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Samstag, 14. April 2018

Luftschläge gegen Syrien: Alles was man zum Angriff wissen muss

Von Markus Lippold

Es ist ein Angriff mit Ansage: In der Nacht greifen die USA, Frankreich und Großbritannien Ziele in Syrien an. Was steckt dahinter? Sind weitere Angriffe geplant? Hier Fragen und Antworten zu der Attacke.

Was steckt hinter den Angriffen auf Syrien?

Die syrischen Weißhelme veröffentlichten Bilder, die Verletzte nach der mutmaßlichen Giftgasattacke zeigen sollen.
Die syrischen Weißhelme veröffentlichten Bilder, die Verletzte nach der mutmaßlichen Giftgasattacke zeigen sollen.(Foto: AP)

Die USA und andere westliche Staaten machen das syrische Regime von Machthaber Baschar al-Assad für einen mutmaßlichen Giftgasangriff am 7. April auf die Stadt Duma östlich der Hauptstadt Damaskus verantwortlich. Dabei soll es laut Hilfsorganisationen Dutzende Tote und Hunderte Verletzte gegeben haben. Eine unabhängige Bestätigung des Angriffs gibt es bisher nicht, Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wollen die Vorwürfe vor Ort überprüfen. Damaskus bestreitet eine Verantwortung für den Chemiewaffeneinsatz, genau wie Syriens Verbündeter Russland, der von einer inszenierten Provokation Großbritanniens sprach.

US-Präsident Donald Trump kündigte bereits in den vergangenen Tagen mehrmals eine Vergeltungsaktion an. In einer Rede an die Nation sagte er Freitagabend, die Angriffe seien eine Vergeltung für den Einsatz chemischer Waffen durch die syrische Regierung.

Wer war beteiligt?

An den Angriffen beteiligten sich die USA, Frankreich und Großbritannien mit Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen.

Wie viele Raketen wurden abgefeuert?

Das Bild der US-Marine zeigt den Start einer Tomahawk-Rakete an Bord der USS Monterey.
Das Bild der US-Marine zeigt den Start einer Tomahawk-Rakete an Bord der USS Monterey.(Foto: REUTERS)

Nach US-Angaben wurden 105 Raketen abgefeuert. Russland spricht von mehr als hundert Raketen, darunter Marschflugkörper und Luft-Boden-Raketen. Diese seien "vom Meer und aus der Luft auf syrische militärische und zivile Ziele" geschossen worden, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Russland erklärte, 71 Marschflugkörper seien vor dem Einschlag abgefangen worden. Das Pentagon widersprach und erklärte: "Alle Raketen haben ihr Ziel erreicht." Die mehreren Dutzend Raketen, die die syrische Armee abgeschossen hatte, seien "irgendwo" gelandet, sagte US-General McKenzie und fügte hinzu, dass das Chemiewaffenprogramm Syriens "um Jahre"zurückgeworfen sei.

Frankreich feuerte nach eigenen Angaben 12 Raketen in koordinierten Luft- und Seeangriffen ab. Demnach wurden Cruise Missiles von Fregatten im Mittelmeer abgeschossen sowie Raketen von Kampfflugzeugen.

Was waren die Ziele?

(Foto: n-tv.de / Stepmap)

Nach Angaben aus Paris wurde die Attacke in schneller und enger Zusammenarbeit beschlossen. Man sei sich sehr schnell über die Ziele einig gewesen und habe sich auf Lager- und Produktionsstätten chemischer Waffen konzentriert. Andere Ziele wie Flughäfen habe man nicht in Erwägung gezogen. Nach US-Angaben wurden ein Forschungszentrum bei Damaskus, eine mutmaßliche Lagerstätte für chemische Waffen sowie eine Kommandoeinrichtung bei Homs bombardiert. Es handelte sich demnach um "Präzisionsschläge".

Laut der in Großbritannien ansässigen, oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden zwei Forschungseinrichtungen in Damaskus sowie in der Region Homs attackiert. Zudem seien fünf Militärstützpunkte und -lager im Raum Damaskus angegriffen worden. Das syrische Staatsfernsehen sprach zudem von Angriffen auf Armeelager in der Region Homs. Nach Angaben aus Moskau wurden keine Ziele in der Nähe der russischen Stützpunkte in Syrien getroffen.

Gab es Opfer oder Schäden?

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana veröffentlichte ein Bild vom zerstörten Forschungszentrum bei Damaskus.
Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana veröffentlichte ein Bild vom zerstörten Forschungszentrum bei Damaskus.(Foto: AP)

Es gab nach bisherigen Angaben keine Toten. Syrischen Staatsmedien zufolge führten die Angriffe auf eine Forschungseinrichtung nahe Damaskus zu Sachschäden. Auf eine Militärstellung in Homs abgefeuerte Raketen seien umgelenkt worden, dadurch seien drei Zivilisten verletzt worden. Nach Auskunft der Syrischen Beobachtungsstelle wurden alle beschossenen Ziele auf Grundlage russischer Geheimdienstinformationen vor drei Tagen evakuiert.

Sind weitere Angriffe geplant?

US-Verteidigungsminister James Mattis sprach von einer begrenzten, einmaligen Aktion. "Derzeit" seien keine weiteren Angriffe geplant. Sollte Assad erneut Chemiewaffen einsetzen, seien weitere Angriffe möglich, so Mattis. Auch Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian drohte Syrien mit "einer weiteren Intervention", sollte es in dem Land erneut einen Chemiewaffenangriff geben.

Wie reagieren Syrien und Russland?

Das russische Militär informiert über die Luftangriffe in Syrien.
Das russische Militär informiert über die Luftangriffe in Syrien.(Foto: AP)

Syrien nannte die Angriffe einen Verstoß gegen internationales Recht. Es handle sich um eine "barbarische und brutale Aggression". Assad gab sich trotzig: "Diese Aggression bestärkt lediglich die Entschlossenheit Syriens und seines Volkes, den Terrorismus in jedem Winkel des Landes zu bekämpfen und zu vernichten."

Russlands Präsident Wladimir Putin warf den USA vor, die Lage in Syrien durch die Luftschläge massiv zu verschlimmern. Die USA und ihre Verbündeten "begünstigen tatsächlich die Terroristen, die das syrische Volk schon seit sieben Jahren quälen". Putin sprach von einer "gegenwärtigen Eskalation der Situation", die eine "verheerende Wirkung auf die gesamten internationalen Beziehungen" habe. Moskau drohte zudem mit "Konsequenzen". Die Verantwortung dafür liege bei Washington, London und Paris, teilte der russische Botschafter in Washington, Anatoli Antonow, mit.

War der Angriff ein Erfolg?

Trump sprach von einem "perfekt durchgeführten Luftschlag". Er bedankte sich in einem Tweet bei Großbritannien und Frankreich. Das Ergebnis hätte nicht besser sein können. "Mission erfüllt!". In einem weiteren Tweet lobte er das US-Militär. Nach Angaben aus Frankreich wurde das syrische Chemiewaffen-Arsenal zum großen Teil zerstört. Der Angriff wurde als rechtmäßig bezeichnet. Auch die britische Premierministein Theresa May bezeichnete den Angriff als alternativlos und "klare Botschaft" gegen den Einsatz von Chemiewaffen. Der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson sprach von erfolgreichen Luftschlägen.

Wie reagiert die Bundesregierung?

Berlin stellte sich hinter die Angriffe. "Der Militäreinsatz war erforderlich und angemessen, um die Wirksamkeit der internationalen Ächtung des Chemiewaffeneinsatzes zu wahren und das syrische Regime vor weiteren Verstößen zu warnen", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Wir unterstützen es, dass unsere amerikanischen, britischen und französischen Verbündeten als ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats in dieser Weise Verantwortung übernommen haben."

Die Opposition kritisierte die Angriffe dagegen heftig. "So furchtbar die Gräueltaten des syrischen Regimes und seiner Verbündeten sind, so falsch ist eine weitere militärische Eskalation", sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer nannte die Angriffe bei n-tv.de einen "eindeutigen Bruch des Völkerrechts". Das sagte auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. AfD-Parteichef Alexander Gauland warf Merkel eine halbherzige Politik im Syrien-Konflikt vor. FDP-Chef Christian Lindner forderte Initiativen der Bundesregierung, um den Dialog mit Russland und der Türkei nicht abreißen zu lassen. Die Angriffe können nach Ansicht der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland im Syrien-Konflikt keine Lösung bringen.

Wie reagieren andere Länder?

Israel und die Türkei befürworteten die Angriffe. Auch aus der EU kam Zustimmung. Der Iran, ein Verbündeter Assads, verurteilte die Attacke dagegen scharf.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch an diesem Samstag trifft sich der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung. Diese wurde von Russland beantragt. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) will ihre Mission in Duma fortsetzen und die Berichte über einen Chemiewaffeneinsatz überprüfen.

Quelle: n-tv.de