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"Deutschland leistet sich Armut" Arme Menschen sterben früher

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(Foto: picture alliance / dpa)

Wer arm ist, muss in Deutschland nicht hungern und unter Brücken schlafen. Armut hierzulande hat andere Gesichter: Wer gerade mal das Existenzminimum hat, fühlt sich ausgegrenzt, ist kränker, stirbt früher. Und die soziale Spaltung hat über die Jahre zugenommen.

Es klingt paradox: Wer als junger Mensch ins Berufsleben startet, ist stärker armutsgefährdet als andere. Mit fast 21 Prozent in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ist das Risiko deutlich höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Die Ursachen liegen nach Expertenmeinung klar auf der Hand: Schlecht bezahlte Einstiegs-Jobs, lange Ausbildung und oft nur befristete Anstellungen. Wer Pech hat, muss sich als Anfänger erst mal mit Minijobs ohne soziale Absicherung durchschlagen. Die Gefahr einer Armutskarriere steigt damit.

Die Grenze zur Armut ist nach den Maßstäben der Statistiker klar gezogen: Wer in Deutschland als Single weniger als 980 Euro im Monat zum Leben hat, gilt als arm. Das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens (Stand 2011). Bei einer vierköpfigen Familie verschiebt sich die Armutsgrenze nach oben - auf etwas mehr als 2000 Euro. Es geht dabei um "relative Armut", um den Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe. Also darum, ob man sich beispielsweise einen Kinobesuch leisten kann oder nicht.

Wie es um die Lage der Bürger hierzulande bestellt ist, haben Statistiker und Wissenschaftler im neuen "Datenreport 2013" auf 432 Seiten zusammengetragen. Herausgekommen ist, wie es Mitautor Roland Habich ausdrückte, "ein Sozialatlas über die sozialen Verhältnisse in Deutschland". Vieles ist bekannt, manches in einen neuen Zusammenhang gestellt. Den Fokus gerichtet haben die Experten auf den seit Jahren boomenden Arbeitsmarkt bei gleichzeitig wachsender Armutsgefährdung - nur vordergründig ein Widerspruch.

"Zunahme des Wissensprekariats"

Die soziale Spaltung hat - im Report anschaulich belegt - über die Jahre weiter zugenommen. Und das, obwohl rund 42 Millionen Bürger in bezahlter Arbeit sind. Ein Rekordstand - mit auch positivem Befund: Arbeit hilft immer noch am Besten gegen Armut. Doch es gilt zugleich: Nicht jeder verdient genug für ein auskömmliches Leben. Nicht einmal gute Bildung schützt in jedem Fall vor Armut: 2010 waren 8 Prozent der Hochgebildeten davon bedroht. "Man kann mittlerweile von einer Zunahme des Wissensprekariats sprechen", sagt der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger.

Bitter fügt er hinzu: "Deutschland leistet sich Armut." Und was kann den Betroffenen aus der Armutsfalle heraushelfen? Es müsse mehr in Bildung investiert werden. "Hier gibt es enorm viel zu tun. Bildung muss ankommen bei denen, die Bildung brauchen", mahnt Krüger in die laufenden Koalitionsverhandlungen hinein. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro hält er für kein Allheilmittel gegen Armut.

Weitere Facetten von materieller Unterversorgung zeigen sich beim Gesundheitszustand der Bevölkerung. Der ist bei Armen durchweg schlechter als bei Besserverdienern. Die Lebenserwartung von Männern mit niedrigem Einkommen liegt im Schnitt fast elf Jahre unter der von Männern der hohen Einkommensgruppe, weiß Forscher Habich. Bei Frauen betrage die Differenz rund acht Jahre. Und nach vorne blickend erwartet er für die heute 65-Jährigen, dass arme Männer immer noch 5,3 Jahre und Frauen 3,5 Jahre kürzer leben. "Arme sterben früher", lautet das nicht ganz neue Fazit.

Ein Ergebnis der Untersuchungen überraschte dann doch: Atypische Beschäftigung - wie befristete oder Teilzeitjobs von weniger als 21 Stunden in der Woche, Minijobs sowie Zeit- und Leiharbeit - nimmt in Deutschland seit gut 20 Jahren zu. Also lange vor 2005, dem Start der umstrittenen Hartz-IV-Arbeitsmarktreform. Die machte prekäre Arbeit für Arbeitslose zumutbar. 1993 waren 13 Prozent der Arbeitnehmer in atypischer Beschäftigung, bis 2006 stieg dieser Anteil auf 22 Prozent, berichtete Roderich Egeler, der Präsident des Statistischen Bundesamtes. Politisch bewerten wollte er die Entwicklung aber nicht.

Quelle: n-tv.de, Günther Voss, dpa

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