Politik

Italien-Szenario nicht weit Belarus bekämpft Ärzte statt Corona

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Proteste gegen Lukaschenko in Minsk.

(Foto: dpa)

Die zweite Corona-Welle stellt Belarus vor große Herausforderungen. Statt sie zu bekämpfen, geht Staatspräsident Alexander Lukaschenko mit Repressalien gegen andersdenkende Mediziner vor - und droht Ärzten, die in anderen Ländern verdienen wollen.

Als "Psychose" bezeichnete der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko im Frühjahr das Coronavirus. Während selbst Nachbarländer wie die Ukraine und Russland ihre Grenzen schlossen und einen härteren Lockdown verhängten, hatte Lukaschenko eigenartige Tipps für seine Mitbürger. Wodka, die Arbeit mit einem Traktor und Saunagänge würden gegen das Virus helfen, alles andere mache sowieso keinen Sinn. So hat sich Belarus gegen jegliche Corona-Maßnahmen entschieden und ließ sogar die Parade zum sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg am 9. Mai ohne Maskenpflicht austragen, obwohl das Gesundheitssystem in Städten wie Wizebsk im Norden bereits an seine Grenzen kam.

Tatsächlich erreichte die Sterblichkeit in Belarus im ersten Halbjahr nach UN-Angaben ihren fünfjährigen Höchstwert. Im Herbst sieht die Lage aber selbst nach eher fragwürdigen offiziellen Daten deutlich schlimmer aus. Mittlerweile bewegt sich die Anzahl der Neuinfektionen bei rund 1500 pro Tag, für Belarus mit seinen 9,5 Millionen Einwohnern ist das bisher der angebliche Rekordwert. Im Frühjahr lagen die Höchstzahlen dagegen bei knapp unter 1000 Fällen.

Doch dass die Situation deutlich ernster ist als vor sechs Monaten, zeigt die Realität noch besser als die mutmaßlich geschönte Statistik. Nicht nur mussten viele Geburtshäuser und einfache Krankenhäuser extra für Corona-Patienten umgebaut werden, in fast allen großen Städten des Landes wurde bereits die Maskenpflicht eingeführt.

Für die Bürger hat sich die Agenda etwas verschoben

Viel weiter gehen die Behörden allerdings nicht, was vor allem die Mediziner beklagen. Das kommt nicht von ungefähr, denn Quellen des russischen Exil-Mediums Meduza in Krankenhäusern der Hauptstadt Minsk sagen, die tatsächlichen Zahlen seien bis zu zehnmal höher als die offiziellen Angaben. Auch lokale Aktivisten gehen von einem mindestens fünffachen Unterschied aus. "Wir müssen immer öfters die Entscheidung treffen, ob der Schwerkranke auf die Intensivstation darf oder nicht. Das italienische Szenario ist nicht mehr weit entfernt", zitiert Meduza Michail, einen Minsker Arzt. Während in Deutschland gegen die Corona-Einschränkungen demonstriert wird, halten die belarussischen Mediziner ähnliche Maßnahmen für ihr Land für sinnvoll.

In der Gesellschaft ist das allerdings etwas anders. "Im Frühjahr waren die Menschen davon überzeugt, dass der Staat zu wenig tut. Die Parade am 9. Mai war für viele ein Beispiel der Verantwortungslosigkeit", sagt Kirill A., ein belarussischer Journalist, zu ntv.de. "Die Agenda hat sich durch die umstrittene Präsidentschaftswahl etwas verändert, auch wenn man die Corona-Situation durchaus ernst nimmt." Dabei haben die Proteste gegen die fragwürdige Wiederwahl Lukaschenkos, die seit August nicht aufhören, eine erhebliche Auswirkung auf die belarussische Medizin mitten in der Covid-Krise.

21 Mediziner sitzen im "administrativen Arrest"

Einerseits werden die Krankenhäuser zusätzlich durch die Opfer des harten Vorgehens der belarussischen Sicherheitsbehörden gegen die Demonstranten belastet. Auch das Krankenhaus, in dem Michail arbeitet, empfängt ständig Teilnehmer der wöchentlichen Sonntagsdemonstrationen. "Von außen sieht das manchmal so aus, als hätten die Patienten zuvor einen Terroranschlag oder Erdbeben erlebt", berichtet er. Die Behandlung ist oft kompliziert und benötigt weitere Ressourcen. Andererseits geht der Staat trotz des Ärztemangels hart gegen die Mediziner vor, die Proteste gegen Lukaschenko sympathisieren.

Gegen mehr als 150 Mediziner hätten die Behörden nach Angaben der Stiftung der Medizinischen Solidarität wegen der Teilnahme an den Demonstrationen eine Geldstrafe verhängt. "21 Mediziner verbüßen gerade jetzt einen administrativen Arrest, der meist 15 Tage dauert. Mehr als 15 Menschen haben nach der Präsidentschaftswahl ihren Job verloren", teilte Stiftungskoordinator Andrij Tkatschow auf einer Pressekonferenz mit. "Das sind nur die Fälle, die uns übermittelt wurden. Die Tendenz ist viel größer." Dabei geht auch Tkatschow davon aus, dass die aktuelle Entwicklung der Epidemie die Lage von Frühjahr längst überholte.

Seit der Wahl im August protestieren auch die Mediziner in Belarus gegen die Brutalität der Sicherheitsbehörden und gegen die unzureichende Corona-Politik. Meist passiert dies in Form der für Belarus traditionellen Solidaritätsketten, oft gibt es aber auch einfache Demonstrationen vor den Krankenhäusern. Darüber hinaus haben mehr als 4000 Mediziner einen offenen Brief unterschrieben, der zur Freilassung der politischen Gefangenen und Ansetzung von neuen Präsidentschaftswahlen aufruft. Als Mediziner muss man jedoch nicht besonders auffallen, um verfolgt zu werden.

"Ich wurde ganz banal mit einem Plakat auf einer friedlichen Solidaritätsaktion festgenommen", erzählt eine weitere Ärztin aus Minsk gegenüber Meduza. Auch ihr droht administrative Verhaftung, doch diese ist nicht das einzige Problem. "Der Chefarzt meines Krankenhauses meinte klar: Mit solchen politischen Überzeugungen kann ich in einer Staatsklinik nicht tätig sein. Zwar arbeite ich ihm zufolge gut, aber er wird nun nach einem Grund suchen, um mich zu feuern." Personal, um sie zu ersetzen, gibt es nicht.

Lukaschenko scheint dies egal zu sein. Stattdessen droht er den Ärzten, die während der Epidemie Belarus verlassen, um etwa im Nachbarland Polen zu arbeiten und dort Geld zu verdienen: "Wir haben keine überschüssigen Ärzte. Wir werden niemanden zwingen, in Belarus zu bleiben, aber wer das Land verlassen hat, ist hier nicht mehr willkommen." Ob solche Kommunikation bei den belarussischen Medizinern gut ankommt, ist durchaus fraglich.

Quelle: ntv.de