Politik

"Heute hieße das Völkermord" Die Bundesregierung windet sich

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Paramount Chief Vekuii Rukoro sprach in seiner Rede Klartext.

(Foto: imago/epd)

Deutschland bekenne sich zu seiner kolonialen Vergangenheit, sagt Staatsministerin Müntefering bei der Übergabe sterblicher Überreste von Opfern des Völkermords an Herero und Nama. Doch noch immer ist das Bekenntnis ein großes Lavieren.

"Warum ist es so schwierig, die Wahrheit zu erkennen?", fragt Esther Muinjangue. "Und warum ist Frau Merkel nicht hier?" Die Vorsitzende des OvaHerero Genocide Committee hat gerade im Französischen Dom in Berlin einer Gedenkfeier beigewohnt, bei der die Gebeine von 27 Menschen übergeben wurden - Menschen, die vor über hundert Jahren von der kaiserlichen Armee in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika getötet wurden. Ihre Schädel wurden anschließend nach Berlin transportiert, um hier pseudo-wissenschaftliche Forschungen an ihnen vorzunehmen.

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Zwei Schädel im Französischen Dom am Gendarmenmarkt in Berlin. Insgesamt wuren die Überreste von 27 Menschen übergeben.

(Foto: imago/epd)

Es ist das dritte Mal, dass Deutschland sterbliche Überreste von Opfern dieses Völkermords, bei dem Zehntausende umkamen, an die namibische Regierung übergibt. Und zum dritten Mal winden sich die anwesenden Vertreter der Bundesregierung, um den Genozid nicht so zu nennen. Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und die ranghöchste Vertreterin Deutschlands bei der Zeremonie, benutzt eine Formulierung, mit der sich deutsche Politiker schon früher beholfen haben. Die Gräueltaten von damals "waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde", auch wenn dieser Begriff erst später entwickelt worden sei.

Esther Muinjangue ist nicht die einzige, die am Rande der Veranstaltung darauf hinweist, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel erst vor wenigen Tagen in Armenien war und dort einen Kranz am Mahnmal für die Opfer des armenischen Völkermords niedergelegt hat. Auch auf diesem Kranz stand schließlich nicht "für die Opfer dessen, was man heute Völkermord nennen würde". Dabei ist dieser Satz schon ein Fortschritt. Noch vor wenigen Jahren argumentierte die schwarz-gelbe Bundesregierung, der Kolonialkrieg könne gar nicht als Völkermord gewertet werden, da die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen in Deutschland erst seit 1955 gelte.

"Ich bitte aus tiefstem Herzen um Verzeihung"

Müntefering ist anzumerken, dass ihr das Lavieren nicht leichtfällt. Sie betont, wie sehr der Gottesdienst unmittelbar vor der Übergabezeremonie sie bewegt habe, sie spricht von Wunden, die hoffentlich geheilt würden. "Wir müssen uns auch diesem Teil unserer Geschichte mit all ihren Facetten stellen." Gerade heute, in Zeiten des Populismus, sei es wichtig, sich klar zur eigenen Vergangenheit zu bekennen. "Das schreckliche Unrecht, das unsere Vorfahren begangen haben, kann ich nicht rückgängig machen", sagt sie. "Aber ich bitte Sie aus tiefstem Herzen um Verzeihung."

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Die Toten tragen keine Namen, nur eine Nummer.

(Foto: REUTERS)

Ist das die Entschuldigung, auf die die Nachkommen gehofft haben? Wohl kaum. Vor Müntefering hält der oberste Vertreter des Volks der Herero, Paramount Chief Vekuii Rukoro, eine Rede. Er spricht Klartext. Schon bei der ersten Übergabe von Gebeinen im Jahr 2011 sei seinem Vorgänger gesagt worden, er solle auf das Wort "Völkermord" verzichten. Dieses Mal sei sogar versucht worden, ihn von der Feierstunde fernzuhalten.

Die meisten Herero sind auf Einladung der Bundesregierung in Berlin. Doch ausgerechnet den Paramount Chief wollte man offenbar nicht dabei haben. Über den Grund kann man nur spekulieren: Rukoro ist Anwalt, er gehört zu den Herero, die in New York eine Klage gegen Deutschland eingereicht haben. Sehr zum Missfallen der Bundesregierung, die offiziell davon ausgeht, dass nach so langer Zeit "keine juristische Aufarbeitung möglich" sei.

Jedenfalls habe der deutsche Botschafter in Windhuk der namibischen Regierung zu verstehen gegeben, dass der deutsche Steuerzahler nicht für seinen Flug und seine Unterkunft aufkommen werde, sagt Rukoro. Tatsächlich ist aus Kreisen der Herero zu hören, dass er in einem Billighotel abgestiegen ist.

"Völkermord, so nennen wir das zuhause"

Chief Rukoro räumt ein, dass die Übergabe heute in einem würdevolleren Rahmen stattfinde als die ersten beiden. 2011 und 2014 wurden Überreste aus den Beständen der Charité von der Uniklinik selbst übergeben - dieses Mal findet der Akt erstmals zwischen Vertretern der Regierungen beider Länder statt. Wirklich würdig, sagt Rukoro, wäre jedoch eine Gedenkfeier in einem Regierungsgebäude in Berlin gewesen.

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Staatsministerin Müntefering vertrat die Bundesregierung bei der Gedenkfeier.

(Foto: imago/epd)

Organisiert wurde die Zeremonie von den protestantischen Kirchen Namibias und der Evangelischen Kirche in Deutschland. "Die deutsche Regierung sollte selbst Verantwortung übernehmen, statt sie an die Kirche zu schieben", sagt der Chief. Die Ausflüchte der Bundesregierung kritisiert er deutlich: "Völkermord, so nennen wir das zuhause. So nennen es deutsche Oppositionspolitiker, so nennt es die deutsche Öffentlichkeit, so nennt es die Welt." Die einzigen, die nicht in der Lage seien, dieses Wort zu benutzen, "sind die namibische und die deutsche Regierung".

Seit 2015 verhandeln Deutschland und Namibia bereits darüber, wie eine Entschuldigung aussehen könnte. Längst ist klar, dass am Ende das Eingeständnis stehen muss, dass die Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama ein Völkermord war und dass es eine offizielle Entschuldigung geben wird. Und doch sind die Verhandlungen, die von deutscher Seite vom langjährigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, dem CDU-Politiker Ruprecht Polenz, geführt werden, noch immer nicht zu einem Ende gelangt.

Die Folgen des Völkermords sind bis heute spürbar

Zugleich zeigt Rukoros Auftritt, dass es bei diesem Thema mehr als nur eine Konfliktlinie gibt. Viele Herero sind verärgert, weil sie an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia nicht beteiligt sind - das meint Rukoro, wenn er sagt, auch die namibische Regierung verwende das Wort "Völkermord" nicht. Sie tut dies durchaus - nur spricht Namibias Bildungsministerin Katrina Hanse-Himarwa in ihrer Rede häufiger von einem Genozid an Namibiern, seltener vom Völkermord an Herero und Nama.

Die Ministerin betont zwar, dass sie selbst von Herero- und Nama-Vorfahren abstamme und deshalb auch für diese sprechen könne. Allerdings spielen Herero und Nama für die namibische Regierungspartei SWAPO nur eine untergeordnete Rolle, wie Christian Kopp von der Initiative "Berlin postkolonial" sagt. Er und andere Aktivisten haben eine Mahnwache vor dem Französischen Dom organisiert. Die SWAPO sei von der Volksgruppe der Ovambo dominiert, die im Norden des Landes zu Hause seien, erklärt Kopp. Geld, auch Entwicklungshilfe, fließe vor allem dorthin. "Vor dem Genozid haben die Herero und Nama zwei Drittel des Landes dominiert." Das zeigt: Die Folgen des Völkermords sind bis heute spürbar.

Eine Folge des Genozids sei, dass heute weiße Farmer auf Land säßen, "dass eigentlich uns gehören sollte", sagt Esther Muinjangue. Fordert sie Enteignungen? "Das wäre ein gewaltsamer Weg", antwortet sie. "Wir sind nicht gewaltsam, wir wollen reden." Enteignungen, fügt sie dann noch hinzu, könnten aber die letzte Option sein.

Das Verhalten Deutschlands führe dazu, dass die Forderungen der Herero und Nama immer radikaler würden, sagt der Grünen-Politiker Ottmar von Holtz. Er ist in Namibia aufgewachsen, sitzt im Bundestagsausschuss für Entwicklungspolitik und nimmt heute ebenfalls an der Mahnwache teil. "Das traditionell erstaunlich entspannte Verhältnis von Herero und Nama zu den Weißen wird dadurch belastet." Im Französischen Dom ist keine abstrakte erinnerungspolitische Debatte verhandelt worden. Das Lavieren der Bundesregierung hat konkrete Konsequenzen, die in Namibia zu spüren sind. In zwei Tagen wird Müntefering in Windhuk dabei sein, wenn die Überreste der Toten dort empfangen werden. Dann sollen auch die Verhandlungen fortgesetzt werden.

Quelle: n-tv.de

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