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Die schwangere Frau versucht, aus dem Fenster zu fliehen - dann drohen sie die Kräfte zu verlassen.
Die schwangere Frau versucht, aus dem Fenster zu fliehen - dann drohen sie die Kräfte zu verlassen.(Foto: AP)
Mittwoch, 18. November 2015

Junger Mann rettete Schwangere: Der Held vom Bataclan, der keiner sein will

Von Thomas Schmoll

Eines der eindringlichsten Bilder des Pariser Blutbades zeigt eine Frau, die auf einem Fenstersims ums Überleben kämpft. Dass sie es schafft, verdankt sie einem selbstlosen Mann. Eine Geschichte voller Dramatik.

Das allererste Video, das weltweit von dem Attentat auf den Pariser Club Bataclan bekannt wurde, ist ein erschütterndes Dokument des Blutbades vom 13. November. Daniel Psenny, ein Journalist von "Le Monde", filmte mit seinem Handy einen Seitenausgang des Saals und hielt dramatische Szenen fest. Das Video zeigt Menschen, die unter hörbaren Schüssen aus Kalaschnikows fliehen, Verletzte, die von anderen Besuchern des Konzerts der Band "Eagles of Death Metal" hinausgetragen werden, Tote und eine Frau, die sich - in rund 15 Meter Höhe - an einen Fenstersims klammert.

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Sie überlebte - und ihr ungeborenes Kind auch. Dass sie und ihr Baby den Wahnsinn von Paris zumindest körperlich unbeschadet überstanden, hat sie einem selbstlosen Mann zu verdanken, der ihr half, wieder in das Gebäude zu kommen. Ein Freund der werdenden Mutter, die anonym bleiben möchte, suchte ihn in ihrem Auftrag via Twitter: "Einfach, um ihm Danke zu sagen."

Auch ihr Retter überlebt

Und tatsächlich: Auch er hat überlebt. Der doppelte Lebensretter heißt Sébastien, stammt aus Arles in Südfrankreich und schilderte die dramatischsten Minuten seines Lebens in der Zeitung "La Provence". "Mit meinem Freund Jeff bin ich gegen 20 Uhr im Bataclan angekommen." Nach dem ersten Teil des Konzerts holten sie demnach Bier, um danach wieder näher an die Bühne zu gehen. Beim ersten Schuss "dachten wir, das sei ein pyrotechnischer Effekt. Als der zweite Schuss abgefeuert wurde, haben wir verstanden, was los war."

Der Zeuge: "Wir hörten Menschen schreien. Der Sänger verschwand von der Bühne." Nachdem die Lichter im Saal angegangen seien, "habe ich mich zum Eingang umgedreht, wo ich zwei oder drei Typen mit Kalaschnikows sah. Die haben auf alles geschossen, was sich bewegte." Nach seinen Schilderungen waren die ersten Opfer jene, die an der Bar standen. Er berichtete von einem Jungen "nah bei mir, den eine Kugel am Kopf traf".

Sébastien versuchte nach eigener Aussage, zu einem "Notausgang hinter den Kulissen" zu gelangen. Er schilderte, wie er sich zunächst kriechend fortbewegte. "Ich musste über Leichen, Verletzte, meine Kleider waren voller Blut." Als er auf der linken Seite der Bühne keinen Notausgang entdecken konnte, nutzte er die Gelegenheit, als einer der Terroristen nachlud, die Bühne hinter einem schwarzen Vorhang zu überqueren. Seinem Bericht zufolge konnte er weiterhin keinen Notausgang finden, so dass er die Treppe hinauf zu den Balkonen rannte, von der Gäste von oben auf die Bühne schauen können.

Der Notausgang ist lebensgefährlich

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"Direkt vor mir waren zwei Fenster und an einem hing eine schwangere Frau, die Menschen unten anflehte, sie aufzufangen, wenn sie springt", erzählte Sébastien. Ihre Rufe verhallen ungehört. Der Sims, an dem sie sich festhielt, ist direkt über dem Notausgang. Wer sich während des Attentats dort befand, riskierte sein Leben. Sébastian: "Ich bin durch das andere Fenster hinaus und habe mich an einem Entlüftungsschacht festgehalten." Rund fünf Minuten später war die Schwangere mit ihren Kräften am Ende und fragte, "ob ich ihr wieder hineinhelfen könne. Das habe ich getan. Ich weiß nicht, wohin sie verschwand."

Seinem Erlebnisbericht zufolge kehrte der mutige Mann in sein Versteck zurück, wo er allerdings aufflog. "Fünf Minuten später fühlte ich den Lauf einer Kalaschnikow an meinem Bein" und ein Terrorist forderte ihn auf, hervorzukommen und sich auf den Boden zu legen. Nach eigenen Angaben war Sébastian nun eine von 15 Geiseln und musste erleben, wie die Terroristen vom Balkon aus auf Menschen schossen und Opfer vor Schmerzen schrien.

Dazu gaben die Täter nach Aussagen des Überlebenden perfide Erklärungen ab: "Wir sind da, um euch dasselbe Leid zuzufügen, das die Unschuldigen in Syrien erleiden müssen. Ihr sollt die Angst verspüren, die die Leute in Syrien jeden Tag erleiden müssen. Das ist Krieg. Und das ist erst der Beginn. Wir massakrieren die Unschuldigen."

Sébastien handelt besonnen

Mehr als eine Stunde dauerte das Geiseldrama im Bataclan, wo allein 89 Menschen ermordet wurden. Neben seinem Bericht in "La Provence" sagte der Mann dem Radiosender RTL, die Attentäter hätten ihre Gefangenen gezwungen, die Tötung der anderen Besucher gutzuheißen. "Die Schüchternen nickten nur, die Mutigeren sagten 'Ja'." Er sei gefragt worden, ob Geld für ihn Bedeutung habe. Weil er ahnte, was die Angreifer hören wollten, verneinte er. "Daraufhin zückten sie ein Bündel 50-Euro-Scheine - und ich musste es verbrennen. Die anderen Geiseln haben mir dafür gedankt, dass ich nicht versuchte, mich als Held aufzuspielen".

Die Angreifer drohten, "alle fünf Minuten" eines ihrer Opfer zu erschießen und aus dem Fenster zu werfen, aber auch damit, sich im Fall eines Polizeizugriffs in die Luft zu sprengen und andere mit in den Tod zu reißen. Zudem positionierten sie dem Bericht zufolge zwei Geiseln an der Tür als menschliche Schutzschilde. Es vergingen "die längsten Minuten meines Lebens", mit dem Sébastien bereits abzuschließen begann. In Erwartung des Todes "schloss ich meine Augen, um nicht die auf mich gerichtete Kalaschnikow zu sehen".

"Glücklichster Schmerz meines Lebens"

Dann begann die Polizeiaktion. Mit einem Rammbock stießen die Einsatzkräfte die Tür auf und zündeten Blendgranaten. "Als eine zweite Blendgranate vor meine Füße fiel, sagte ich mir, es ist an der Zeit zu fliehen. Als Mitglieder des Kommandos reinstürmten, wurde ich niedergetreten. Aber das war der glücklichste Schmerz meines Lebens. Ich wurde gerettet genauso wie mein Freund Jeff, den ich später gefunden habe."

Ungeachtet der Tatsache, dass er das Leben der Schwangeren und ihres Babys gerettet hat, möchte Sébastien offenkundig nicht als Held gefeiert werden. Seinen vollständigen Namen nannte er nicht. Sein Bruder berichtete unterdessen der Zeitung "Le Parisien", dass Sébastien und die werdende Mutter telefoniert hätten und sich demnächst treffen wollten. So setzen sie ein Signal, dass das Leben für sie weitergeht - und eins in wenigen Monaten erst richtig anfängt.

Quelle: n-tv.de