sizilien und Turin in Norditalien. "Bis heute sind es zehn. Es ist aber unakzeptabel, ein grundlegendes Recht vom guten Willen der jeweiligen Bürgermeister und von Ausnahmen abhängig zu machen", ereifert sich die Vorsitzende der Regenbogenfamilien. "Das Parlament muss endlich ein Gesetz dazu verabschieden." Dass dies in der laufenden Legislaturperiode geschehen wird, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Aber selbst der Chef der Lega, Innenminister Matteo Salvini, der sonst selbst gegen Familienmodelle mit zwei Müttern oder Vätern wettert, distanzierte sich von seinem Vize. Fontana könne "seine eigenen Vorstellungen haben", sagte er. "Aber sie sind nicht Priorität und sie stehen nicht in unserem Regierungsvertrag."

Quelle: n-tv.de