Politik

Abgehängter Osten? Lange her! Brandenburg ist nicht mehr, was es mal war

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Liebevoll restaurierte Industriedenkmäler prägen heute das Bild der Stadt mit.

(Foto: Julian Vetten)

"Blühende Landschaften" hatte Altkanzler Kohl den Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung versprochen. In Brandenburg an der Havel wirkte das Versprechen des CDU-Politikers viele Jahre wie blanker Hohn - bis eine Parteikollegin den Brandenburgern die Lebensqualität zurückbrachte.

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Derselbe Backsteinbau damals, ...

Die Industrieruine gleich außerhalb der Brandenburger Stadtmauer hatte schon mal bessere Zeiten erlebt: Die vielen Fenster des Backsteinbaus aus der Gründerzeit waren größtenteils zugemauert oder starrten den Betrachter gleich aus leeren Höhlen an, ein Verladekran hing nutz- und lustlos an der Fassade rum - und im Wasser dümpelte traurig ein einsames Ruderboot vor sich hin. Hätte sich der Fotograf damals, im Jahr 2005, umgedreht und auf dem Weg durch die Innenstadt weiterfotografiert, er hätte noch Dutzende ähnliche Motive aufnehmen können: Mehr als 15 Jahre nach der Wiedervereinigung bekam man in Brandenburg an der Havel ein Gefühl dafür, was "abgehängter Osten" tatsächlich bedeutete. Schön war das vor allem für Besucher, die dem Charme des Verfalls nachspürten.

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... und heute: Am Mühlendamm ist gut zu sehen, was sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten getan hat.

(Foto: Julian Vetten)

Noch einmal 14 Jahre später ist die Stadt kaum wiederzuerkennen. Der vergammelte Backsteinbau am Mühlendamm hat sich herausgeputzt: Schmucke Eigentumswohnungen haben den Verladekran ersetzt, eine kleine Flottille von Sportbooten und Kleinjachten das einsame Ruderboot. Und auch der Rest der Havelstadt präsentiert sich jetzt so pittoresk, wie sich Altkanzler Helmut Kohl seine "blühenden Landschaften" wohl ausgemalt hatte.

"Die Stadt ist heute eine andere", bestätigt Verena. Die gebürtige Brandenburgerin flaniert an diesem sonnigen Augustabend mit ihrem Freund Gerd durch die Innenstadt und kann sich noch gut an die Jahre des Stillstands erinnern: "Wir hatten lange Zeit einen SPD-Oberbürgermeister, da ist nicht wirklich was vorangegangen. 2003 ist der dann abgewählt worden und eine ehrgeizige und energische Oberbürgermeisterin von der CDU übernahm. Ab dann wurde es langsam besser." Dietlind Tiemann hieß die Neue auf dem Chefposten, die Brandenburg zu der lebenswerten Stadt machte, die sie heute wieder ist.

Ein schwarzer Fleck

"Sämtliche Sehenswürdigkeiten sind wieder instandgesetzt", sagt Verena und zählt auf: die vielen Kirchen, die Stadtmauer, die Parks und die Plätze. "Wir hatten lange Zeit auf dem Markt ein Riesenloch, um das sich die Stadtoberen ewig gestritten haben. Da hat die Oberbürgermeisterin endlich Nägel mit Köpfen gemacht und die Sankt-Annen-Galerie möglich gemacht." Das Einkaufszentrum, das heute zu den Aushängeschildern Brandenburgs gehört, war wenige Monate vor Tiemanns Wahl im Dezember 2003 noch eine gewaltige Baugrube.

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Lebt gerne in ihrer Stadt: Ur-Brandenburgerin Verena (mit ihrem Freund Gerd, einem Chemnitzer).

(Foto: Julian Vetten)

Über sieben Jahre lang klaffte damals das von Einwohnern, Presse und Besuchern als "Schandfleck" bezeichnete Loch im Herzen der Stadt dort, wo vor dem Krieg das Rathaus der Stadt gestanden hatte. Entstanden war es bei Ausgrabungsarbeiten für die niemals realisierte Rathausgalerie - ein Symbol für eine verfehlte Stadtentwicklungspolitik, das wie ein schwarzer Fleck auf der Seele der Brandenburger lastete. Anders als ihr SPD-Vorgänger wusste Dietlind Tiemann allerdings um den Wert von Symbolen und startete die "Loch zu"-Initiative: Zusammen mit 200 Bürgern und einer Handvoll Baufirmen schüttete Tiemann das Loch in nur elf Stunden zu, ohne die Stadtkasse auch nur mit einem Cent zu belasten.

Ein Land, viele Gesichter

Am 1. September wählen Brandenburger und Sachsen einen neuen Landtag, am 27. Oktober ziehen die Thüringer nach. In den Wochen vor den Wahlen reisen wir einmal kreuz und quer durch die drei Bundesländer, um herauszufinden, was die Menschen von Templin bis Lehesten und von Lenzen bis Görlitz wirklich umtreibt.

Eine bessere Arbeitsprobe für ihre Bewerbung als Oberbürgermeisterin hätte Tiemann nicht abgeben können, wenige Monate später wurde sie im ersten Anlauf gewählt - obwohl die SPD damals im Land Brandenburg so fest im Sattel saß wie die CSU in Bayern und die CDU noch unter 20 Prozent herumdümpelte. Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit forcierte Tiemann die Entwicklung eines Masterplans, der 2006 leicht sperrig als "Integratives Stadtentwicklungskonzept", kurz INSEK, auf den Weg gebracht wurde. Ein ganzheitlicher Ansatz, der schon bald Erfolge zeigte: "Zentrale Vorhaben des alten Masterplans konnten erfolgreich umgesetzt werden, wie die Stärkung der Kernstadt, die Mitausrichtung der Bundesgartenschau Havelregion 2015 oder der Ausbau des Gesundheitsstandorts", zog die Stadt 2018 Bilanz. Nicht ganz so technisch klingt es, wenn man Verena fragt: "Das Gelände der Buga 2015 ist uns erhalten geblieben. Wir haben mittlerweile eine medizinische Hochschule und ein wunderbares Klinikum. Und entlang der Havel kann man einfach herrlich spazieren, Eis essen und Kaffee trinken - was will man mehr?"

In Berlin arbeiten, in Brandenburg wohnen

Das fragen sich offenbar auch immer mehr Berliner: Obwohl es von Brandenburg gute 70 Kilometer bis in die Hauptstadt sind und die Stadt damit längst nicht mehr zum klassischen Speckgürtel gehört, zieht es immer mehr Menschen aus der Millionenmetropole in die 70.000-Einwohner-Stadt an der Havel. Im vergangenen Jahr zogen 2700 Menschen nach Brandenburg, nur 2500 verließen die Stadt - in einem Bundesland, in dem die Entvölkerung ganzer Regionen sonst ein Riesenthema ist, ist auch ein kleines "positives Wanderungssaldo" ein Riesenerfolg.

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Alt trifft neu: Optisch ist Brandenburg auch wegen seiner Kontraste so spannend.

(Foto: Julian Vetten)

"Ich bin Lehrerin und habe in meinem Berufsfeld viele Zugezogene, viele junge Leute, die mit ihren Familien hierhergezogen sind", erzählt auch Verena. "Die pendeln zum Arbeiten nach Berlin, wohnen aber hier günstig in einer sanierten Altbauwohnung." Und zwar so richtig günstig, jedenfalls im Vergleich mit der Hauptstadt: Eine Drei-Zimmer-Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft des eingangs beschriebenen Mühlendamms kostet gerade mal 470 Euro kalt, für ganze 75 Quadratmeter. Innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings zahlt man für die gleiche Größe mehr als das Zweieinhalbfache - mit etwas Glück.

Und obwohl zwischenzeitlich immer mehr Menschen Brandenburg für sich entdecken, gibt es so gut wie keine Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen: "Wir nehmen die alle gerne", sagt Verena. "Die sind lebensfroh und weltoffen, und genau das braucht Brandenburg auch, schließlich sind wir hier manchmal noch ganz schön preußisch stur. Zusammen ist das am Ende dann eine schöne Mischung, von der alle profitieren." Ob das so bleibt, ist offen: In Potsdam, das sich vor 10 oder 15 Jahren so anfühlte wie Brandenburg heute, wird zwischenzeitlich ähnlich hitzig über Gentrifizierung und Verdrängungsdynamiken gestritten wie sonst nur in den Berliner Stadtteilen Kreuzberg oder Friedrichshain.

Lebensqualität schlägt alles

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Für Radfahrer ein Graus: Die historische Altstadt ist fast komplett kopfsteingepflastert.

(Foto: Julian Vetten)

Erste Gentrifizierungsungeheuer strecken zwar auch in Brandenburg so langsam ihre Fühler aus, werden aber bislang mehr als schlechter Witz denn als Bedrohung aufgefasst: "Da gehen keine Brandenburger hin, das ist doch einfach nur teuer und aufgesetzt", urteilt Verena etwa über einen schicken Laden, der vor der Postkartenidylle der Jahrtausendbrücke im Nordwesten der Neustadt eröffnet hat. Hauptgerichte für mehr als 20 Euro, in Brandenburg noch eine absolute Ausnahme.

Natürlich ist auch in der aufstrebenden Mittelstadt längst nicht alles Gold, was glänzt: Die Arbeitslosenquote liegt mit 8,3 Prozent um ein gutes Viertel höher als im Rest des Landes - und infrastrukturell wünschen sich die Brandenburger schon lange eine vernünftige Anbindung an die Autobahn A2, die sie noch schneller nach Berlin bringen würde. Das alles verblasst aber in großen Teilen, weil Lebensqualität am Ende des Tages eben doch mehr ist als nur ein sicherer Arbeitsplatz. Verena formuliert es anders: "Brandenburg hat kulturell etwas für jede Altersgruppe zu bieten - also nicht nur für junge Leute oder Rentner, sondern auch für alle dazwischen. Diese Vielfalt, das braucht eine Stadt meiner Meinung nach, um lebenswert zu sein und zu bleiben." Was Verena am 1. September wählen wird? "Natürlich schwarz."

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Quelle: n-tv.de

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