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Zu Hause in London So rüsten sich EU-Bürger für einen Brexit

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Adriana Chodakowska lebt seit Jahren in London und liebt Großbritannien.

(Foto: privat)

Fast drei Millionen EU-Bürger leben in Großbritannien, unter ihnen viele Deutsche und Polen. Ein möglicher Brexit verändert auch ihr Leben. Viele wissen nicht, wie es weitergeht, doch sie sorgen schon einmal vor.

Was ist das bekannteste Gedicht des schottischen Dichters Robert Burns? Wie viele Medaillen gewann Baroness Tanni-Grey Thompson bei den Paralympics? Wie heißt eines der berühmtesten Werke des Malers David Allan? Die Fragen sind speziell und doch gibt es erstaunlich viele Menschen, die sie beantworten können: Zehntausende Ausländer, die in Großbritannien leben und einen britischen Pass beantragen - wofür sie unter anderem den Test "Life in the UK" ablegen müssen.

Eine von ihnen ist Maria Goods. Seit 26 Jahren lebt die Deutsche, die eigentlich anders heißt, in London. Sie hat hier promoviert, geheiratet, zwei Kinder bekommen und gearbeitet. "Früher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, einen britischen Pass zu beantragen", sagt sie. Schließlich haben EU-Bürger in Großbritannien fast die gleichen Rechte wie Briten und im Schmelztiegel London zählt die Nationalität herzlich wenig. "In London fühlt man sich vor allem als Londoner", so Goods, die mit ihrer Familie und einer Labrador-Hündin nahe dem Park Hampstead Heath im Norden der Stadt wohnt. Doch im Zuge des Brexit-Referendums am 23. Juni hat sie - wie viele EU-Ausländer - ihre Meinung geändert. Ihre Kinder sind seit Kurzem britische Staatsbürger, sie selbst kramt seit Monaten alle möglichen Unterlagen hervor, die für ihre Einbürgerung nötig sind.

"Natürlich glaube ich nicht, dass ich nach einem Brexit das Land verlassen muss", sagt sie. "Aber ein britischer Pass gibt mir ein sicheres Gefühl und erspart mir womöglich eine Menge bürokratischen Aufwand." Nicht nur sie denkt so. Viele Londoner kennen EU-Ausländer, die nach Jahren in Großbritannien plötzlich die britische Staatsbürgerschaft oder eine permanente Aufenthaltserlaubnis beantragen. Im ersten Quartal 2016 sind die Anträge für einen Pass um 9 Prozent gestiegen, wobei allerdings nicht klar ist, ob der Anstieg vor allem auf die rund 2,9 Millionen in Großbritannien lebenden EU-Bürger zurückzuführen ist. Fest steht jedoch: Die Unsicherheit unter ihnen ist groß, keiner weiß, wie es bei einem Brexit weitergeht.

Deshalb ärgert sich Goods auch so über das Referendum. "Es ist eine reine Verschwendung von Zeit und Geld." Nur aus politischem Machtkalkül sei es angesetzt worden, einen Brexit wollten vor allem diejenigen, die noch immer unter dem Verlust des Empires litten. Schon jetzt, so Goods, habe sich das Klima in Großbritannien gewandelt. Manche Ausländer hätten plötzlich Angst und müssten sich in öffentlichen Verkehrsmitteln ausweisen, was früher undenkbar gewesen wäre. Alle ihre Bekannten seien entsetzt.

"Viele sind sehr beunruhigt"

Entsetzen herrscht nicht nur unter den rund 131.000 registrierten Deutschen im Königreich. Auch die größte Gruppe der in Großbritannien lebenden Ausländer ist verunsichert: die offiziell 853.000 Polen. Sie arbeiten im Bau, als Putzfrauen, Kosmetikerinnen, als Angestellte bei Banken und Versicherungen. Viele zog es direkt nach der EU-Osterweiterung 2004 nach Großbritannien, als in anderen EU-Staaten noch Schutzklauseln galten. Doch statt einiger Zehntausend kamen Hunderttausende, inzwischen ist die Einwanderung durch EU-Bürger eines der am hitzigsten diskutierten Themen der Brexit-Debatte.

Für die Polen ist die ganze Debatte ein Alptraum. "Viele sind sehr beunruhigt", sagt Adriana Chodakowska, Chefredakteurin von Londynek, der größten polnischen Webseite in Großbritannien. Täglich bekommt sie besorgte Mails von Polen, die nicht wissen, was sie tun sollen. Jetzt sitzt Chodakowska auf der Dachterrasse des Polnischen Zentrums Posk, in dem ihre Redaktion und andere polnische Organisationen untergebracht sind. "Keiner weiß, wie es weitergeht", sagt sie und blickt auf die Dächer in der Abendsonne. "Noch nicht einmal die Regierung."

Viele Polen würden nun schnell versuchen, permanente Aufenthaltsgenehmigungen und einen britischen Pass zu bekommen. Tatsächlich haben Polen, die schon länger als fünf Jahre im Land arbeiten, wohl wenig zu befürchten. Sie können sich um einen permanente Aufenthaltserlaubnis und einen Pass bewerben, was allerdings ein komplizierter und teurer Vorgang ist. Noch schwieriger ist es allerdings für diejenigen, die noch nicht so lange in Großbritannien leben. Sie könnten, etwa wenn sie arbeitslos werden, zum Verlassen des Landes gezwungen werden, heißt es beim Migration Observatory der Universität Oxford. Was künftige EU-Zuwanderer nach einem Brexit erwartet, wenn es überhaupt noch welche gibt, steht völlig in den Sternen.

Chodakowska hat sich bislang nicht um einen Pass gekümmert. "Wenn Großbritannien die EU verlässt, werde ich mir wohl einen besorgen müssen", sagt sie. Bisher sah sie keine Notwendigkeit dafür, so sehr sie Großbritannien liebt. Vor zwölf Jahren, genau sieben Tage nach Polens EU-Beitritt, zog sie hierhin - "nicht des Geldes wegen", wie sie betont. "Ich war fasziniert von Shakespeare, der britischen Kultur und Literatur." Fasziniert ist sie bis heute. In London herrsche ein völlig anderer Lebensstil als in Polen, die Menschen seien entspannter und viel offener, sagt sie. Was auch ein Grund sei, warum viele ihrer Landsleute hier studierten und arbeiteten.

"Wie können sie uns die Schuld geben?"

Deshalb ärgert sie der Tenor der "Leave"-Kampagne umso mehr, bei der die Einwanderer aus Osteuropa oft als Sozialschmarotzer oder Billigarbeiter dargestellt werden, die den Briten die Arbeitsplätze wegnähmen. "Viele Briten sind doch so an Sozialhilfe gewöhnt, dass sie manche Jobs gar nicht annehmen würden", so Goods. "Wie können sie da uns die Schuld geben?"

Eine Einschätzung, die auch Briten teilen. Der Projektmanager Dave Pratt etwa, der seit Jahren im Bau arbeitet und in einem kleinen Hotel in Kensington wohnt, sagt, dass er für viele Jobs gar keine britischen Arbeitskräfte finden würde. Und wenn doch, dann wären sie bei Weitem nicht so fleißig wie viele Osteuropäer. "Ohne die Zuwanderung kann Großbritannien dichtmachen", so Pratt. Etwas weniger drastisch klingt dies in vielen Studien an, die die Bedeutung der Immigration für die britische Wirtschaft betonen und darlegen, dass die EU-Einwanderer mehr in die britischen Sozialsysteme einzahlen als von ihnen profitieren.

Für Chodakowska sind all die wirtschaftlichen Argumente, die für einen EU-Verbleib sprechen, allerdings nicht das Entscheidende. Letztlich liebt sie an einem Großbritannien, das in der EU ist, vor allem eines: "Dass wir alle aus verschiedenen Nationen kommen, aber zusammen hier leben können." Sie fühlt sich weder als Polin noch als Britin, sondern als Europäerin. Und dann fügt sie hinzu, ähnlich wie die Deutsche Maria Goods: "Wenn ich an zu Hause denke, dann denke ich an London."

Quelle: n-tv.de

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