Politik

Widerstand in Jerusalem Der Zorn vom Damaskustor

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Am Damaskustor, dem Zugang zur Altstadt, nimmt die israelische Polizei einen Demonstranten fest.

(Foto: REUTERS)

Am Tag, für den Hamas-Führer Hanijeh eine dritte Intifada ausgerufen hat, schaut die Welt auf Jerusalem. Wird die Lage in der Heiligen Stadt eskalieren? Ein zentraler Treffpunkt für die Palästinenser ist das Damaskustor. Dort versammeln sich viele. Andere beobachten das mit Sorge.

Polizisten soweit das Auge reicht. Schwer bewaffnet und in Schutzkleidung stehen sie zu Dutzenden zusammen und beobachten die aufgeheizte Menge. Jerusalem ist an diesem Tag eine mehr als gut bewachte Stadt. Nach dem Freitagsgebet entlädt sich bei vielen Palästinensern die Wut auf Donald Trumps Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels. Sie skandieren Palästina-Parolen und rufen "Allahu akbar".

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Berittene Polizisten versuchen, Demonstranten auseinander zu treiben.

(Foto: Sonja Gurris)

Auch vor dem Damaskustor versammeln sich Demonstranten. Das Tor ist ein Eingang in den muslimischen Teil der Altstadt von Jerusalem. An diesem Nachmittag stehen sich auf dem halbkreisförmigen Platz davor zahlreiche Schutzleute und Demonstranten gegenüber. Umzingelt von unzähligen Beobachtern, Anfeuerern und internationalen Medienvertretern. Es ist eine explosive Mischung. Das wird besonders spürbar, als der Platz plötzlich von der Polizei geräumt wird und viele Palästinenser gewaltsam auseinander gebracht werden.

Einzelne Männer stellen sich vor die Polizisten zu Pferd und provozieren sie. Einer hält seinen Schuh in die Höhe, als wolle er ihn gleich loswerfen. In der arabischen Welt gilt diese Geste als Symbol größter Verachtung. Wenige Sekunden später rauschen zwei Pferde vorüber - vorbei an den oftmals jungen Palästinensern, die am Rande stehen und die anderen auf dem Platz anstacheln.

Polizisten geben sich cool

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In der Altstadt ist wenig los. Touristen sind kaum zu sehen.

(Foto: Sonja Gurris)

Die israelischen Sicherheitskräfte lassen nur noch diejenigen durch das Tor in die Altstadt, die auch dort leben. Ohne ein Dokument, dass das beweist, wird der Einlass blockiert. "Heute Morgen und Nachmittag hatten wir ein paar Unruhen, aber jetzt haben wir das hier im Griff", gibt sich ein Polizist auf Nachfrage von n-tv.de betont gelassen. Etwa 400 Sicherheitskräfte sind alleine hier im Einsatz. Sie geben sich cool.

Zwischen all den Menschen laufen nur wenige Touristen umher. Unter ihnen sind Aron und Johanna aus der Nähe von Göteborg in Schweden. Sie wollten nur einen kleinen Städtetrip nach Jerusalem machen - und geraten nun zufällig in die Unruhen hinein. "Nein, Angst haben wir keine", sagen die beiden. "Wir schauen uns das hier von der Seite aus an. Die ganzen Polizisten machen auf uns den Eindruck, dass die Stadt sicher ist."

Auch eine französische Touristin steht am Tor - und ist sauer auf US-Präsident Donald Trump. Er sei "total verrückt", sagt sie. "Wir dürfen diese Gewalt hier nicht akzeptieren." Seit zwei Stunden schaue sie sich die Proteste am Damaskustor an, "um mir eine Meinung zu allem zu bilden", sagt sie - und wird just von einem Polizisten mit Sonnenbrille und Rucksack mit "SWAT"-Aufdruck weg gescheucht.

"Ach, das ist wie immer hier"

Die Händler in der Altstadt merken sofort, dass die Touristen lieber wegbleiben. "Heute ist wirklich nichts, zero", erklärt Hassan, der seit elf Jahren direkt am Tor Kleidung verkauft. Er hält sich aus dem Jerusalem-Thema raus, sagt er. Er wolle nur, dass sein Business funktioniert. Elise sieht das anders: "Ich finde schon, dass wir etwas tun müssen", erklärt die Muslimin. "Aber gewaltsam sollte es nicht sein." Sie hilft ihren Verwandten dabei, die Scherben der Keramikschalen aufzufegen, die bei Verfolgungsjagden durch die Altstadt zu Bruch gegangen sind. "1000 Scheckel haben wir heute verloren, weil junge Männer dagegen gelaufen sind - auf der Flucht vor der Polizei."

Gerade die Basarhändler im muslimischen Viertel merken, dass ihnen dieser Tag wirtschaftlich nur schadet - auch wenn sie teilweise mit den Gedanken der Demonstranten übereinstimmen. Viele winken bei der Frage nach ihrer Meinung aber nur ab und wenden sich stattdessen Knave, Saft oder Süßigkeiten in den Auslagen zu. Die Händler haben an diesem Tag ihre Läden allesamt früher geschlossen. Die Unruhen haben ihnen gehörig das Geschäft vermiest, egal in welchem der Altstadtviertel.

Ein paar Gehminuten vom Damaskustor entfernt strömen nach und nach immer mehr Ultraorthodoxe durch die engen Gassen der Altstadt und bahnen sich den Weg zur Klagemauer. Auch am ausgerufenen "Tag des Zorns" wollen sie sich nicht davon abhalten lassen, an ihrem Heiligtum zu beten. Ein junger Israeli kontrolliert an der Sicherheitsschleuse die Taschen der Gläubigen. Er sieht den Konflikt pragmatisch. "Ach, das ist doch wie immer hier", sagt er und zuckt mit den Achseln.

Quelle: ntv.de