Panorama

Das sagen Politiker und Experten Wann bringt der Impfstoff den Alltag zurück?

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In Großbritannien ist die erste Impf-Welle bereits in vollem Gange.

(Foto: imago images/i Images)

Die ersten Menschen im Westen haben ihre ersten Impfdosen erhalten. Viele Millionen weitere sollen folgen. Doch wann zeigt der Einsatz des Impfstoffs Wirkung? Wann kann es eine Rückkehr zur Normalität geben? Hier eine Übersicht über die Einschätzung verschiedener Politiker und Experten.

Es ist ein Satz, der - beabsichtigt oder nicht - ein wenig an den legendären britischen Premier Winston Churchill erinnert: "Ein wahrhaft historischer Tag und der Beginn des Endes dieser Pandemie", twitterte der Leiter der britischen Gesundheitsbehörden, Stephen Powis, nach der ersten Impfung gegen das Coronavirus mit dem frisch zugelassenen mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer. Ist mit dem Beginn der Impfungen tatsächlich der Wendepunkt der Corona-Pandemie erreicht? Und wann wird wieder Normalität einkehren?

Die erste Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist der Auftakt zu einem gewaltigen Kraftakt: Insgesamt haben die Briten 40 Millionen Dosen des Vakzins bestellt. Aber auch andere Hersteller sind schon weit fortgeschritten mit ihren Impfstoff-Projekten, etwa Moderna, Astrazeneca, Johnson & Johnson oder Novavax. Nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich Deutschland mehr als 300 Millionen Impfdosen verschiedener Herstellern gesichert - was für die gesamte Bevölkerung reichen würde, sofern es mit der Lieferung wie geplant klappt. Pro Person sind zwei Impfdosen nötig.

Experten gehen davon aus, dass bis zum Erreichen einer künstlichen Herdenimmunität 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen. Im Fall von Deutschland wären das also 50 bis 60 Millionen Menschen. Doch wie sieht der Weg dahin aus, wie lange wird das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken noch nötig sein - und wird Sars-CoV-2 am Ende verschwinden? Hier eine Übersicht über die Einschätzungen verschiedener Experten und Politiker:

Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko): Mertens glaubt, dass die Impfung der gesamten Bevölkerung Deutschlands sich bis 2022 hinziehen wird. "Ich glaube nicht, dass 2021 genug Menschen geimpft werden, um ausreichend epidemiologische Effekte zu erzielen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Ziel, eine künstlich hergestellte Herdenimmunität im kommenden Jahr erreichen zu wollen, sei "unrealistisch". "Ich fürchte, dass nicht nur dieser, sondern auch der nächste Winter herausfordernd wird. Wir können aber hoffen, dass die Virusübertragungen im kommenden Sommer etwas abnehmen." Es werde aber noch lange dauern, bis man sich wieder wie 2019 verhalten könne: "Der Beginn einer Impfkampagne bedeutet nicht, dass für die Menschen plötzlich keine Infektionsschutzmaßnahmen mehr gelten - wie Maske tragen, Abstand halten, Handhygiene, Lüften", so Mertens.

Ugur Sahin, Gründer des Unternehmens Biontech, das zusammen mit Pfizer den ersten im Westen zugelassenen Covid-19-Impfstoff entwickelt hat: Sahin ist etwas zuversichtlicher: "Ich gehe davon aus, dass bis zum Sommer ausreichend Impfdosen vorliegen und eine ausreichende Anzahl der Bevölkerung, etwa 60 bis 70 Prozent, immunisiert ist", sagte Sahin im Interview mit RTL/ntv. Es sei aber wichtig, dass auch weitere Unternehmen ihre Impfstoffe zulassen. Und: "Wir wissen aus den vorliegenden Daten aber noch nicht, ob nur die Krankheit verhindert wird oder ob auch die Infektion verhindert wird. Dazu sammeln wir in den nächsten zwei bis sechs Monaten weitere Daten."

Airfinity, Analyseinstitut für den Gesundheitssektor: Airfinity geht davon aus, dass mit den geplanten Impfprogrammen in den USA dort schon im April eine Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 erreicht werden könnte. In Großbritannien sei das im Juli, in der Europäischen Union Anfang September möglich, sagte Airfinity-Gründer Rasmus Bech Hansen. Impfskepsis sei in den Modellrechnungen berücksichtigt, betonte Airfinity-Analyst Matt Linley. Skeptisch seien nach Airfinity-Analysen je nach Land bis zu 35 Prozent der Menschen.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister: Spahn ist zuversichtlich, "dass der nächste Herbst, Winter wieder deutlich normaler sein wird, (...) wir bis dahin die Pandemie unter Kontrolle haben, weil ausreichend Impfstoff da ist und wir über die Praxen im Übrigen die Möglichkeit haben, sehr, sehr viele Menschen im hohen zweistelligen Millionenbereich in Deutschland zu impfen".

Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts: "Ich glaube, dass die Pandemie 2021 schrittweise ihren Schrecken verliert. Aber wie weit wir wirklich kommen, kann keiner sagen." Braun ist jedoch zuversichtlich, dass es im Herbst 2021 nicht mehr solche Beschränkungen geben müsse wie es aktuell der Fall ist. "Das ist eine Hoffnung, das kann keiner versprechen", so Braun.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin: Inmitten andauernder Corona-Beschränkungen sind nahende Impfungen "Licht am Ende des Tunnels", sagte Merkel. Schritt für Schritt sei das Virus damit zu besiegen. "Eine Sache von wenigen Monaten wird das allerdings nicht, seien wir da ganz realistisch."

Barry Bloom, ehemaliger Dekan der Harvard T.H. Chan School of Public Health: "Es wird immer noch viele Menschen geben, die in den ersten sechs Monaten oder im ersten Jahr nicht geimpft sind, und die fähig sind, eine Infektion zu übertragen", mahnte Bloom in einem Interview. Das bedeute, dass alle Menschen, auch diejenigen, die geimpft sind, weiterhin Masken tragen und gewisse Formen der Distanzierung praktizieren müssen, um eine hohe Viruskonzentration in der Gemeinschaft zu verhindern, fügte er hinzu.

Kate O'Brien, Impfexpertin der Weltgesundheitsorganisation WHO: O'Brien wies bei einer Pressekonferenz darauf hin, dass ein Erreger trotz eines Impfstoffs womöglich nie ganz verschwindet: "Wir haben viele Impfstoffe, die lebensrettende Impfstoffe sind, Masern ist ein Beispiel dafür, ein hochwirksamer Impfstoff mit einer Wirksamkeit von über 95 Prozent", sagte O'Brien. Dennoch gebe es immer wieder Masernausbrüche.

Jonathan Van-Tam, Epidemiologe und stellvertretender medizinischer Chefberater der britischen Regierung in England: "Wir könnten theoretisch 99 Prozent der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 eliminieren", sagte Van-Tam der BBC. Voraussetzung sei aber, dass die Impfung auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoße.

Quelle: ntv.de, kst