Politik

Erklärung von Kanzlerin Merkel "Eine einfache Antwort habe auch ich nicht"

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Angela Merkel im Kanzleramt.

(Foto: dpa)

Dieser Anschlag wäre "für uns alle besonders schwer zu ertragen, wenn sich bestätigen würde, dass ein Mensch diese Tat begangen hat, der in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hier ihre Erklärung im Wortlaut.

Bundeskanzlerin Merkel trägt schwarz, als sie um elf Uhr im Kanzleramt vor die Journalisten tritt. Fünfzehn Stunden zuvor war ein Lastwagen über den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin gerast. Mittlerweile ist bekannt, dass es sich bei dem Täter offenbar um einen Pakistaner handelt, der vor einem Jahr nach Deutschland kam und hier Asyl beantragt hat.

Viel mehr weiß man noch nicht. Hat der Mann sich in Deutschland radikalisiert? Kam er mit dem Auftrag, einen Anschlag zu verüben, hierher? Am Nachmittag wollen sich Generalbundesanwalt Peter Frank und BKA-Chef Holger Münch auf einer Pressekonferenz in Berlin zu dem Fall äußern.

Was man weiß: Zwölf Menschen sind tot, Dutzende sind verletzt, teilweise schwer.

"Dies ist ein sehr schwerer Tag", beginnt Merkel ihr Statement. Wir dokumentieren ihre Erklärung im Wortlaut:

"Ich bin, wie Millionen von Menschen in Deutschland, entsetzt, erschüttert und tieftraurig über das, was gestern Abend am Berliner Breitscheidplatz geschehen ist. Zwölf Menschen, die gestern noch unter uns waren, die sich auf Weihnachten freuten, Pläne für die Feiertage hatten – sie sind nicht mehr unter uns. Eine grausame und letztlich unbegreifliche Tat hat ihnen das Leben geraubt. Mehr als 40 weitere Menschen sind verletzt, kämpfen um ihr Leben oder um ihre Gesundheit.

Ich denke in diesen Stunden zuallererst an diese Menschen, an die Toten und die Verletzten, und an ihre Familien, Angehörigen und Freunde. Ich möchte, dass Sie wissen, wir alle, ein ganzes Land, ist mit Ihnen in tiefer Trauer vereint. Wir alle hoffen, und viele von uns beten für Sie, dass Sie Trost und Halt finden mögen, dass Sie wieder gesund werden, dass Sie weiterleben können nach diesem schrecklichen Schlag.

Ich denke an die Rettungskräfte, die Polizisten, die Feuerwehrleute, Ärzte und Sanitäter, die gestern Abend im Schatten der Gedächtniskirche Dienst an ihren Mitmenschen getan haben, und ich danke ihnen von Herzen für ihren schweren Einsatz. Und ich denke an die Ermittler. Ich habe großes Vertrauen zu den Männern und Frauen, die seit gestern Abend daran arbeiten, diese unselige Tat aufzuklären – sie wird aufgeklärt werden, in jedem Detail, und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen.

Noch wissen wir vieles über diese Tat nicht mit der nötigen Gewissheit. Aber wir müssen nach jetzigem Stand von einem terroristischen Anschlag ausgehen. Ich weiß, dass es für uns alle besonders schwer zu ertragen wäre, wenn sich bestätigen würde, dass ein Mensch diese Tat begangen hat, der in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat. Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen.

Ich stehe in ständigem Kontakt mit dem Bundespräsidenten, mit Bundesinnenminister de Maizière und mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. In einer halben Stunde wird das Sicherheitskabinett zusammentreten. Ich habe die zuständigen Minister und die Chefs der Sicherheitsbehörden eingeladen, um über den Stand der Erkenntnisse zu beraten und über mögliche Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Und natürlich werden wir jederzeit, wenn notwendig, erneut zusammenkommen. Zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister und dem Bundesinnenminister werde ich am Nachmittag zum Breitscheidplatz gehen, um dort, wie so viele andere Berliner, unsere Anteilnahme auszudrücken.

Millionen von Menschen, auch ich, fragen sich heute Morgen: Wie können wir damit leben, dass beim unbeschwerten Bummeln über einen Weihnachtsmarkt, also an einem Ort, an dem wir das Leben feiern, ein Mörder so vielen den Tod bringt? Eine einfache Antwort darauf habe auch ich nicht. Ich weiß nur: Wir können nicht und wir wollen nicht damit leben, auf all das zu verzichten – auf die Weihnachtsmärkte, die schönen Stunden mit Familie und Freunden draußen auf unseren Plätzen. Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt. Auch wenn es in diesen Stunden schwer fällt: Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen – frei, miteinander und offen."

Quelle: ntv.de, hvo