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Britische und deutsche Fähnchen stecken bei der Parade britischer Soldaten im niedersächsischen Bergen in einer Hecke.
Britische und deutsche Fähnchen stecken bei der Parade britischer Soldaten im niedersächsischen Bergen in einer Hecke.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 25. März 2017

Die Brexit-Scheidungskinder: Briten, die zu Deutschen werden

Von Gudula Hörr

Vor Jahren war es undenkbar: Plötzlich begehren viele Briten nichts mehr als einen deutschen Pass. Dabei treibt sie nicht nur die Angst vor einem "bürokratischen Nirvana".

Ausgerechnet im Bezirksamt des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg laufen sich die Freundinnen Alexine Good und Helen Carter über den Weg. Beladen sind die Britinnen mit einem Haufen Dokumente, beide haben ein Ziel: Sie wollen Deutsche werden – und zwar möglichst schnell. So wie viele Briten mittlerweile.

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"Jeder denkt nun darüber nach, Deutscher zu werden", sagt Good über ihre britischen Freunde und Bekannten in Deutschland. Seitdem die Briten mit knapper Mehrheit am 23. Juni 2016 für den Brexit stimmten, häufen sich die Einbürgerungsanträge. Auch wenn es bislang noch keine bundesweiten Zahlen gibt, ist der Trend eindeutig. In Heidelberg etwa wurden im vergangenen Jahr 44 Briten eingebürgert – im Jahr davor hatte niemand einen Antrag gestellt. In Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main beantragten im Jahr 2016 ingesamt 480 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft, 2015 waren es lediglich 79.

Vor dem Brexit-Referendum hätte sich Good nie vorstellen können, Deutsche zu werden. "Es war einfach nicht nötig", sagt die 55-Jährige, die seit 21 Jahren in Berlin wohnt und dort Englisch und interkulturelle Kommunikation unterrichtet. "Doch jetzt habe ich Angst, in einem bürokratischen Nirvana zu landen."

Bisher ist noch völlig unklar, wie der Status der rund 1,2 Million Briten, die im EU-Ausland wohnen, aussehen wird. Werden sie weiter von der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU profitieren oder werden sie wie Mitglieder von Drittstaaten behandelt? Am kommenden Mittwoch reicht Großbritannien in Brüssel die Scheidungspapiere ein, dann dürften sie Teil der Verhandlungsmasse sein – ebenso wie die rund 3 Millionen EU-Ausländer in Großbritannien. Bislang weigert sich Premierministerin Theresa May, diesen Zugeständnisse zu machen. Viele von ihnen fürchten, dass ihre Rechte künftig massiv beschnitten werden – dies war eine der Kernforderungen der Brexit-Anhänger.

"Ich fühle mich zunehmend deutsch"

Die Briten, die sich nun um einen deutschen Pass bemühen, lassen sich allerdings nicht nur von praktischen Gründen leiten. Für viele war das Brexit-Referendum ein tiefer Schnitt: Die Leave-Kampagne habe mit dem Versprechen von einer glorreichen Zukunft geworben, aber das sei alles "verdammter Blödsinn" und eine Lüge, sagt Helen Carter. "Seit dem Brexit, seit sich die Hälfte der Engländer so doof stellt, fühle ich mich zunehmend deutsch."

Wie so viele in ihrer Generation ist Carter noch mit Kriegsfilmen aufgewachsen, in denen die Deutschen die Bösen waren. Als sie vor Jahrzehnten nach Deutschland kam, zuckte sie beim Wort "Achtung" zusammen. Inzwischen weiß sie vieles an ihrer neuen Heimat zu schätzen – besonders die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. "Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Deutschland so ein Musterland wird?"

Das Gefühl der Entfremdung nach dem Brexit-Referendum drückt die "Guardian"-Korrespondentin Kate Connolly in einem Essay so aus: "Mein Land war nicht mehr mein Land. Das Gefühl der Trauer, der Enttäuschung saß zu tief." Auch Connolly hat sich inzwischen um einen deutschen Pass beworben. An manchen Tagen komme es ihr so vor, als sei die nationale Identität "komplett reduziert auf diese klebrige, selbstgerechte Nostalgie bei royalen Veranstaltungen, mit Boris Johnson auf einer Seilrutsche und einem nacktbadenden Nigel Farage als Hauptattraktion – und einem Nieselregen als Dreingabe".

Alexine Good lebt seit 21 Jahren in Berlin.
Alexine Good lebt seit 21 Jahren in Berlin.

Besonders die nationalen Töne irritieren viele Auslandsbriten. "Der Rassismus ist salonfähig geworden", sagt Good, die bisher nie an ihrer britischen Identität gezweifelt hat. An ihrer Wohnungstür hängt, wenn auch als Ironietest für ihre Besucher, ein Poster mit der Queen. Als die Königin vor zwei Jahren nach Berlin kam, stand sie vor dem Adlon und winkte mit ihren beiden Kindern, die sich über den schulfreien Tag freuten. Jetzt fühle sie sich in einem "kulturellen Niemandsland", sagt sie und beklagt, wie Polen in Großbritannien schon in der Woche nach dem Referendum beschimpft und drangsaliert wurden. "Das Klima hat sich definitiv verändert." Tatsächlich stieg nach dem Referendum die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe, vor allem Osteuropäer wurden Opfer von Beleidigungen, Drohungen und Attacken.

Dass es so schlimm kommen würde, hatten vor einem Jahr die in Deutschland lebenden Briten wohl kaum erwartet – genausowenig hatten sie mit einem Brexit gerechnet. "Ich war total schockiert", sagt einer beim jährlichen Empfang der britischen Botschaft Mitte März in Berlin. Wie fast alle Gäste wirkt er noch immer leicht fassungslos und als der britische Botschafter das Wort Brexit in den Mund nimmt, geht ein lautes Raunen durch die Menge. Der Sieg der sogenannten Little Englander mit ihren EU-feindlichen Parolen stößt in der Botschaft, vor der noch immer die EU-Fahne weht, auf Unverständnis und Ärger.

Bürokratischer Hürdenlauf beginnt

Besonders erzürnt es viele der rund 106.000 Briten in Deutschland, dass sie nach 15 Jahren im Ausland selbst nicht über den Brexit abstimmen durften und nun unter dessen Folgen leiden – durch wachsende Ungewissheit und im Zweifel durch eine Einbürgerung, die zeitaufwändig und teuer ist. Allein um einen ersten Beratungstermin beim Bezirksamt zu ergattern, musste Carter mehrere Monate warten – womit sie noch Glück hatte. Im Bezirk Mitte gibt es wegen der notorischen Berliner Personalnot die nächsten Termine erst Anfang 2018.

Abgesehen davon erwartet die Briten noch ein "bürokratischer Terz", wie es Carter nennt: Sie müssen einen Einbürgerungstest ablegen, oft auch einen Sprachtest, und jede Menge Nachweise in Englisch und Deutsch vorlegen: dass sie schon seit mindestens acht Jahren im Land wohnen, dass sie finanziell unabhängig sind, versichert, verheiratet, geschieden. Damit das Ganze möglichst reibungslos vor sich geht und die Briten bei einer deutschen Staatsbürgerschaft auch ihren britischen Pass behalten dürfen, drängt außerdem die Zeit. Denn mit dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU dürfte es deutlich schwerer werden, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Carter und Good haben inzwischen ihre Papiere beisammen und beim Amt eingereicht. Nun beginnt das Warten und Hoffen. Darauf, dass die Behörden in den nächsten Monaten positiv über ihr Gesuch entscheiden. Dass sie Deutsche werden.

Quelle: n-tv.de

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