Panorama
Dienstag, 16. Februar 2010

Ruf nach Reform und Entschädigung: Katholische Kirche am Pranger

Während Kirchenkritiker wie Eugen Drewermann die verklemmte Sexualmoral bis hin zum Eheverbot für Priester als einen Grund dafür ansehen, dass strikt Gott verpflichtete Geistliche sich an Kindern und Jugendlichen vergehen, bestreitet der Augsburger Bischof Walter Mixa einen solchen Zusammenhang. Für ihn ist die "sexuelle Revolution" schuld.

Bischof Mixa gehört zu dem konservativeren Flügel innerhalb der katholischen Kirche.
Bischof Mixa gehört zu dem konservativeren Flügel innerhalb der katholischen Kirche.(Foto: dpa)

Im Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten- Kollegs und anderen katholischen Schulen wird der Ruf nach Reformen in der Kirche und einer Wiedergutmachung immer lauter. Der Jesuiten-Orden wies Forderungen nach einer generellen Entschädigung zurück. Zugleich entfachte der Augsburger Bischof Walter Mixa eine Debatte über die Ursachen für den Missbrauch vieler Jesuiten-Schüler. Der Kirchenmann gab der sexuellen Revolution die Schuld daran.

Grünen-Chefin Claudia Roth verlangte eine glaubwürdige Antwort der Kirche, "wie sie das schwere seelische Leid bei vielen Menschen wiedergutmachen" und "wie sie verhindern will, dass sich so etwas wiederholt". Roth sieht die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrstagung in der kommenden Woche in der Pflicht.

Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann forderte eine Änderung der repressiven Sexualmoral der katholischen Kirche. Inzwischen sind deutschlandweit schon mehr als 100 Missbrauchsopfer bekannt. Die meisten Betroffenen besuchten eins der drei Jesuiten-Gymnasien. Die Fälle liegen rund 30 Jahre zurück.

Anwältin kündigt Zwischenbericht an

Gleichzeitig rückt möglicherweise ein Stück Aufklärung näher. Die vom Jesuitenorden benannte Beauftragte Ursula Raue kündigte ihren Zwischenbericht für Donnerstag an. In einer Pressekonferenz will die Rechtsanwältin in Berlin über den aktuellen Stand aus Sicht des Jesuitenordens berichten.

Keine generelle Entschädigung der Opfer

Allein am Canisius-Kolleg in Berlin wurden vermutlich mehr als 100 Schüler Opfer sexuellen Missbrauchs.
Allein am Canisius-Kolleg in Berlin wurden vermutlich mehr als 100 Schüler Opfer sexuellen Missbrauchs.(Foto: picture alliance / dpa)

Der in München ansässige Jesuiten-Orden in Deutschland reagierte unterdessen verhalten auf die Ankündigung der Berliner Opfer-Anwältin Manuela Groll, mehrere der von ihr vertretenen Opfer wollten eine finanzielle Entschädigung. "Es ist nicht daran gedacht, dass der Orden von sich aus Entschädigungszahlungen anbietet", sagte der Sprecher des Jesuiten-Ordens, Thomas Busch. "Es gibt keinen Blankoscheck." Wenn Anwälte Entschädigungen forderten, werde das juristisch geprüft, sagte Busch. Dieser Prozess werde jedoch nicht öffentlich kommentiert.

Die Ausweitung des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche ändere an der grundsätzlichen Bewertung nichts, sagte der Jesuiten-Sprecher. "Das Entsetzen und die Scham über den Missbrauch quantifiziert sich nicht durch die Zahl der Opfer. Jedes Opfer ist eins zu viel", sagte Busch. Ähnlich äußerte sich der Sprecher des Erzbistums Berlin.

Drewermann sieht Schuld in Kirchenstrukturen

Schon vor 20 Jahren hatte der umstrittene katholische Theologe und Psychotherapeut Drewermann in seinem Bestseller "Kleriker" die katholische Sexualmoral und das Heiratsverbot für Priester kritisiert.
Schon vor 20 Jahren hatte der umstrittene katholische Theologe und Psychotherapeut Drewermann in seinem Bestseller "Kleriker" die katholische Sexualmoral und das Heiratsverbot für Priester kritisiert.(Foto: dpa)

Nach Ansicht Drewermanns sind die Strukturen der katholischen Kirche für den Missbrauchsskandal mitverantwortlich. "Der kardinale Fehler der katholischen Kirche besteht darin, ihre Kleriker zu nötigen, zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Menschen alternativisch zu wählen", sagte Drewermann. Er kritisierte das Heiratsverbot für Priester und die repressive Sexualmoral. Hier müsse die Kirche Roms dazu lernen. Der Unfehlbarkeitsanspruch der Kirche führe dazu, dass über die Strukturfehler nicht nachgedacht werde, die Fehlentwicklungen wie den Missbrauch begünstigten. "Und es ist keine Übertreibung zu glauben, dass die Furcht der katholischen Kirche vor der Homosexualität begründet ist in den Folgen ihrer eigenen Sexualfeindlichkeit."

"Leib-, lust- und frauenfeindlichen Sexualmoral"

Ohne Zölibat hätte die Kirche sicher weniger Probleme mit sexuellen Übergriffen, meint auch Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel. "Der Zölibat ist aber nur ein Teil einer ausgesprochen leib-, lust- und frauenfeindlichen Sexualmoral."

Durch diese rigide und dem heutigen Leben nicht entsprechende Sexualmoral versprächen sich junge Menschen, die Probleme mit ihrer Sexualität hätten, oft eine "Heilung" durch das Priesteramt oder den Eintritt in ein Kloster. Dahinter stehe die irrige Meinung, durch den spirituellen Rahmen ihre sexuellen Neigungen, die an sich völlig normal sind, beherrschen zu können. "Genau darin liegt dann das Problem. Denn auf Dauer lassen sich, wie die große Zahl von sexuellen Übergriffen zeigt, die sexuellen Bedürfnisse nur schwer unterdrücken."

Mixa: Schuld hat die "sexuelle Revolution"

Der Augsburger Bischof Walter Mixa dagegen erkennt keinen Zusammenhang von priesterlicher Ehelosigkeit und sexuellen Übergriffen. Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Pädophilie (strafbarer Sex mit Kindern) und dem Zölibat, darauf hätten unabhängige Experten hingewiesen, sagte der Bischof der "Augsburger Allgemeinen". "Der ganz überwiegende Teil entsprechender Sexualstraftaten wird von verheirateten Männern, oft im verwandtschaftlichen Umfeld der Opfer, begangen", so Mixa.

Der Bischof machte vielmehr eine zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft für solches Verhalten verantwortlich. "Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig", sagte er.

Rozh: Haarsträubend und Verhöhnung der Opfer

Grünen-Chefin Roth griff Mixa wegen dieser Äußerungen scharf an. "Es ist nicht nur haarsträubend, sondern auch eine beispiellose Verhöhnung der Opfer sexuellen Missbrauchs, wenn an diesem Skandal innerhalb der Katholischen Kirche nun andere schuld sein sollen", sagte Roth ebenfalls der "Augsburger Allgemeinen".

Die Politikerin erwartet von der Bischofskonferenz einen "grundlegend neuen und angemessenen Umgang mit Missbrauchsfällen in Institutionen der katholischen Kirche". Schließlich gehe es um schwere Straftaten und um deren Vertuschung. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, der die Missbrauchsaffäre Ende Januar selbst öffentlich gemacht hat, erwartet von der Debatte auf der Bischofskonferenz "Unterstützung und Ermutigung".

Gebet statt Entschädigung

Die Berliner Jesuiten laden unterdessen zu einem Gebet ein. "Tief betroffen von den Zeugnissen der Überlebenden sexueller Gewalt" möchten sich die Jesuiten am Aschermittwoch vor Gott im Gebet versammeln, teilte der Orden in Berlin im Internet mit. "Wir möchten im stillen Gebet vor Gott und der Öffentlichkeit unsere Scham und Trauer ausdrücken über die Schuld einzelner Jesuiten und die Katastrophe institutionellen Wegsehens."

Quelle: n-tv.de