Politik

"Führung heißt dienen" Auf einmal klingt Habeck fast wie Merkel

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Hunderte Vertreter der Berliner Wirtschaft wollen Habeck hören.

(Foto: Christian Kruppa, IHK Berlin)

Der Hype um Robert Habeck ist groß. Zur IHK in Berlin strömen Hunderte Wirtschaftsvertreter, um zu hören, was der Grünen-Chef zu sagen hat - über Investitionen, Indiskretionen und Anfängerfehler.

Zum Schluss blickt Robert Habeck ziemlich gequält. "Jetzt machen Sie alles wieder kaputt", sagt er zum zweiten Mann auf dem Podium und weiß die Lacher erneut auf seiner Seite. Da hatte der Grünen-Chef schon zwei Stunden bei der Berliner Industrie- und Handelskammer die Wirtschaftspositionen seiner Partei erläutert und für die Verbindung von Ökologie und Ökonomie geworben. Um sich dann noch einmal von Hauptgeschäftsführer Jan Eder anzuhören, jetzt könne sich der Saal ein wunderbares Bild davon machen, warum die Öffentlichkeit ein Interesse am Menschen Robert Habeck habe.

Glaubt man Habeck, ist ihm gerade dieser Hype nicht geheuer. Seit Wochen führt seine Partei schon in Umfragen, plötzlich wird er als möglicher Kanzler gehandelt. Habeck als Regierungschef? Das seien die falschen Fragen, sagt der Grünen-Politiker sichtlich genervt beim wirtschaftspolitischen Frühstück der IHK Berlin, zu dem diese regelmäßig Politiker einlädt. Schließlich schwinge darin eine "Unernsthaftigkeit" mit, die der politischen Situation überhaupt nicht angemessen sei. Es gehe darum, ob die größte Wirtschaftsmacht Europas - das in einem porösen Zustand sei - eine politische Handlungsfähigkeit herstellen könne.

Allerdings dürfte es gerade der derzeitige Erfolg der Grünen sein, der hier bei der IHK zu einem außergewöhnlichen Andrang führt. Nur zweimal - bei Wolfgang Schäuble und Klaus Wowereit - gab es bei solch einem Frühstück einen größeren Ansturm. Der holzgetäfelte Saal ist gerammelt voll, viele der rund 400 Gäste kommen aus Neugier, wobei längst nicht alle Fans sind: "Man muss sich doch mit dem politischen Gegner auseinandersetzen", sagt einer.

Habeck gibt sich alle Mühe, die Anwesenden zu beruhigen. Er habe gelernt, dass gewisse Frontstellungen "nicht fruchtbar" seien und dass man Wege möglichst gemeinsam beschreite, sagt er gleich zu Anfang seines Vortrags "Mit Investitionen in die Zukunft". Um dann seine Kernthese in verschiedenen Variationen durchzuspielen: "Es wird sich etwas ändern müssen." Wenn Deutschland weiterhin erfolgreich sein wolle im Wettbewerb mit China und den USA, müsse es sich wandeln. Wobei, und dies scheint Habeck wichtig, dieser Wandel nicht gleichzusetzen sei mit Verlust und weniger Wohlstand. Es werde nur anders.

Habeck warnt vor einer Schwächung Deutschlands

Immer wieder stellt Habeck klar: Im Wettbewerb der Wirtschaften, gerade bei Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung, falle Deutschland zurück, auch wenn man es vielleicht nicht sofort bemerke. Zwar gebe es noch die alte Exportstärke gerade im Maschinenbau und in der chemischen Industrie, aber "sie zu verteidigen, heißt Dinge zu ändern", so Habeck. "Sonst werden wir, werden Sie in der Konkurrenz mit den anderen Wirtschaftssystemen eher ins Hintertreffen geraten." Es ist eine These, die angesichts der weltweiten Umbrüche auch für die versammelten Vertreter der Wirtschaft nicht sonderlich revolutionär sein dürfte.

Tatsächlich scheint der Grünen-Politiker bei der IHK den richtigen Ton anzuschlagen. Etwa wenn er sagt, dass es längst nicht nur darum gehe, "irgendwelche Pinguine und Eisbären zu schützen" - auch wenn er ihnen alles Gute wünsche -, sondern im Kern darum, ob Rechtsstaatlichkeit und die liberale Demokratie konkurrenzfähig bleiben angesichts der großen Anpassungsprozesse der Weltgemeinschaft. Oder wenn er die "immensen Herausforderungen", vor denen Deutschland stehe, anspricht und zugleich betont: "Aber wir leben im besten Deutschland, das wir je hatten, und das sollte nicht kaputt geredet werden". Da ist der Applaus laut und - wie auch am Ende seines Auftritts - mehr als nur höflich.

Ansonsten bemüht sich Habeck, die Grünen als Kraft der Mitte darzustellen, die pragmatisch ist und konkrete Antworten gibt. Nur so lässt sich seiner Ansicht nach auch der Höhenflug der Partei erklären, die inzwischen in zahlreichen Bundesländern mit in der Regierung sitzt. Die Grünen seien, mit Verlaub, "nicht mehr - und wollen es auch gar nicht sein - der Linksaußenrand des politischen Spektrums". Zugleich werde ihnen ja auch vorgeworfen: "Die Grünen machen es mit jedem." Doch beides zusammen - radikale Ökosozialisten oder "beliebige Waschlappen" zu sein - passt für Habeck schlecht zusammen.

Jamaika-Verhandlungen als traumatisches Erlebnis

Ganz zum Schluss geht Habeck dann auch noch einmal auf "Anfängerfehler" ein, die er begangen habe - wenn auch gemeinsam mit Politikern von Union und Liberalen. Das war im Herbst 2017, die Parteien rangen damals wochenlang um eine Jamaika-Koalition. "Beginnend mit dem blöden Gewinke vom Balkon" lief für Habeck vieles schief. Dass die Parteien nicht die Kraft gehabt hätten, vom Ende her zu denken, dass es "unfassbare Indiskretionen" aus den Runden gab. Als das Projekt dann platzte, sei es für Habeck  "das traumatischste Erlebnis" gewesen, das er in der Politik je gehabt habe.

Auch künftig dürften die Herausforderungen groß sein. Auf die Frage, welche Ziele die Grünen in einer Regierung durchsetzen wollten, führt er besonders zwei Punkte an: Klimaschutz und die Verteidigung liberaler Werte auf europäischer Ebene. Die Grünen würden daran gemessen, ob sie es schafften, die CO2-Emissionen zurückzufahren, sagt Habeck. Doch das - und hier reicht er wieder den Wirtschaftsvertretern die Hand - gelinge nur als "gemeinschaftliches Projekt". Dabei gehe es nicht nur um "Gutmenschentum", sondern um die Herstellung ökonomischer Prosperität. An anderer Stelle fügt er an, es mache immer Sinn, erstmal zu fragen. "Führung heißt dienen."  

Da klingt Habeck dann doch, auch wenn er das wohl kaum beabsichtigte, ein wenig wie die Kanzlerin. Mit dem Satz: "Ich will Deutschland dienen", hatte diese einst 2005 ihre erste Kandidatur angekündigt.

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Quelle: n-tv.de

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