Politik

"Weil er Genitalien hat" Ed Miliband profitiert von dämlichen Attacken

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Ed Miliband hat einen Plan. Und er hatte schon einmal Sex.

(Foto: REUTERS)

Mit fremdenfeindlichen und dummen Angriffen wollen konservative Politiker und Medien in Großbritannien einen Wahlsieg von Labour-Chef Ed Miliband verhindern. Das geht nach hinten los.

Der britische Labour-Chef Ed Miliband sieht komisch aus, wenn er in ein Schinken-Sandwich beißt. Er ist ein Geek, ein Streber, ein Intellektueller aus der Nordlondoner Elite. Er ist unpatriotisch, er würde Großbritannien nach einem Wahlsieg am 7. Mai an Russland ausliefern und dem Vereinigten Königreich den Dolch in den Rücken stoßen. Schon sein Vater war ein Marxist, der Großbritannien hasste.

Nicht alle diese Vorwürfe kommen von Politikern, manche wurden in Zeitungen erhoben, die sehr viel deutlicher in den Wahlkampf eingreifen, als dies in Deutschland üblich ist - was britische Wahlkämpfe oft schmutzig macht. Selten jedoch waren Attacken so dreckig wie die gegen Miliband, den Sohn eines Juden aus Belgien, der vor den Nazis nach Großbritannien floh, und einer Jüdin aus Polen, die den Holocaust als Kleinkind überlebte.

Zu intellektuell und nicht patriotisch genug? Dass die Kampagne gegen Miliband antisemitische Züge trägt, wird in britischen Medien kaum thematisiert. Mehr als 60 Verwandte von Ed Miliband sollen im Holocaust umgekommen sein. In den USA wäre eine solche Familiengeschichte für einen Politiker Goldstaub, merkte der "Independent" an, in Großbritannien sei es fast ein Grund für Scham.

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Die Tatsache, dass Ed Miliband vor seiner Heirat vier Freundinnen hatte, war für die "Daily Mail" ein Aufmacher.

(Foto: Screenshot)

Scham ist ein Gefühl, das Milibands Gegner nicht kennen. Der 45-jährige Sozialdemokrat soll als Fremdling dargestellt werden, der seltsam ist und nicht dazugehört. Der Labour-Chef habe seinen Bruder von hinten erdolcht und würde dasselbe mit Großbritannien machen, sagte der britische Verteidigungsminister Michael Fallon am vergangenen Donnerstag. Am Freitag erschien die "Daily Mail" mit einer Geschichte über das "fidel verwickelte Liebesleben" des "roten Ed". Denn Miliband habe nicht nur seinem Bruder David das Messer in den Rücken gestoßen, als er 2010 gegen ihn für das Amt des Labour-Chefs kandidierte. Er traf auch - was für eine Enthüllung! - seine spätere Frau auf einer Dinner-Partei seiner damaligen Freundin. "Die Geschichte kam heraus, als Mrs. Miliband dem Labour unterstützenden 'Daily Mirror' ein Interview gab", vermerkt die "Mail". Offensichtlich hätten PR-Berater Frau Miliband losgeschickt, um den Eindruck zu erwecken, ihr Mann sei "ein gefühlsduseliger Mensch" und nicht "der seelenlose Trottel", den man aus dem Fernsehen kenne.

"Wählt ihn nicht, er hatte Sex!"

Worin Milibands fideles Liebesleben bestehen soll, ließ der vor Hass und Propaganda triefende Artikel offen. Zwar werden insgesamt vier Frauen genannt, mit denen Miliband vor seiner Ehe eine Beziehung hatte. Doch das alles fand nicht etwa gleichzeitig, sondern nacheinander statt.

Entsprechend fielen die Reaktionen aus. Miliband müsse sofort zurücktreten, forderte ein Kolumnist in einer ironischen Glosse im "Guardian". Warum? "Weil er Genitalien hat. Genitalien, die, und es tut mir leid, Ihnen das so taktlos mitteilen zu müssen, möglicherweise schon einmal benutzt wurden. Es ist ekelhaft. Der Mann sollte sich wirklich schämen." In derselben Stimmung twitterte der Journalist Ian Dunt: "Wählt Miliband nicht, er hatte schon mal Sex!"

Auch Verteidigungsminister Fallon bekam viel Kritik für seine Attacke zu hören. Wenigstens war bei ihm der Hintergrund politisch. Es geht um die Modernisierung der britischen Atom-U-Boote, der sogenannten Trident-Flotte. Miliband hat nichts dagegen, zumindest drei der vier U-Boote zu modernisieren, aber er könnte nach der Wahl auf die Stimmen der schottischen Nationalpartei SNP angewiesen sein, wenn er Premierminister werden will. Die SNP lehnt Trident ab, weil die U-Boote allesamt in schottischen Häfen stationiert sind. Was Fallon eigentlich sagen wollte, war also: Miliband wird nach der Wahl sein Wort brechen. Mit seiner Wortwahl sorgte er dafür, dass genau diese Debatte nicht geführt wird. Selbst konservative Kommentatoren fanden die Attacke "peinlich" und "viel zu persönlich". Premierminister David Cameron sah das anders. Fallon habe, wenn auch ziemlich deutlich, das Richtige gesagt.

Mittlerweile scheint das hemmungslose Dauerfeuer gegen Miliband nach hinten loszugehen. Der Mann, der von den Briten angeblich als linkischer, elitärer Tölpel und Fremdling wahrgenommen wird, hat Cameron in den Beliebtheitsumfragen erstmals überholt. Labour steht in den Umfragen derzeit bei 34,4 Prozent, Tendenz steigend, die Konservativen bei 32,3 Prozent, Tendenz fallend.

Quelle: ntv.de