Politik

Klimagipfel in Kattowitz "Deutschlands Ruf ist ziemlich ramponiert"

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Der Weltklimarat IPCC fordert ein schnelles Umsteuern der internationalen Gemeinschaft.

(Foto: REUTERS)

In Kattowitz berät die UN-Klimakonferenz das fast Unmögliche: die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Keiner könne letztlich garantieren, dass Zusagen eingehalten würden, sagt Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch im Interview mit n-tv.de. "Es wird niemand mit Panzern in ein anderes Land fahren, um diese durchzusetzen."

n-tv.de: Der UN-Klimagipfel in Kattowitz geht vermutlich in die Verlängerung. Am Mittwoch reiste eigens UN-Generalsekretär Antonio Guterres noch einmal nach Polen, um den Teilnehmern ins Gewissen zu reden. Läuft es so schlecht?

Christoph Bals: Es ist ein schwieriger Gipfel. Bei der Pariser Klimakonferenz vor drei Jahren beschlossen die Staaten, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen und einigten sich dabei auf viele Formelkompromisse. Jetzt müssen sie ein Regelbuch verfassen und richtig ins Detail gehen. So soll es künftig klare Kriterien und transparente Regeln geben. Wenn jemand Geld für den Klimaschutz zusagt, darf das beispielsweise nicht Geld sein, das schon einmal für Entwicklungshilfe oder Biodiversität versprochen war. Es kann auch nicht sein, dass sich jeder seine eigenen Regeln strickt, wie Klimaschutz angerechnet wird.

Im Klimabereich gab es schon viele Versprechungen, die nicht eingelöst wurden. Wie lassen sich Regelverstöße künftig wirksam ahnden?

Keiner kann letztlich garantieren, dass Zusagen eingehalten werden. Es wird niemand mit Panzern in ein anderes Land fahren, um diese durchzusetzen. Das Stärkste, was wir im internationalen Bereich erreichen können, ist ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag. Beim Kyoto-Protokoll haben sich die Industriestaaten relativ gut daran gehalten.  

Beim Pariser Klimavertrag scheint das nicht so gut zu klappen.

Die meisten Staaten, die nun ihren Energie- und Verkehrssektor und ihre Industrie umbauen müssen, kommen tatsächlich nicht so voran, wie das notwendig wäre. Wir sehen schon, dass das Pariser Klimaabkommen die Investitionstrends in vielen Ländern verändert hat. Aber das Tempo reicht nicht aus, vor allem die alten Strukturen aus Öl und Gas werden noch weiter ausgebaut und Kohle nicht schnell genug reduziert. Hier muss der Umbau deutlich schneller erfolgen.

Wer sind denn die größten Bremser in Kattowitz?

Bei den Klimaverhandlungen spielen die USA durch ihren angekündigten Austritt eine hochproblematische Rolle. Auch Saudi-Arabien, Kuwait und Russland bremsen und blockieren eine ganze Reihe von Verhandlungsprozessen - alles drei Länder, die überwiegend vom Verkauf von Öl und Gas leben. Mit ihnen müssen wir daher in den nächsten Jahren Pläne zum Umbau der Wirtschaft entwickeln. Saudi-Arabien will zum Beispiel bis 2030 im eigenen Land kein Öl mehr nutzen, aber es noch weiter verkaufen. Als nächsten Schritt könnte es dann in der Wüste sehr kostengünstig Wasserstoff erstellen und dieses statt Öl exportieren. Wir müssen solche neuen Geschäftsmodelle mit diesen Staaten erarbeiten, damit die Transformation vorankommt und sie sich künftig in Verhandlungen konstruktiv verhalten.

Widerstand kommt ja auch aus anderen Ländern, etwa wenn Klimaschutzmaßnahmen Geld und Arbeitsplätze kosten. Wie lässt sich hier Klimaschutz sozialverträglich durchsetzen?

Prinzipiell ist das relativ einfach, weil durch die Transformation deutlich mehr Arbeitsplätze entstehen als wegfallen. Aber es gibt immer Menschen und Regionen, die konkret betroffen sind. Für sie müssen wir, wie das jetzt auch die Strukturwandelkommission für den Kohleausstieg in Deutschland versucht, Pläne entwerfen, damit sie eine Zukunftsperspektive haben.

Deutschland wurde in Kattowitz mit dem Negativpreis "Fossil des Tages" ausgezeichnet. Spielt es in der Klimapolitik überhaupt noch eine große Rolle?

Bei den Verhandlungen in Kattowitz spielt Deutschland durchaus eine sehr wichtige Rolle. Auch versucht es mit 1,5 Milliarden Dollar für den Grünen Klimafonds, weltweite Partnerschaften für den notwendigen Umbau der Gesellschaften voranzubringen und gibt damit einen Anstoß für alle reichen Staaten, dies ebenso zu unterstützen. Allerdings wäre die deutsche Verhandlungsposition noch viel stärker, wenn Berlin schon den Kohleausstieg angekündigt hätte. Es ist sehr traurig und bedauerlich, dass das nicht passiert ist. Deutschlands Ruf als Klimavorreiter ist ziemlich ramponiert.

Wie kann es den noch retten?

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Christoph Bals ist politischer Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch.

(Foto: dpa)

Viele schauen nun auf Deutschland, ob es tatsächlich am 1. Februar 2019 einen Kohleausstieg vorlegt, der zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens passt. Und es hängt viel davon ab, ob es zumindest bis 2022 schafft, seine CO2-Emissionen um 40 Prozent zu reduzieren - was es ja eigentlich schon 2020 erreichen wollte. Außerdem muss Deutschland die Klimaziele für 2030 im Energie-, Verkehrs- und Gebäudebereich, in der Landwirtschaft, Industrie und im Finanzsektor umsetzen. All dies soll nächstes Jahr in einem Klimaschutzgesetz beschlossen werden. Wie ambitioniert das ausfällt, wird auch maßgeblich darüber entscheiden, ob Deutschland es ernst meint mit seinen Klimazielen und nicht länger in der EU bremst.

Wie problematisch ist es denn, wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen?

Der jüngste Bericht des Weltklimarats IPCC zeigt: Es besteht ein riesiger Unterschied, ob sich die Erde um 1,5 oder um 2 Grad erwärmt. Bei einer Erwärmung um bis zu 2 Grad wird das Abschmelzen der Eiskappe in Grönland vermutlich irreversibel und alle Korallenriffe in den Meeren werden absterben. Das wird auch eine dramatische Konsequenz für die Ernährungssicherung auf dem Planeten haben.

Gerade in Europa scheinen aber die Konsequenzen noch nicht so sichtbar.

Südeuropa ist ganz massiv betroffen. Länder wie Portugal, Spanien, Italien und Griechenland werden zu großen Teilen noch in diesem Jahrhundert versteppen, wenn sich der Klimawandel ungebremst fortsetzt. Gegenden, in denen jetzt Landwirtschaft betrieben wird, werden zu Wüsten. Auch Deutschland betrifft der Klimawandel zunehmend. 2018 war höchstwahrscheinlich das wärmste und trockenste Jahr seit Beginn der Temperaturmessungen. Es gab verheerende Waldbrände. Das Wasser im Rhein steht so niedrig, dass BASF mit wichtigen Materialien kaum beliefert werden konnte und ein milliardenschweres Werk stilllegen musste. Vor dem Klimawandel hätten wir alle 400.000 Jahre mit so einem Sommer rechnen müssen. Wenn der Klimawandel so fortschreitet, erwartet uns bis 2050 alle 3 bis 5 Jahre so ein Extremsommer. Die Zeit drängt immens. Wir müssen bis 2050 weltweit aus Kohle, Öl und Gas ausgestiegen sein. Nur dann haben wir eine Chance, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Ist das überhaupt noch realistisch?

Wir haben durchaus eine realistische Chance, dieses Ziel zu erreichen. In Gesellschaften läuft ein Wandel nicht immer in ganz kleinen Schritten ab, sondern oft kommt es plötzlich zu einen Kipppunkt, an dem sich dieser massiv beschleunigt. Das ist so ähnlich wie beim Mauerfall in der DDR. Noch 1987 hätte ihn keiner für möglich gehalten, im Nachhinein erscheint er ganz logisch. Allerdings müssen wir uns jetzt alle gewaltig umstellen.

Mit Christoph Bals sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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