Politik

Zurück zur demokratischen Normalität Clinton zeigt spät Größe

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Hillary Clinton: "Diese Niederlage schmerzt, und das wird sie noch für eine lange Zeit."

(Foto: REUTERS)

In der Nacht bringt Clinton ein öffentliches Eingeständnis ihrer Niederlage nicht mehr über die Lippen. Erst am Morgen danach zeigt die demokratische Präsidentschaftskandidatin dann doch noch, dass sie eine gute Verliererin ist.

Einen Sinn für Dramaturgie hat die Clinton-Kampagne bis zuletzt. Eine für 9:30 Uhr angekündigte "Tag danach"-Rede wird an diesem New Yorker Morgen zunächst auf 10:30 Uhr verschoben - und dann verspätet sich die große Verliererin dieser US-Präsidentschaftswahl noch einmal ordentlich. Als Hillary Clinton hinter das Rednerpult im "New Yorker Hotel" tritt, ist es bereits 11:40 Uhr.

Ein letztes Mal hat sie die Aufmerksamkeit nur für sich: Wie wird Clinton auf den Wahlsieg des republikanischen Scharfmachers Donald Trump reagieren? Wie demütig wird ihr Eingeständnis der Niederlage ausfallen? Wie sehr werden sie die vergangenen Wochen, der vergangene Wahltag, die nun verstrichene erste Nacht als Unterlegene gezeichnet haben?

Was die Ex-Außenministerin liefert, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine demokratische Selbstverständlichkeit: Clinton gratuliert Trump zu seinem Sieg. "Donald Trump wird unser nächster Präsident sein." Und sie ergänzt: "Ich hoffe, er wird ein erfolgreicher Präsident für alle Amerikaner sein." Sie bedauert, dass das Land tiefer gespalten sei, als sie gedacht hätte.

Es herrscht ein neuer Ton

Die Demokratin betont, dass sie und ihr Wahlkampfteam einen friedlichen Machtübergang zu Trump wertschätzten. "Wir schulden ihm Aufgeschlossenheit und eine faire Chance, das Land zu führen." Und sie bietet Trump alle ihr mögliche Unterstützung an. Es sind Worte, aus denen die Größe der Verliererin sprechen. Worte, die sich nach normalen Wahlkämpfen so gehören. Und gerade deshalb sind sie dieses Mal so bemerkenswert.

Man stelle sich ihren Kontrahenten Trump im Moment der Niederlage vor. Jenen Mann, der angekündigt hatte, einen Sieg seiner Kontrahentin anzufechten. Jenen Mann, der keine Gelegenheit ausgelassen hatte, Clinton als "betrügerisch" zu bezeichnen und sie im Fall seines Sieges einsperren zu lassen. Der Mann, der den wohl bisher schmutzigsten Wahlkampf in der US-Geschichte geführt hat, wäre womöglich nicht imstande gewesen, solche demokratischen Selbstverständlichkeiten zu akzeptieren.

Doch Clintons Rede passt in den neuen Ton, der zwischen der Demokratin und Trump herrscht. Am Vorabend überließ Clinton dem Wahlsieger das Wort. Im Augenblick des Triumphs gab sich dieser zahmer als im Wahlkampf. Für viele unerwartet rang er sich sogar ein Dankeschön an Clinton für ihre in den vergangenen Jahren geleistete Regierungsarbeit ab. Zuvor hatte Clinton Trump angerufen. Stolz verkündete der Milliardär, dass sie ihm zum Sieg gratuliert habe.

Eine schmerzhafte Niederlage

Es ist die einzige Regung Clintons, die noch in der Wahlnacht überliefert ist. Und das ist für viele empörend. In US-Medien wird davon berichtet, wie es in der Nacht hinter den Kulissen der Wahlparty im Javits Center zuging. Siegesgewisse Demokraten brachen in Tränen aus, als sich herauskristallisierte, dass Trump gewinnen würde. Für Clinton und ihr Team war einfach unvorstellbar, diese Wahl zu verlieren.

Dass sie ihre Anhänger erst stundenlang warten ließ, um dann ihren Wahlkampfmanager John Podesta mit einem irritierenden und schmalen Statement vorzuschicken, nahmen ihr viele übel. Die Party sei zu Ende, an diesem Abend habe das Team Clinton nichts mehr zu verkünden. Gute Nacht und Goodbye. Was sie Trump am Telefon eingestehen konnte, brachte sie zunächst öffentlich nicht übers Herz. Erst am folgenden Vormittag sagt sie: "Diese Niederlage schmerzt, und das wird sie noch für eine lange Zeit." Auch Stunden danach ist Clinton noch von diesem Schock gezeichnet. Immer wieder muss sie sich räuspern, mitunter entsteht der Eindruck, sie kämpfe mit den Tränen.

Doch wie es wohl nur in den USA möglich ist, münzt Clinton schließlich die Niederlage in einen Moment des Neuanfangs um. "Hört nie auf, daran zu glauben, dass der Kampf für das, was richtig ist, den Aufwand wert ist." Sie hoffe, dass schon bald eine andere Frau die gläserne Decke durchstoßen werde, um Präsidentin zu werden. Vielleicht ist es ja bereits 2020 soweit. Die Gattin des noch amtierenden Präsidenten hat vier Jahre Zeit, es sich zu überlegen.

Quelle: n-tv.de