Politik

Leben auf der Flucht Eine Sudanesin will nach Europa

RTX19IRU.jpg

Die Flüchtlinge in diesem Boot haben es bis zur griechischen Insel Rhodos geschafft.

(Foto: REUTERS)

Seit elf Jahren ist Amira auf der Flucht. Im Sudan musste sie zusehen, wie ihr Bruder ermordet wurde, was die Polizei mit ihrem Mann gemacht hat, weiß sie nicht. Mit ihren Kindern floh Amira nach Kairo. Aber auch dort ist sie nicht sicher.

Eigentlich stammt Amira aus Darfur, der von Bürgerkrieg geplagten Region im Westen des Sudan. Seit 2013 lebt sie mit ihren vier Kindern in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Amira gehört der schwarzafrikanischen Volksgruppe der Fur an, die seit 2003 im Visier der Zentralregierung in Khartum steht. Das dortige Regime schickte arabische Milizen in die Provinz und entfachte damit einen der blutigsten Bürgerkriege des gesamten Kontinents. Auch Amiras Dorf nahe der Stadt Kapkabala im Norden Darfurs wurde von Milizen überfallen, wie sie bei einem Treffen erzählt. Zwölf Menschen wurden bei dem Überfall getötet, darunter einer ihrer Brüder und eine Tante, die vor ihren Augen erschossen wurden. Amira selbst konnte fliehen, in ein Flüchtlingslager im Sudan. Das war vor elf Jahren.

"Epochale Herausforderung"

Die Bundesregierung rechnet inzwischen mit deutlich mehr Asylbewerbern in diesem Jahr. Entwicklungsminister Müller (CSU) sprach am Dienstag von bis zu 400.000 Flüchtlingen. Müller sprach von einer "epochalen Herausforderung", die alle politischen Ebenen noch auf Jahrzehnte beschäftigen werde. Am Freitag kommen mehrere Ministerpräsidenten auf Einladung von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) ins Kanzleramt, um über die Flüchtlingspolitik zu sprechen.

In dem Lager heiratete sie und bekam vier Kinder. Dann kamen Regierungstruppen und wollten das Camp räumen. Doch ihr Mann weigerte sich. "Wohin sollten wir denn auch gehen?", fragt Amira heute. "Wir mussten unsere Heimat doch schon verlassen!" In der Nacht kamen die Soldaten zurück und nahmen sie mit. Auf einer Polizeiwache wurde Amira gefoltert. Sie drückten Zigaretten auf ihrer Haut aus und schlugen ihr immer wieder auf den Kopf. Dann durfte sie gehen. Von ihrem Mann hat sie nie wieder gehört, offiziell gilt er als vermisst.

Aus dem Sudan floh Amira ins Nachbarland Ägypten, nach Kairo. Auch dort war sie nicht willkommen. Nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi im Juli 2013 erlebte das Land eine Welle rassistisch motivierter Gewalt, die sich vor allem gegen Syrer und Schwarzafrikaner richtete. In den Medien wurde Flüchtlingen pauschal vorgeworfen, Mursis entmachtete Muslimbruderschaft zu unterstützen. Syrische Geschäfte gingen in Flammen auf, Schwarze wurden auf offener Straße zusammengeschlagen. Viele Flüchtlinge trauten sich monatelang nicht auf die Straße.

"Hier gibt es keine Hoffnung mehr für mich"

In Kairo bekam Amira Hilfe vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das ihr eine Wohnung im Stadtteil Ain Schams finanzierte. Doch als das heillos unterbesetzte und unterfinanzierte Büro der Organisation ihre Miete nicht fristgerecht auszahlen konnte, schickte ihre Vermieterin Schläger. Vor den Augen ihrer Kinder wurde Amira vergewaltigt, immer wieder. Dann warfen die Schläger sie aus ihrer Wohnung, erzählt sie unter Tränen. "Als mein Bruder davon erfuhr, kam er nach Kairo, um mit meinen Kindern und mir nach Europa zu fliehen."

Fünf Monate später stachen sie tatsächlich in See. Doch das Unterfangen schlug fehl: Die ägyptische Küstenwache griff das Boot und seine 280 Passagiere im vergangenen September auf und schleppte es zurück. Amira wurde verhaftet und verbrachte 22 Tage in der Polizeiwache Anfushi in der Küstenstadt Alexandria. Danach wurde sie nach Kairo gebracht, um von dort in den Sudan abgeschoben zu werden. Erst in Kairo nahmen Beamte Notiz von ihrer "Yellow Card". Das Dokument bestätigt, dass sie beim UNHCR in Ägypten registriert ist und auf die Bearbeitung ihres Falles wartet - für Flüchtlinge wie Amira ist das Papier überlebenswichtig. Ohne "Yellow Card" wäre sie zurück in den Sudan geschickt worden, zurück in ein vom Krieg zerfressenes Land, in dem ihre Volksgruppe bis heute verfolgt wird. Ägyptens Behörden scheren sich wenig um derlei Fluchtgründe. Amiras Bruder, der sich nach seiner Ankunft in Ägypten nicht hatte registrieren lassen, wurde sofort abgeschoben. "Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört", sagt Amira und blickt zu Boden.

Ihr Schicksal ist alles andere als ein Einzelfall. Für Flüchtlinge aus Ostafrika ist Ägypten eines der wichtigsten Transitländer auf dem Weg nach Europa. Menschen aus Äthiopien, Eritrea, Somalia, Südsudan oder Sudan nehmen meist die Route durch Ägypten. Rund fünf Millionen Flüchtlinge hielten sich im Land auf, sagte Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi im vergangenen Jahr. Allein zwei Millionen davon stammen aus dem Sudan.

Einige begeben sich, wie Amira, von Ägypten aus auf den gefährlichen Weg durch das Mittelmeer: Erst am Samstag griff Ägyptens Küstenwache 31 Überlebende eines gekenterten Bootes vor der Mittelmeerstadt Alexandria auf. Drei Menschen starben. Andere versuchen es von Libyen aus. Nach Ausbruch des libyschen Bürgerkrieges hatte sich die Route zunächst nach Osten verlagert. Doch der Weg über die Sinai-Halbinsel in Richtung Israel ist seit der Fertigstellung der 240 Kilometer langen Grenzmauer an der israelisch-ägyptischen Grenze verschlossen. Daher riskieren heute wieder viele den gefährlichen Weg durch Libyen. Der Seeweg nach Europa von dort ist kürzer und die Schmugglernetzwerke nach wie vor intakt.

Auch Amira will die Überfahrt nach Europa erneut wagen. "Ich kann nicht in Ägypten bleiben. Hier gibt es keine Hoffnung mehr für mich."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen