Panorama

Spekulationen im Fall MH370 Piloten diskutieren Feuer an Bord

Der mysteriöse Verlust eines Passagierjets mit 239 Menschen an Bord beschäftigt nicht nur die Behörden. Im Internet tauchen neue Theorien auf, was im Cockpit der Boeing geschehen sein könnte. Eine These klingt überraschend plausibel.

2014-03-17T213635Z_2102462564_GM1EA3I0FHA01_RTRMADP_3_MALAYSIA-AIRLINES.JPG5476519300133184257.jpg

Tagelang in der falschen Meeresregion gesucht? Die Besatzung der "USS Kidd" wird ihren Einsatz in der Andamanensee in einigen Tagen abbrechen, heißt es aus Washington.

(Foto: REUTERS)

Seit knapp zehn Tagen gilt Flug MH370 als verschollen. Mittlerweile sucht ein multinationales Großaufgebot an militärischen und zivilen Spezialisten in zwei Suchstreifen vom Kaspischen Meer bis hinunter in den Indischen Ozean nach Hinweisen auf den Verbleib der vermissten Boeing 777-200 - bislang ohne Erfolg.

Was genau zu dem höchst ungewöhnlichen Verschwinden des Flugzeugs geführt haben könnte, ist weiterhin vollkommen unklar. Allerdings kursieren im Internet nun neue Überlegungen, die über die bisher diskutierten Szenarien hinausgehen - und die Ermittler womöglich auf eine heiße Spur führen könnten.

Die bislang bekannten Fakten zum Flugverlauf zeichnen ein Bild voller Rätsel: Auf halber Strecke zwischen Malaysia und Vietnam verschwindet die Maschine vom Radarschirm - ohne jeden Notruf, ohne irgendein Anzeichen plötzlich aufgetretener Schwierigkeiten. Schon sehr früh grenzten Experten die Masse möglicher Ursachen auf drei Kategorien ein: Eine Verkettung technischer Fehler, menschliches Fehlverhalten oder ein terroristischer Anschlag.

Aus Mangel an anderen Ansatzpunkten kreisen die offiziellen Ermittlungen zunächst darum, die plausibelsten Spuren zu verfolgen. Parallel dazu lief eine großräumige Suche nach Trümmerteilen an. Doch spätestens seitdem klar scheint, dass die verschiedenen Kommunikationssysteme der Maschine nacheinander und damit offenbar absichtlich vom Netz gingen, gehen Ermittler von einer gezielten Entführung nach ganz neuem Muster aus. Ein Bekennerschreiben gibt es nicht - noch nicht einmal von etwaigen Trittbrettfahrern.

stepmap-karte-suche-nach-flug-mh370-1397531(1).jpg

Blieb den Piloten schlicht keine Zeit mehr für einen Notruf? Im Netz diskutieren Laien und Fachleute die unterschiedlichsten Theorien.

Die aufwändigen Hintergrundprüfungen aller an Bord befindlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder ergab eine ganze Reihe unterschiedlicher Verdachtsmomente von falschen Pässen an Bord über anscheinend lax gehandhabten Sicherheitsvorschriften beim Check-In und im Cockpit bis hin zu vagen politischen Motiven oder zu einem privat betriebenen "Flugsimluator" auf PC-Basis. Zuletzt wurde auch die Theorie, bei dem Vorfall könne es sich um Versicherungsbetrug oder einen Suizid eines oder beider Piloten gehandelt haben, ausgiebig beleuchtet - ohne allerdings diese Verdachtsmomente belastbar erhärten zu können.

Theorie: Geisterflug

Die Ursachenforschung in der Kategorie Eins - dem Bereich der Technik - scheint dabei vollkommen in den Hintergrund zu geraten. Dabei gibt es durchaus Szenarien, die alle bisher bekannten Bewegungs- und Kommunikationsmuster der Boeing allein durch technische Ursachen erklären könnten. Im sozialen Netzwerk Google+ zum Beispiel macht ein Beitrag eines angeblichen Piloten die Runde, der seit einigen Tagen mit einer ebenso einfachen wie plausiblen Erklärung aufwartet.

Die Piloten von Flug MH370 haben demnach in seinen Augen durchaus rational und sehr überlegt auf ein unvorhergesehenes Ereignis reagiert, das sie kurz nach Erreichen der Reiseflughöhe mitten in der Nacht über dem Golf von Thailand überrascht haben muss. Bislang ist es nicht mehr als eine weitere Spekulation, allerdings stützt sich Google-Nutzer "Chris Goodfellow" auf nachvollziehbare Argumente.

Stutzig gemacht habe ihn die plötzliche Linkswende der Maschine. Dieser außerplanmäßige Kurswechsel ist tatsächlich gut belegt. Die Behörden gehen nach Auswertung von Radar- und Satellitendaten inzwischen davon aus, dass Flug MH370 von seinem planmäßigen Kurs über das Südchinesische Meer abwich, offenbar in einem exakt abgesteckten Kurs über die Malaysische Halbinsel flog und weiter in nordwestlicher Richtung auf die Andamanensee zusteuerte.

Gezielt Richtung Langkawi?

Einem Bericht der "New York Times" zufolge wurde die Kursänderung nach Westen offenbar von Hand in den Navigationscomputer im Cockpit eingegeben. Dazu waren nach Angaben eines nicht näher benannten ranghohen Vertreters der US-Regierung sieben oder acht Tastenanschläge an einem Terminal erforderlich, das sich zwischen dem Kapitän und dem Ersten Offizier befindet. Unklar blieb, ob die Eingabe vor dem Start oder während des Fluges erfolgte. Anstatt einer manuellen Steuerung der Maschine sei der Flugrichtungswechsel von MH370 automatisch eingeleitet worden.

Im Erklärungsversuch von "Chris Goodfellow" bildet diese Linkswende den Schlüssel. Konfrontiert mit einer außergewöhnlichen Flugsituation habe der sehr erfahrene Kapitän der Maschine eine Grundregel des Fliegens beherzigt und sich an den nächstgelegenen Flughafen mit ausreichend langer Rollbahn erinnert. "Wir alten Piloten", schreibt er, "wurden stets darauf gedrillt, während des Fluges immer genau im Kopf zu behalten, wo der nächstgelegene Flughafen liegt."

Tatsächlich scheint der Kurswechsel nach Westen die Maschine in die direkte Flugrichtung nach Pulau Langkawi zu führen. Auf dieser Insel in der Straße von Malakka gibt es einen Flughafen mit einer außergewöhnlichen langen Piste. Die Landebahn des Langkawi International Airport (IATA: LGK) ist knapp vier Kilometer lang, 45 Meter breit und bietet einen Anflug frei von Hindernissen über das offene Wasser. Der Flughafen scheint damit wie gemacht für eine Notlandung. Lag hier das neue Ziel von Flug MH370?

Rauch im Cockpit?

Dass es keinen Notruf gab, erklärt "Goodfellow" mit der simplen Regel "Aviate, Navigate and lastly Communicate", also fliegen, dann orientieren und dann erst kommunizieren. In einer außergewöhnlichen Situation, wie etwa einem Feuer in der Bordelektronik, sollten Piloten also erst die Maschine in der Luft stabilisieren, bevor sie sich um die weiteren dringlichen Aufgaben kümmern.

Ein Feuer an Bord könnte unter Umständen auch erklären, wieso technische Geräte einzeln und nacheinander ausgefallen sein könnten. Bei der Suche nach der Ursache eines Kurzschlusses könnte der 53-jährige Kapitän Zaharie Ahmad Shah oder sein 27 Jahre alter Ko-Pilot Fariq Abdul Hamid unter Umständen sogar einzelne Systeme gezielt ausgesteckt haben.

Die Theorie von einem katastrophalen Feuer an Bord könnte sogar erklären, warum es nach den ersten Problemen zu keinem weiteren Funkspruch mehr kam. Womöglich sind Crew und Passagiere - die sich 40 Minuten nach dem Start wohl bereits auf einen mehr oder weniger bequemen Nachtflug eingestellt hatten - binnen Sekunden an den Abgasen eines größeren Feuers im Cockpit oder im Rumpf der Maschine erstickt und anschließend noch stundenlang führungslos durch die Nacht geflogen - nur gelenkt vom Autopiloten hinaus aufs offene Meer.

Erinnerungen an Flug HCY522

RTRKH6B.jpg

Tragisches Ende nördlich von Athen: die Maschine der Helios Airways.

(Foto: Reuters)

Dass eine solche katastrophale Verkettung unglücklicher Umstände zumindest nicht undenkbar ist, beweist ein Vorfall aus dem J ahr 2005. Damals war eine Boeing 737-300 der zyprischen Fluggesellschaft Helios Airways mit 121 Menschen an Bord nahe der griechischen Hauptstadt abgestürzt. Im Inneren der Unglücksmaschine war es zuvor während des Flugs von Larnaka nach Athen zu einem gravierenden Sauerstoffmangel gekommen.

Die Parallelen sind frappierend, allerdings gibt es zwischen dem Fall Helios HCY522 und dem Flug von MH370 auch sehr markante Unterschiede: Im Cockpit der zyprischen Maschine ertönten bereits wenige Minuten nach dem Start andauernde akustische Alarmsignale. Über den Passagiersitzen fielen die Sauerstoffmasken aus ihren Gehäusen. Erst danach brach der Funkkontakt ab. Die Maschine flog anschließend per Autopilot fast drei Stunden durch den griechischen Luftraum, bis sie mit leer geflogenen Tanks unweit von Athen niederging und am Boden zerschellte. Es gab keine Überlebende.

Terrorverdacht entkräftet?

Da die Besatzung keine Erklärungen zu der offensichtlichen Luftnotlage abgegeben hatte, lösten die Behörden umgehend Terroralarm aus. Griechische Kampfbomberpiloten konnten in den letzten Minuten des Todesfluges beobachten, dass eine "Gestalt" im Cockpit versuchte, die Maschine zu übernehmen. Beide Piloten waren zu diesem Zeitpunkt ohnmächtig oder bereits tot. Die Kampfjets waren aufgestiegen und nahe an die Passagiermaschine herangeflogen, nachdem der Funkkontakt abgebrochen war. Per SMS konnten einzelne Passagiere zeitweise noch Kontakt mit Angehörigen aufnehmen.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich bei der dritten Person im Cockpit der Helios-Maschine um ein Mitglied der Kabinencrew gehandelt haben musste, der als letzter bei Sinnen versuchte, die Boeing gegen den Autopiloten in den Sinkflug - und damit in dichtere Luftschichten - zu zwingen. Der Terrorverdacht erwies sich als vollkommen unbegründet, und das, obwohl zunächst äußere Anzeichen darauf hingewiesen hatten.

Trotz aller vielversprechender Ansatzpunkte enthält allerdings auch die Theorie "Feuer an Bord" im Fall von Flug MH370 noch eine ganze Reihe ungeklärte Fragen. Als erstes dürften erfahrene Piloten der Region wohl prüfen wollen, wieso die Besatzung des malayischen Passagierflugzeugs nicht einen der sehr viel näher gelegenen Flughäfen in Malaysia, Thailand oder Vietnam ansteuerte. Allein an der Nordostküste Malaysias bieten sich mit Kota Bahru (IATA: KBR) und Sultan Mahmud Airport (IATA: TGG) bei Kuala Terengganu zwei größere Ausweichziele zur Notlandung an.

Quelle: n-tv.de