Politik

Soll jeder Organspender sein? 9000 Todkranken läuft die Zeit davon

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Zuletzt war die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder rückläufig.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Die Organspende in Deutschland soll reformiert werden. Drei Vorschläge liegen auf dem Tisch. Aus Sicht eines Betroffenen kann es aber nur eine Lösung geben.

Heiko Burrack glaubt, "dass die Menschen sich davor scheuen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen". Das könne er verstehen. Sein Leben hat er aber jemandem zu verdanken, der sich vor vielen Jahren eben diese Gedanken gemacht hat. Vor 26 Jahren wurde Burrack die Niere eines Menschen eingepflanzt, der kurz zuvor gestorben war. 26 Jahre - das sagt der 53-Jährige nicht ohne Stolz. Denn durchschnittlich funktionieren Spendernieren nur neun Jahre. "Heute hätte das vermutlich deutlich länger gedauert", sagt er. Burrack hat aufgrund seiner Erfahrungen das Buch "Leben hoch zwei" verfasst, das bei der Entscheidung helfen soll, sich für oder gegen eine Spende zu entscheiden. Und mit der Vermutung, dass seine Chancen heute schlechter gestanden hätten, liegt er wahrscheinlich richtig. Der Bundestag will das heute ändern.

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Heiko Burrack hat sein Leben einer Organspende zu verdanken. In seinem Buch "Leben hoch zwei" hat er Fragen und Antworten zu dem Thema gesammelt.

(Foto: Stefan Freund)

Die Wartelisten werden länger. Doch die Bereitschaft, ein Organ zu spenden, sinkt. Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende zufolge gab es 2007 etwa noch mehr als 1300 Spender. 2017 waren es weniger als 900. Im vergangenen Jahr spendeten 932 Menschen. Mehr als 9000 schwerkranke Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Rund 7500 warten auf eine Niere. Der Rest hofft auf ein Herz, eine Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse. Auch in der Politik herrscht Konsens, dass sich am derzeitigen Zustand etwas ändern muss. Über den Weg indes wird gestritten. Heute stimmt der Bundestag über drei Gesetzentwürfe ab.

Gesundheitsminister Jens Spahn, SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und eine Reihe weiterer Abgeordneter macht sich für die sogenannte doppelte Widerspruchslösung stark. Sie würde die bestehenden Verhältnisse gewissermaßen umdrehen. Jeder wäre automatisch ein Spender, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich. Der mögliche Widerspruch würde in einer Datenbank gespeichert, die der behandelnde Arzt aufrufen könnte. Sollte dort keine eindeutige Angabe vorliegen, würde noch ein Angehöriger befragt, ob der Gestorbene zu Lebzeiten einer Organspende widersprochen hat. Wegen der Nachfragen bei Angehörigen heißt es "doppelte" Widerspruchslösung.

Wie tief ist der Eingriff in die Selbstbestimmung?

Spahn und Lauterbach haben in den vergangenen Wochen mit vielen Briefen bei den Abgeordneten für ihren Vorstoß geworben. Denn die Parlamentarier sind bei ihrer Entscheidung nicht an die Fraktionsdisziplin gebunden. Wie bei Ethik-Fragen üblich, entscheidet jeder Abgeordnete für sich. Kritiker führen aber an, die doppelte Widerspruchslösung greife zu weit in die Selbstbestimmung der Menschen ein.

Eine andere Gruppe Parlamentarier hat in den vergangenen Tagen viele Briefe verschickt: um vor Spahns und Lauterbachs Idee zu warnen. Sie besteht im Wesentlichen aus einer Gruppe Abgeordneter um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping. Sie machen einen Alternativvorschlag: Ab dem 16. Lebensjahr sollen alle Bürgerinnen und Bürger mindestens alle zehn Jahre direkt mit der Frage konfrontiert werden, ob sie spenden würden oder nicht. Gelegenheit zu fragen gäbe es etwa beim Abholen von Ausweisdokumenten. Regelmäßig aufklären sollen auch Hausärzte. Sie sollen dazu ermuntern, sich in das Register einzutragen, ohne jedoch für ein Ja oder Nein zu werben. Bei dem Vorschlag geht es also nicht darum, die bisherige "Entscheidungslösung" abzuschaffen, sondern die Menschen besser zu informieren und zu einer Entscheidung zu bewegen.

Burrack findet: "Man muss sich bei der Frage ja überlegen, aus welchem Grund man in Rechte eingreift. Und hierbei geht es darum, Leben zu retten. Da kann man ja schon einmal darüber nachdenken. Zumindest kann man erwarten, dass eine Entscheidung getroffen wird." Der Druck, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, wäre bei der doppelten Widerspruchslösung zweifelsfrei höher. In anderen Staaten ist das bereits die Regel.

"Unbedingt bei der Hirntodfeststellung bleiben"

Nach dem Prinzip des Widerspruchs wird etwa in Spanien gearbeitet - das zu den Ländern mit den meisten Spenden zählt. 48 Organspenden kommen dort auf eine Million Einwohner. In Deutschland sind es 11,5. Spanien wird in dem Zusammenhang jedoch nicht nur als Positivbeispiel genannt. Anders als in Deutschland ist es dort, aber auch in Großbritannien, den USA und anderen Staaten, nämlich möglich, eine Organspende ebenso nach einem völligen Kreislaufversagen durchzuführen. Hierzulande muss hingegen der Hirntod festgestellt werden.

Keinesfalls, findet Burrack, dürfe sich an der deutschen Regelung etwas ändern. "In Deutschland sollten wir unbedingt bei der Hirntodfeststellung bleiben. Die Todesfeststellung nach Kreislaufstillstand ist bei Weitem nicht so sicher." Zudem werden in Spanien, aber auch Belgien, Österreich, Polen, Luxemburg, Portugal oder Ungarn die Angehörigen nicht befragt, ob der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten widersprochen hat. In diesen Ländern sind - das sieht auch der Vorschlag von Spahn und Lauterbach vor - Menschen von einer Spende ausgeschlossen, die etwa wegen einer geistigen Behinderung die Tragweite der Entscheidung nicht erkennen können.

Ohne einen grundlegenden Systemwechsel sei keine erhöhte Spendebereitschaft zu erwarten, glaubt Burrack. "Das erweitert die vorhandene Entscheidungslösung um zusätzliche Kontaktpunkte. Das basiert auch auf der Annahme, dass rund 40 Prozent der Deutschen einen Spenderausweis haben." Er traut den Statistiken nicht. "Wenn man mal mit Transplantationsmedizinern spricht, ist da eher von etwa 10 Prozent die Rede." Das entspricht in etwa der Argumentation der Gegner des Entwurfs von Baerbock und Kipping: Eine leichte Erhöhung der Spendebereitschaft sei wohl zu erwarten. Doch das sei zu wenig.

"Was die AfD vorhat, geht für mich am Thema vorbei"

Es gibt aber auch noch einen dritten Vorschlag. Die Abgeordneten aller Parteien sind, über Fraktionsgrenzen hinweg, entweder für den einen oder den anderen Vorschlag. In den bisherigen Debatten im Bundestag war auch die AfD im Wesentlichen zwischen den Lagern aufgeteilt. Jetzt hat die Fraktion jedoch noch einen eigenen Vorschlag gemacht. Um mehr Menschen zu einer Organspende zu ermutigen, müsste das Vertrauen in den Prozess und beteiligte Institutionen gestärkt werden. Die AfD fordert bessere Information, einheitliche Standards in Transplantationskliniken und bessere Betreuung der Angehörigen. Vor allem aber kommt in dem Antrag Misstrauen gegenüber den beteiligten Institutionen zum Ausdruck. Es ist von einer "Regelungslücke" die Rede, die "Missbrauch (…) Tür und Tor öffne". Die bisherige Praxis, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden, würde sich durch den Antrag nicht wesentlich ändern. "Was die AfD vorhat, geht für mich am Thema vorbei", findet daher Burrack.

Ob die Parlamentarier für die doppelte Widerspruchslösung oder den Vorschlag von Baerbock und Kipping stimmen werden, ist derzeit schwer absehbar. Dass der AfD-Vorschlag außerhalb der eigenen Fraktion nennenswerte Unterstützung bekommt, ist eher unwahrscheinlich. Als im Sommer 2019 die Gesetzentwürfe im Parlament diskutiert wurden, hatte die Gruppe um Spahn 222 Unterstützer, darunter Kanzlerin Angela Merkel. Der Entwurf der Baerbock-Gruppe hatte 191 Unterschriften. Einer aktuellen Umfrage der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zufolge sind von den insgesamt 709 Parlamentariern bisher 252 entschlossen, für die Widerspruchslösung zu stimmen. Dagegen befürworten 221 Abgeordnete den Entwurf von Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft. Eine absolute Mehrheit, also mehr als die Hälfte der Stimmen, sind nicht notwendig. Bekommt ein Antrag eine einfache Mehrheit, entfallen weitere Abstimmungen.

Zumindest in einem Punkt herrscht weitgehend Einigkeit: Derzeit gibt es zu wenig Spenden. Für rund 9000 schwerkranke Patienten auf der Warteliste läuft die Zeit davon. Burrack kann es wie gesagt verstehen, dass sich niemand gerne mit dem eigenen Tod auseinandersetzt. Er weiß aber auch aus eigener Erfahrung: "Aus Sicht von jemandem, der auf ein Organ wartet, ist es jedoch deutlich schwerer nachzuvollziehen."

Quelle: ntv.de