Panorama

"Zustände sind erbärmlich" So müssen Tönnies-Arbeiter leben

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Die Wände in dieser Unterkunft sind mit schwarzem Schimmel bedeckt.

(Foto: privat)

Verschimmelte Wände, bis zu acht Personen in einem Zimmer, eine Toilette für 20 Mann: Mit der Corona-Krise kommen die Bedingungen ans Licht, unter denen Werksarbeiter in der Fleischindustrie arbeiten. Die Initiative "WerkFAIRträge" dokumentiert seit Jahren diese Zustände.

Der massenhafte Corona-Ausbruch bei der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück hat ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in dem Industriezweig geworfen. Die Unterbringung der Arbeiter, die mit Werkverträgen das Gros der Produktion stemmen, ist mitunter unwürdig. Ein Zustand, den die Interessengemeinschaft "WerkFAIRträge" schon seit Jahren anprangert.

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An dieser Stelle befand sich eine Küche, die sich die Arbeiter teilten.

(Foto: privat)

Inge Bultschnieder kämpft seit 2012 für bessere Bedingungen für die zumeist osteuropäischen Beschäftigten. Während eines Krankenhausaufenthalts teilte sie sich ein Zimmer mit einer Bulgarin, die bei Tönnies arbeitete. Diese berichtete ihr von den schweren Arbeitsbedingungen, den vielen Überstunden und der miserablen Wohnsituation der Arbeiter aus Osteuropa. Bultschnieder gründete daraufhin eine Bürgerinitiative und organisierte Demonstrationen.

Vor allem die Ignoranz, mit der Öffentlichkeit und Politik der Situation seit Jahren begegnen, bringt Bultschnieder auf: "Es interessiert niemanden, ob die Menschen hier in den Häusern krank werden. Die Zustände sind erbärmlich! Solche Bilder kennt man nur aus den ärmsten Ländern der Welt, nicht aber aus Deutschland", sagt Bultschnieder schockiert. "Im Keller steht das Wasser, der Geruch ist abartig und die Wände sind schwarz."

Fotos, die ntv vorliegen und in diesem Artikel zu sehen sind, dokumentieren exemplarisch die Mängel in der Unterbringung der Arbeiter. Vier bis acht Personen teilen sich ein Zimmer, schlafen in Doppelstockbetten, bis zu 20 Mitarbeiter nutzen eine einzige Toilette. Die Wände sind schimmelig - die Zustände der Wohnungen, in denen die osteuropäischen Werksarbeiter von Tönnies leben mussten, sind nicht nur katastrophal, sondern auch gesundheitsschädlich.

Auch NRW-Regierung zeigt sich entsetzt

Auch das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium ist mittlerweile auf die Situation aufmerksam geworden. Im Mai ließ das Ministerium des CDU-Politikers Karl-Josef-Laumann den Arbeitsschutz in der Fleischindustrie prüfen. "Insgesamt wurden über 1.863 mittlere und gravierende Beanstandungen in rund 650 Unterkünften festgestellt", so Laumann. Dabei sei es um fehlende Desinfektionsmittel und Überbelegungen aber auch Schimmelpilze, Einsturzgefahr, undichte Dächer, "katastrophale Sanitäreinrichtungen", Ungezieferbefall und Brandschutzmängel gegangen.

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Die Politik ist auf die Lage aufmerksam geworden. Nun sollen sich die Bedingungen bessern.

(Foto: privat)

"Vier Wohnungen mussten aufgrund von erheblichen Baumängeln sowie Gesundheitsgefahren geräumt werden. Zwei dieser Wohnungen befinden sich in Gütersloh, sowie jeweils eine in Espelkamp und in Bochum." Laumann betonte, dass die Kontrollen nur durch die Corona-Pandemie möglich gewesen seien - normalerweise sei das den Behörden gar nicht erlaubt.

NRW-SPD-Chef Sebastian Hartmann forderte nun die Regierung in Nordrhein-Westfalen auf, menschenunwürdige Unterbringungen von Beschäftigten in der Fleischindustrie endlich zu beenden. "Es ist dramatisch, das es jetzt erst durch Corona ein Hinschauen gibt. Die Landesregierung ist seit vielen Jahren gewarnt gewesen, dass diese unwürdigen Bedingungen herrschen. Der Arbeitsminister hätte einfach mal früher seine Arbeit machen müssen", so Hartmann.

Quelle: ntv.de, jog

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