Panorama

Grüne Hauptstadt für Dänemark Wie Kopenhagen klimaneutral werden will

Kopenhagen will die erste klimaneutrale Hauptstadt der Welt werden. Auf dem Weg dahin sind die Dänen bereits ein gutes Stück vorangekommen. Inzwischen orientiert sich die gesamte Stadtplanung an diesem Ziel.

Bei Jørgen Abildgaard geben sich derzeit interessierte Besucher aus aller Welt die Klinke in die Hand. "Letztes Jahr waren mehr als 400 Delegationen bei uns aus Europa, aber auch aus China und Amerika", sagt der dänische Stadtplaner. Abildgaard soll helfen, Dänemarks Hauptstadt bis 2025 klimaneutral zu machen. Kopenhagen wäre damit die erste derartige Hauptstadt weltweit. Seit 2009 arbeitet man an dem Plan, die Stadt grüner und CO2-neutral zu machen. Seitdem ist viel geschehen. Überall sieht man Windräder rund um Kopenhagen. Andernorts lösen sie Kritik aus - hier stört sich kaum einer daran.

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Jørgen Abildgaard denkt bei jedem Schritt die CO2-Bilanz mit.

(Foto: Nadja Kriewald)

Angetrieben vom Ostseewind liefern die Turbinen den Großteil der Energie für die Stadt - saubere Energie. "An einem Tag wie heute, ich habe da extra nachgeschaut, kommen 77 Prozent der Energie aus Wind und Sonne. Das ist schon eine Menge", sagt Christoffer Greisen vom Forschungsprojekt EnergyLab. Wie kann man noch mehr Energie sparen, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermindern? Das ist eine der drängenden Fragen. Vor allem, weil die Stadt kontinuierlich wächst. Jeden Monat kommen etwa 1000 Einwohner dazu. Kopenhagen ist hip und chic.

Nicht alle können es sich leisten, im neugebauten Viertel Nordhavn, dem alten Hafenviertel, zu wohnen. Hier kann man sehen, wie nachhaltige Stadtplanung funktionieren kann. Auch bei Gebäuden achtet die Stadt auf den Klimaschutz - mit intelligenten Fassaden. Das Ziel für alle Häuser ist es, 20 Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Ein riesiges blaues Gebäude ist eines der Vorzeigeprojekte. Die Internationale Schule von Kopenhagen. Christoffer Greisen erklärt: "Die Schule ist mit Solarpaneelen verkleidet - also vertikal. Die gesamte Fassade besteht aus Solarmodulen. Die Schule produziert ihren eigenen Strom."

Aus Müll wird Strom

Die Energieproduktion ist der wichtigste Bereich des Klimaplans von Kopenhagen. 98 Prozent der Haushalte der Stadt sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Dazu trägt selbst der Müll bei. Täglich bringen bis zu 300 Lastwagen Abfall in die neue Verbrennungsanlage Amager Bakke. Bei der Müllverbrennung wird Wärme erzeugt, die reicht für etwa 72.000 Haushalte aus und liefert zusätzlich auch noch für Strom für 30.000 Haushalte.

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Das Auto soll als Verkehrsmittel unattraktiv werden.

(Foto: Nadja Kriewald)

"Damit Ruß und Stickoxide im Gegenzug aber nicht die Luft verpesten, wurden hochmoderne Filteranlagen eingebaut. Wir säubern den Rauch, bevor er in die Luft steigt", sagt Pressesprecher Sune Scheibye. Seit 2017 ist die Anlage in Betrieb. Und alle Welt scheint sich dafür zu interessieren. Aber Scheibye weiß auch, dass es dabei weniger um die Technik geht. Auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage wurde eine Skipiste gebaut - 400 Meter lang. Man fährt auf Kunststoff statt Kunstschnee. Denn echter Schnee fällt hier nur ganz selten. Bisher fanden aber nur Testfahrten statt. Noch wird hier gebaut. Der Skilift steht schon und auf der Gummiabfahrt wächst Unkraut. Erst im Oktober soll es die große Einweihungsfeier geben.

Zurück auf der Straße. Christoffer Greisen hat sein Auto vor Jahren abgeschafft. Mit dem Rad kommt er besser und preiswerter durch. Und natürlich viel umweltfreundlicher. Nicht einmal jeder dritte Haushalt in Kopenhagen hat überhaupt noch ein Auto. Der öffentliche Nahverkehr ist vorbildlich. Im Berufsverkehr stauen sich an der Ampel mehr Fahrräder als Autos. Dabei werden immer neue Brücken und Schnellwege für Radler gebaut. Der Verkehr soll fließen, aber nur auf zwei Rädern. Die Autos sollen aus der Innenstadt verbannt werden. Jeder Parkplatz kostet Geld. Bezahlt wird mit der App auf dem Handy. Das muss man allerdings wissen, sonst wird es teuer. Politessen laufen mit dem Handy durch die Straßen und sehen blitzschnell auf ihrer App, wer gezahlt hat und wer nicht.

Die nächsten Generationen mitdenken

Klaus Mygind hat noch ein Auto, einen Hybrid, fügt er fast entschuldigend hinzu. Der Abgeordnete der linken Sozialistischen Volkspartei fährt lieber mit dem Rad und kämpft gegen den Klimawandel auch für seine kleinen Enkelkinder: "Die werden im Jahr 2100 noch leben. Und wenn die Prognosen stimmen, dann wird der Wasserspiegel hier um ein, zwei, vielleicht sogar drei Meter steigen - und dann lasten alle Probleme rund um das Klima auf ihnen", sagt er. Kopenhagen liegt an der Ostsee und deshalb sei es in seiner Verantwortung, die Stadt so zu gestalten, dass sie auch im Jahr 2100 noch lebenswert ist.

In diesem Sommer ist Kopenhagen lebenswert. Selbst das Wasser im alten Hafen ist wieder so sauber, dass man darin baden kann. Überall am Ufer sind Holzpodeste. Die Kopenhagener genießen die Sonne und das kühle Bad. Und damit nicht genug, es gibt sogar einen Unterwassergarten. Muscheln und Seegras wachsen hier. Bodil Sofie Espersen betreibt den maritimen Schrebergarten. "Das Wasser wird immer sauberer. Aber es ist noch nicht sauber genug, als dass wir die Muscheln essen könnten." Früher war hier der Industriehafen. "Auf dem Grund finden sich immer noch Spuren von Schwermetallen", sagt Bodil, während sie Muscheln aus dem Wasser fischt. Auch Austern können hier wachsen, aber nur Pazifische, für Europäische ist der Salzgehalt zu niedrig. Normalerweise führt sie hier Schulklassen durch den Unterwassergarten. Die Schüler sollen sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen.

Das kann nicht früh genug beginnen, meint auch Jorgen Abildgaard: "Wir arbeiten viel an den Essensplänen in den Kantinen und Kindergärten. Wir wollen erreichen, dass 90 Prozent des Essens ökologisch nachhaltig produziert wird und wir sind kurz davor, das zu erreichen." Das alles gehört eben zum Plan, Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral zu machen und damit Vorbild für andere Städte weltweit zu sein. Die Bürger sollen dabei nicht extra belastet werden. Sicher mit ein Grund, warum die rund 620.000 Kopenhagener mehrheitlich hinter dem Klimaplan stehen.

Es sind hunderte Einzelprojekte und Abildgaard, der Projektleiter bei der Stadtverwaltung, verliert nicht den Überblick: "Kopenhagen ist zwar nur eine kleine Großstadt, aber für uns ist das wichtig, weil wir es im globalen Kontext sehen. Die Bevölkerung weltweit wächst vor allem in den Städten. Und wenn wir nicht anfangen, etwas zu machen, wenn wir nicht nachhaltig in die Zukunft investieren, dann werden wir nicht in der Lage sein, den Klimawandel aufzuhalten", betont Abildgaard. Kopenhagen soll ein Modell für andere größere Städte sein, deshalb kommen auch so viele Besucher aus aller Welt - eben auch aus China. Kopenhagen soll der Anfang sein. "Wir wollen zeigen, dass es in einer Stadt wie Kopenhagen möglich ist, das zu erreichen."

Fünfeinhalb Jahre bleiben Kopenhagen noch, um den Plan als klimaneutrale Hauptstadt zu erfüllen. Das Wahrzeichen der Stadt, die kleine Meerjungfrau, soll schließlich nicht bald im Meer versinken.

Quelle: n-tv.de