Politik

Lager leer, Industrie abgebaut Die Ukraine hat ein Munitionsproblem

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Ukrainische Artilleristen verteidigen die Region Saporischschja im Südosten der Ukraine.

(Foto: IMAGO/Ukrinform)

Die ukrainische Armee verfeuert im Krieg gegen Russland jeden Tag Tausende Schuss an Munition. Die Lager leeren sich, Improvisation ist gefragt. Und die NATO-Staaten haben nicht mehr viele Geschosse zum Nachliefern.

Leere Patronenhülsen stapeln sich haufenweise hinter schweren Geschützen. An der Kriegsfront in der Donezk-Region schießt allein eine Einheit der ukrainischen Artilleriesoldaten mit ihren Haubitzen jeden Tag bis zu 140 Geschosse auf die russischen Stellungen.

In der gesamten Ukraine sind es noch viel mehr. In wenigen Tagen würden hier die Bestände ganzer NATO-Staaten verschossen, so Rafael Loss, Experte für Sicherheits - und Verteidigungspolitik beim Think-Tank European Council on Foreign Relations gegenüber ntv.de. Pro Tag werden von der Ukraine laut einem NATO-Beamten zwischen 5000 und 10.000 Schuss Artilleriemunition verfeuert. Das ist so viel, wie in einem ganzen Monat in Afghanistan, dort nutzen die Truppen der Verbündeten 300 Artilleriegeschosse pro Tag.

Die andauernden Kämpfe lassen die Munitionsbestände der ukrainischen Armee schrumpfen. "Für die allermeisten Waffensysteme, die die Ukraine zurzeit hat, gibt es noch bestimmte, wenn auch begrenzte Munitionsvorräte", sagt Rafael Loss im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Voraussetzung dafür sei aber, dass die westlichen Unterstützer der Ukraine westliches Material nachlieferten.

Deutschland könnte sich nur zwei Tage lang verteidigen

Vor allem für die sowjetisch produzierten Systeme geht der Ukraine die Munition aus. Außerhalb Russlands könnten kaum Projektile für in der Sowjetunion hergestellte Kriegswaffen nachproduziert werden, sagt Loss.

Die NATO-Staaten haben der Ukraine bisher Waffen im Wert von etwa 40 Milliarden Dollar geschickt. Das ist etwa so viel, wie Frankreich jedes Jahr für seine Verteidigung ausgibt. Unter anderem durch die Waffenlieferungen schrumpfen die eigenen Arsenale der Länder. Die Lücke in Europa bei den Reserven, aber auch bei den Produktionskapazitäten in der Industrie sei groß, erläutert der Verteidigungsexperte.

NATO-Mitglieder sollten für den Kriegsfall eigentlich Reserven für etwa einen Monat haben. Doch "allein die USA wären nur unter großem Ächzen dazu in der Lage, tatsächlich Munitionsreserven für 30 Tage hochintensives Gefecht bereitzustellen", sagt Loss. Deutschland hätte laut einem Medienbericht Munition für gerade einmal zwei Tage. Das liegt vor allem daran, dass über Jahre hinweg deutlich zu wenig bestellt wurde.

Rüstungsindustrie profitiert vom Krieg

Die westliche Rüstungsindustrie ist auf Friedenszeiten eingestellt. Die NATO-Staaten haben sie in den vergangenen Jahrzehnten abgebaut. Deshalb können die Rüstungsfirmen gar nicht so schnell nachproduzieren, wie Material und Munition in der Ukraine verbraucht werden.

Rheinmetall
Rheinmetall 226,00

Die Hersteller könnten ihre Produktion steigern, "indem man von 100 auf 125 Prozent Produktionskapazität geht, indem man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter länger arbeiten lässt, neue Leute einstellt, höhere Gehälter bezahlt", erläutert Loss im Podcast. "Irgendwann kommt man dann aber an strukturelle Kapazitätsgrenzen und da bräuchte es dann die Investition, um zum Beispiel eine zweite Fabrik zu eröffnen."

Die Geschäfte der Rüstungskonzerne laufen trotzdem gut, auch schon vor dem Ukraine-Krieg. Weltweit steigen ihre Umsätze immer weiter an, zeigen Zahlen des Friedensinstituts Sipri. Der größte deutsche Waffenhersteller Rheinmetall erwartet für vergangenes Jahr 20 Prozent mehr Gewinn - das wären deutlich mehr als 700 Millionen Euro. Die Aktien von Rheinmetall und anderer Rüstungshersteller sind seit Kriegsbeginn im Höhenflug.

Rohstoffe aus China und Russland fehlen

Rheinmetall will seine Munitionsproduktion hochfahren. Der Rüstungsbetrieb baut in Deutschland derzeit Anlagen für sogenannte Mittelkalibermunition. Als Erstes könnte Munition für den Flugabwehrpanzer "Gepard" produziert werden, die in der Ukraine knapp wird. Bis zu 300.000 Schuss könnten im Juli ausgeliefert werden. Vorausgesetzt, die Bundesregierung erteilt den Auftrag dafür.

Hergestellt werden die Geschosse eigentlich in der Schweiz. Die Schweizer Regierung hat Deutschland aber verboten, sie an die Ukraine weiterzugeben. Deshalb ist jetzt Rheinmetall gefordert.

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Ein weiteres großes Problem sind die weltweiten Lieferketten. Viele europäische Rüstungsfirmen haben ihre Rohstoffe bisher aus Asien und Afrika bekommen, doch die sind knapp und teuer. Loss nennt als Beispiel Schwarzpulver oder Sprengmittel, die größtenteils in China produziert werden. Auf diese Rohstoffe sei die deutsche Rüstungsindustrie teils "essenziell angewiesen". Aufgrund der Lieferketten-Unterbrechungen kämen sie "nicht zeitnah" an, berichtet der Experte.

Auch Russland war bisher ein wichtiger Lieferant der Rüstungskonzerne, hat unter anderem Metalle wie Aluminium oder Platin geliefert, berichtet das Mediennetzwerk Euractiv. Die Industrie suche deshalb jetzt nach anderen Quellen. Zudem habe die Industrie durch den Abbau der Rüstungsproduktion bestimmte Vorprodukte seit Jahren gar nicht abgefragt, sagt Loss.

"Ausschalten der ukrainischen Rüstungsindustrie"

Die Ukraine selbst kann kaum Munition herstellen. Nur noch wenige der Fabriken sind übrig. Ukrainische Produktionsanlagen wurden von Russland gezielt angegriffen und zerstört. Ein Großteil der ukrainischen Rüstungsindustrie war bisher im Osten des Landes angesiedelt, berichtet Loss im "Wieder was gelernt"-Podcast, vor allem in der Region Charkiw. Ein prioritäres Ziel der russischen Streitkräfte sei "das Ausschalten der ukrainischen nationalen Rüstungsindustrie" gewesen, "um diese Möglichkeit der Munitionsproduktionen, aber auch der Reparaturkapazitäten für ukrainisches Material zu zerstören und damit den ukrainischen Verteidigungskampf zu unterminieren."

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Westliche Staaten versuchen zwar, in afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern noch passende Munition für die sowjetischen Waffen in der Ukraine aufzutreiben. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, mittel- bis langfristig werde die ukrainische Armee sowjetisches Kriegsmaterial nicht mehr nutzen können, erwartet der Verteidigungsexperte.

Falsche Munition lässt Kanonenrohre "bersten"

Momentan benutzen die ukrainischen Truppen viele ähnliche Waffentypen parallel. Sie stammen aus verschiedenen Ländern: den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder auch Schweden. Die richtige Munition zur passenden Waffe transportiert zu bekommen, ist nicht immer einfach. "Von den Maßen her muss die Munition schon passen, sonst ist sie nicht abschussfähig, sonst würde sie die Kanonenrohre verstopfen und gegebenenfalls zum Bersten der Rohre führen", erklärt Loss.

Die Ukrainer sind aber dazu gezwungen, zu improvisieren. Wenn die richtigen Geschosse fehlen, greifen sie auf andere Typen zurück, die auch passen. Das kann aber zu Beschädigungen, Abnutzungen und schließlich Ausfall der Waffen führen, sagt der Experte. "Selbst wenn ein französisches 155-Millimeter-Artilleriegeschoss in eine Panzerhaubitze 2000 gesteckt wird, heißt das nicht, dass die das auch ohne Weiteres verschießen kann, wenn sie nicht dafür zertifiziert ist."

Wie es klappen kann, der Ukraine mehr westliche Waffen und Munition zu liefern, das wollen die Verteidigungsminister, unter anderem aus den USA, Deutschland und Großbritannien, aber auch Vertreter von Nicht-NATO-Staaten, nächste Woche beraten. Sie treffen sich am Freitag auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer. Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie unter anderem in der ntv-App, bei Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify.

Quelle: ntv.de

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