Panorama

"Pastoraler Ungehorsam" Segnungsverbot des Vatikans löst Beben aus

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An der Pfarrkirche Breitenfeld in Wien weht eine Regenbogenfahne - dem Vatikan weht wiederum ein Wind des Protests entgegen.

(Foto: picture alliance / HERBERT NEUBAUER / APA / picturedesk.com)

Der Widerstand gegen das vom Vatikan verhängte Segnungsverbot für homosexuelle Paare nimmt deutlich zu. Inzwischen erfasst er sogar Bischofskreise. "Das ist naiv und hat großen Schaden angerichtet", lautet die unverhohlene Kritik.

Katholische Pfarrer, die sich ganz offen gegen Rom stellen, ein Hashtag "Pastoraler Ungehorsam", der sich in der so autoritär aufgestellten katholischen Kirche verbreitet: Das entschiedene Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Partnerschaften hat die Diskussion darum nicht etwa erlöschen lassen, sondern in bislang nicht da gewesener Form angefacht.

"Es ist ein Machtwort", sagt Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen an der Katholischen Universität Eichstätt, über das Nein aus Rom. "Es ist der Versuch, den Raum der Kirche zu besitzen und zu bestimmen, auch um offene Kommunikationsprozesse zu unterbinden."

Doch dieser Versuch sei ins Gegenteil umgeschlagen: "Jetzt kann man beobachten, wie eine solche Intervention das Gegenteil von dem erreicht, was sie angeblich bewirken will: Statt eine Debatte zu beenden, wird diese Debatte gerade losgetreten, und zwar mit voller Wucht", sagt Kirschner. "Ein Machtwort, das Teile der Wirklichkeit ausblendet und die Konflikte zu unterbinden sucht, untergräbt die eigene Autorität. Es macht das sichtbar, was aus der eigenen Position ausgeschlossen und verleugnet wird."

Bischöfe schalten sich ein

Roma locuta, causa finita? Von wegen! Online posten immer mehr Priester, dass sie die Vorgaben aus Rom falsch finden, sich nicht daran halten, dass sie "ungehorsam" sein wollen - ein eigentlich ganz unerhörtes Wort in der katholischen Kirche.

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Zu denen, die sich in der Debatte zu Wort melden, gehört der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck meint, die kirchliche Lehre verlange "dringend eine erweiterte Sichtweise auf die menschliche Sexualität". Die Erklärung der Glaubenskongregation habe viele Menschen mit einer homosexuellen Orientierung gekränkt und verletzt. Eine solche Position werde in der heutigen Zeit nicht mehr akzeptiert. Die Haltung der Gläubigen dürfe vom Vatikan nicht ignoriert werden.

Auch der Aachener Bischof Helmut Dieser äußerte sich kritisch. "Es kann nur misslingen, eine Diskussion beenden zu wollen", erklärte er und fügte an: "Das ist naiv und hat großen Schaden angerichtet. Wir müssen das als Bischöfe nach Rom tragen."

Unterschriften-Aktion gestartet

Hunderte Kirchenleute wollen es Rom inzwischen sogar schriftlich geben, dass sie da nicht mehr mitmachen wollen. Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose und der Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm, der vor zwei Jahren sein Coming-out als Homosexueller hatte, haben eine Unterschriften-Aktion gestartet. "Wir wollen uns nicht auf diese sehr verengte und veraltete Sicht von Sexualität fixieren, sondern wir sehen liebende Menschen", sagt Hose.

Knapp 2000 Menschen haben seinen Angaben zufolge inzwischen unterschrieben - die meisten von ihnen katholische Theologen, Priester, Ordensleute, Seelsorger, Pfarr- oder Gemeindereferenten. Bis Palmsonntag werde gesammelt - dann soll die Liste dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und der Vorsitzenden des Forums "Sexualität und Partnerschaft", Birgit Mock, übergeben werden. Ein genauer Termin stehe noch nicht fest - am liebsten noch vor Ostern.

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Gelobt wird in der Auseinandersetzung aber auch das offenere Debattenklima unter Papst Franziskus.

(Foto: picture alliance/dpa/Pool AFP)

"Die Begründung in dieser Entscheidung der Glaubenskongregation hat uns erschüttert: Diese geht von einem sehr überholten - inzwischen antiquierten - Naturrechtsbegriff aus", sagt Hose. "Auf solch einer Basis, die längst naturwissenschaftlich überholt ist, kirchliche Entscheidungen und Verlautbarungen zu formulieren, halten wir für unverantwortlich."

"Sie trauen sich"

Die Resonanz sei überwältigend. "Die große Anzahl, die uns selbst überrascht hat, zeigt doch, dass es einen Willen gibt, sich über solche bizarren Äußerungen aus Rom auch im konkreten, im pastoralen Alltag, hinwegzusetzen", sagt der Hochschulpfarrer. Und genau darin sehen Theologen und Kirchenreformer eine neue Qualität im Protest gegen Rom. Denn der revolutionäre Wind weht nicht mehr nur bei Reformbewegungen wie "Wir sind Kirche" oder "Maria 2.0", bei kirchlichen Vereinen und nicht einmal mehr nur bei den Mitgliedern der Kirchengemeinden, sondern ist jetzt angekommen bei den Geistlichen, die keine Scheu haben, offen ihre Meinung zu sagen.

"Dieser Geist wächst", sagt Daniel Bogner, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz. "Das ist eine ganz neue Ebene", sagt der Sprecher von "Wir sind Kirche", Christian Weisner. "Sie trauen sich." Das sei auch Papst Franziskus zu verdanken und einem offeneren Debattenklima, das dieser ermögliche. Unter Papst Benedikt XVI., da sind sich Weisner und Bogner sicher, hätte es das wohl nicht gegeben.

"Im Moment gibt es ein Gelegenheitsfenster, das Hoffnung macht, dass in diesem vermeintlich starren Block vielleicht doch eine Dynamik und eine Veränderung möglich ist, die man so nicht vermutet hätte", sagt Bogner. "Die Katholiken, auch die katholischen Priester, werden sich bewusst, dass das Ganze auf dem Spiel steht, wenn man es nicht eigenverantwortlich mehr in die Hand nimmt als bisher. Denn die Kirche in ihrer derzeitigen Form steht ihrer eigentlichen Botschaft mehr und mehr im Weg."

Ein "dritter Weg"?

Die Missbrauchskrise der vergangenen Jahre habe "das instabile Gebilde der katholischen Kirche derart in die Sackgasse und die Krise gebracht" und die Hoffnung auf Reformen, die von der Kirchenspitze ausgehen, "erweist sich zunehmend als vergeblich".

Bogner sieht in den Reaktionen auf das kategorische Nein der Glaubenskongregation zu Segnungen schwuler und lesbischer Beziehungen etwas, das er einen "dritten Weg" nennt, einen Weg zwischen Reformen von oben und dem ewigen, für viele Gläubige so frustrierenden Weiter so: "Man muss die Sache selbst in die Hand nehmen."

Auf die Frage, ob ungehorsame Priester mit kirchenrechtlichen Konsequenzen rechnen müssten, sagt er diesen bemerkenswerten Satz: "Auch das Ancien Régime vor der Französischen Revolution hatte sein Recht." Das sei aber nach einem sozialen Kampf durch gewichtigeres Recht, Menschenrechte, ersetzt worden. "Dieser Prozess steht der Kirche in Teilen noch bevor."

Quelle: ntv.de, Carolin Gißibl und Britta Schultejans, dpa

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