Politik

Was der Arabische Frühling den Frauen brachte Ausgegrenzt, missbraucht, kampfbereit

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Kämpferinnen einer kurdischen Rebellengruppe im vergangenen Sommer im syrischen Aleppo.

(Foto: REUTERS)

Frauen waren im Arabischen Frühling Revolutionärinnen der ersten Stunde. Drei Jahre später hat sich die Hoffnung auf politische Mitsprache zerschlagen. Sexuelle Gewalt ist in Ägypten zum Alltagsproblem, in Syrien zum mörderischen Kriegsmittel geworden.

Als vor drei Jahren die Aufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen losbrachen, fiel auf, dass die Gesichter dieser Aufstände nicht nur jung, sondern auch in großer Zahl weiblich waren. Frauen waren ein selbstverständlicher Teil der "Facebook-Jugend", die mit neuen Mitteln für den Sturz der Diktatoren, für mehr Mitsprache und freie Wahlen demonstrierte. Genauso selbstverständlich reihten sich damals konservativ verschleierte Frauen, Mütter, Omas, Intellektuelle und mittellose Arbeiterinnen in die Massen der Protestierenden ein.

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Frauenschicksal in Syrien: Umm Radwan ist eine Kämpferin der Freien Syrischen Armee. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie sich der bewaffneten Opposition angeschlossen.

(Foto: REUTERS)

Tunesien machte Ende 2010 den Anfang: Dort arbeiteten junge Aktivistinnen und Studentinnen Seite an Seite mit ihren männlichen Mitstreitern. Junge Frauen wie die Bloggerin Lina Ben Mhenni ("A Tunisian Girl") spielten sogar eine entscheidende Rolle bei der Formierung der Protestbewegung, die lange vor dem eigentlichen  Aufstand stattfand. Ihr Kampf für Demokratie in dem nordafrikanischen Land weckte Hoffnungen auf eine ganz neue arabische Gesellschaft. Die Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz schienen wenige Wochen später das Bild aus Tunis zu bestätigen. Und auch in Libyen, das bis dato eher bekannt war für seinen wundersamen Diktator Muammar al-Gaddhafi, waren es Frauen, die Munition in ihren Handtaschen schmuggelten, Verwundete pflegten und in den befreiten Städten die Fahne der Rebellen hissten.

Ein ähnliches Bild zeigte sich zunächst in Syrien. Der Aufstand dort mündete jedoch im Frühsommer 2011 schon nach wenigen Monaten in einen Bürgerkrieg, der bereits jetzt einer der blutigsten und brutalsten in der Geschichte der Region ist. Die Schrecken dieses Krieges zeigen sich für die Frauen unter anderem in Entführungen, sexueller Folter, systematischen Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung mitsamt ihren traumatisierten Kindern.

Rückschritt durch Islamisten

Während es in Syrien nur noch um das pure Überleben geht, ist das Leben auch für Frauen in Tunesien, Libyen und Ägypten schwieriger geworden. Sie erkennen langsam, dass sie sich besser organisieren müssen, wenn sie in den (immer noch nicht gefundenen) neuen politischen Ordnungen ihrer Länder eine Rolle spielen wollen. Nur dann können sich die einstigen Hoffnungen von Gleichberechtigung und politischer Teilhabe erfüllen. "Rückschläge sind normal in solchen Übergangsprozessen, gerade für die Rechte der Frauen", sagt die britische Wissenschaftlerin Mariz Tadros von der Universität Sussex. Sie hat genau analysiert, was für die ägyptischen Frauen seit dem Sturz des Langzeitmachthabers Husni Mubarak schiefgelaufen ist. Sie seien systematisch übergangen worden, als Muslimbrüder und Militärrat ein neues politisches System miteinander auskungelten.

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Politische Demonstration in Kairo: "Weg mit den Muslimbrüdern, weg mit den Salafisten. Hier herrscht das Gesetz der Revolution", verkündet diese junge Frau.

(Foto: REUTERS)

Auch die erstarkten ultrakonservativen Salafisten hätten nur daran gearbeitet, die Frauen aus der Öffentlichkeit zurückzudrängen. Die vielen kleinen Frauenverbände und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wurden ohne Dachverband von solchen Entwicklungen förmlich überrollt. Den Frauen fehlten eine Lobby und die nötigen Allianzen, um bei der neuen Machtverteilung im Land entscheidend mitwirken zu können, schlussfolgert Mariz Tadros.

Eine Entwicklung gegen die Interessen von Frauen macht auch die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni in ihrem Land aus. In einem ihrer Aufsätze schreibt sie: "Diejenigen, die von voller Gleichberechtigung geträumt haben, sagen, dass sie sich jetzt weniger frei fühlen als unter dem Ben-Ali-Regime." Die 30 Jahre alte Autorin sieht die Hoffnungen des Arabischen Frühlings in ihrem Land enttäuscht. Verantwortlich dafür macht sie die islamistischen Parteien, die nach der Revolution die Wahlen gewonnen haben. Bei der regierenden Partei "Ennahda" macht sie eine Doppelstrategie aus: Einerseits würden die liberalen Kräfte eingelullt mit Bekenntnissen zur Gleichheit der Geschlechter. Andererseits würden die Islamisten seit Jahrzehnten geltendes Recht umschreiben - so sei bereits in Planung, das seit 1956 existierende Verbot der Mehrehe aufzuheben.

Ägypten: Demobilisierung durch sexuelle Gewalt

Die Frauen in Ägypten treibt währenddessen ein weiteres Problem um. Die immer weiter ausufernde sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum ist das gesellschaftliche Megathema geworden. Das Internetprojekt "Cairo Harassmap" sammelt Berichte über Belästigungen auf einer virtuellen Karte. Ziel ist, das Problem öffentlich zu machen und gefährliche Gebiete zu kennzeichnen. Mohammed El-Khateeb ist seit Jahren für die Harassmap aktiv und sagt: "Die Daten, die wir sammeln, zeigen ganz deutlich: Frauen fühlen sich in Kairo nicht sicher. Sie haben immer den Radar an, wenn sie draußen sind. Die Konsequenz ist, dass sie am liebsten zu Hause bleiben."

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Symbol für sexuelle Gewalt in Ägypten: Das Foto mit dem blauen BH ging um die Welt. Soldaten zerren seine Trägerin über den Tahrir-Platz, reißen an ihren Kleidern und treten auf sie ein.

(Foto: REUTERS)

Sexuelle Belästigung hat aus Sicht der Gender-Forscherin Mariz Tadros auch eine politische Komponente. "Sexuelle Gewalt ist sozial und politisch motiviert und hat das Ziel, Frauen politisch zu demobilisieren", sagt sie. Dabei spielte es in Ägypten bei den wechselnden Regierungen und Allianzen der vergangenen drei Jahre kaum eine Rolle, wer gerade an der Macht war. Einen Höhepunkt erreichte die sexuelle Demütigung von Frauen im Protestjahr 2011, als Mitglieder des Obersten Militärrates an festgenommenen Demonstrantinnen Jungfräulichkeitstests durchführten. Die Praxis wurde vor zwei Jahren verboten.

Besonders offenbar wird der Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und Demobilisierung angesichts von Vergewaltigungen während Massendemonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Die Berichte und Bilder reichten aus, um immer mehr Frauen von Demonstrationen fernzuhalten. Für die liberale Protestbewegung ist das ein heikles Thema, weil sie nicht will, dass der Mythos der Revolution zerstört wird. Die 18 Tage auf dem Tahrir-Platz - vom 25. Januar bis zum 11. Februar 2011, als Mubarak seinen Rücktritt verkündete - sind schon jetzt so etwas wie ein Heiligtum im kollektiven Gedächtnis. Solche Bilder hatte es noch nie gegeben: Frauen und Männer campierten gemeinsam auf dem Platz. Das ist etwas Besonderes in einer Gesellschaft, wo Frauen normalerweise nicht außer Haus übernachten. Andererseits sind es genau diese sich als Liberale verstehenden Revolutionäre, die für die Rechte der Frauen kämpfen wollen - und es müssen, um glaubwürdig zu bleiben.

Syrien: Vergewaltigung als Kriegswaffe

Lauren Wolfes Stimme beginnt zu zittern, wenn sie über Syrien spricht. Die Journalistin aus New York hat sich einer deprimierenden Puzzlearbeit verschrieben: Sie dokumentiert Fälle von sexueller Gewalt im syrischen Bürgerkrieg. Auf der von ihr gepflegten "Croudmap" auf der Internetseite des Informationsprojektes "Women Under Siege" erscheinen derzeit 226 Fälle, verteilt auf mehrere Regionen des Landes. Je weiter man in die Karte auf dem Bildschirm hineinzoomt, desto mehr verteilen sich die Punkte. Wenn man daraufklickt, gelangt man zu Einzelberichten mit konkreten Fällen.

Anders als bei der "Harassmap" in Kairo ist die Dokumentation hier kein Selbstläufer. "In Syrien funktioniert das Prinzip nicht wie anderswo. Ich habe auch nicht erwartet, dass syrische Frauen online gehen und sagen: 'Ich wurde vergewaltigt'", sagt Lauren Wolfe. Stattdessen werden Berichte aus zweiter oder dritter Hand gesammelt, zusammengetragen aus Berichten der Uno, von Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisationen oder Journalisten. "Was wir hier haben, sind alles nicht nachgeprüfte und momentan auch nicht nachprüfbare Informationen. Es ist ein Schnappschuss, der uns eine Idee davon gibt, was dort alles passiert. Und wir wissen, dass es passiert."

Am besten dokumentiert sind Vergewaltigungen in Gefängnissen, weil sie in einer Art Institution stattfinden, wo es Zeugen geben kann und diejenigen, die lebend herauskommen, entsprechend berichten können. Weitere Übergriffe finden statt an Checkpoints und bei Hausdurchsuchungen. Zudem häufen sich aus Syrien Berichte, wonach junge Frauen und Mädchen entführt und in leerstehenden Häusern gefangen gehalten werden. Teilweise werden Videos von den Vergewaltigungen gedreht und an die Familien geschickt, um Druck aufzubauen, Angst zu verbreiten oder Geld zu erpressen. Verschiedene Statistiken lassen sich aus den spärlichen Informationen ableiten. Eine davon deutet darauf hin, dass etwa jede fünfte Vergewaltigung in Syrien mit dem Tod endet – entweder wird das Opfer gleich vom Täter umgebracht, nimmt sich später selbst das Leben oder wird, in selteneren Fällen, der Ehre wegen von Angehörigen ermordet.

Viele andere müssen nicht nur mit ihrem Trauma weiterleben, sondern sind auch mit einem sozialen Stigma behaftet. Die Kriegswaffe Vergewaltigung zeigt sich in einem Land wie Syrien als besonders verheerend, wo konservative Vorstellungen von der Reinheit der Frauen und Familienehre weit verbreitet sind. Die allgemeine Not ist auch abseits dieser Gräueltaten für alle Syrer riesig. Doch gerade Frauen und Mädchen sind in dieser Situation besonders verwundbar. Geldmangel führt dazu, dass Mädchen wieder früher verheiratet werden. In den Flüchtlingslagern, wo viele Menschen auf engem Raum leben und kaum etwas zu tun haben, werden immer mehr Fälle häuslicher Gewalt beobachtet, berichtet Lauren Wolfe von "Women Under Siege".

Der Frühling ist im Jahr vier vorbei

Trotz unterschiedlicher Entwicklungen in den Ländern des Arabischen Frühlings ist ihnen eines gemeinsam: Von einem politischen Frühling kann keine Rede mehr sein. Für die arabischen Frauen gilt das umso mehr. Dass der Begriff noch problematisch werden würde, wollten viele im ersten Überschwang am Anfang der Umstürze nicht gerne hören. Nach den erfolgreichen Umstürzen genossen die Frauen auf einmal hohes Ansehen. Konservative Muslimbrüder bekannten: Frauen können ja wirklich alles! Das friedliche tage- und nächtelange Miteinander etwa auf dem Kairoer Tahrir-Platz wurde auch als Meilenstein gesehen für eine neues Ansehen, ein neues Mitspracherecht des weiblichen Geschlechts in Politik und Gesellschaft.

Im Jahr vier nach den Stürzen von Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten müssen die Frauen dort viel nachholen, um noch Anschluss zu finden im politischen Neuordnungsprozess. In Libyen und Syrien ist die Lage in vielerlei Hinsicht so prekär, dass Frauen wie Männern dort noch ein langer Weg bevorsteht. Naima Gibril, eine Richterin aus dem libyschen Benghazi und in dieser Position eine Exotin in ihrem Land, spricht aus, was Millionen Frauen zwischen Tunis und Kairo, Benghazi und Aleppo drei Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings empfinden dürften: "Es ist leichter, einen Diktator loszuwerden, als die Herrschaft der Männer zu überwinden."

Quelle: n-tv.de

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