Politik

Studie zeigt, wo die Not am größten ist Große Sorge um Deutschlands Westen

3g5s4951.jpg6717354444248665289.jpg

Im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt (Oder). In Brandenburg ist fast jedes vierte Kind von Armut bedroht.

(Foto: dpa)

"Der Westen ist der neue Osten Deutschlands", heißt es resignierend in vielen alten Kohlestädten im Ruhrgebiet. Die Zukunftsrisiken dort sind enorm. Vor allem trifft es Kinder und Jugendliche. Eine neue Studie zeigt, dass der Osten nicht mehr allein das Schlusslicht ist.

Armut in Deutschland ist relativ. Das hatte Ursula von der Leyen noch als Bundesarbeitsministerin gesagt. "In einem so reichen Land wie Deutschland ist Armut relativ", sagte die CDU-Politikerin und reagierte damit auf die Armutsgefährdungsquote, die 2011 in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht hatte. Und sie legte nach: "Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden." Schließlich habe Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Zudem sei die Kinderarmut zurückgegangen.

Die vielen Betroffenen allerdings dürften das ganz anders als die Ministerin sehen. Denn hierzulande ist immerhin fast jedes fünfte Kind von Armut bedroht. Das belegt eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Zwar ist demnach die Armut von Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland mit 26,3 Prozent noch deutlich höher als im Westen, wo 17,4 Prozent der Kinder unter der Einkommensschwelle leben. Doch das Risiko zu verarmen, ist im Westen deutlich höher.

duisburg.jpg

Duisburg gilt als Ballungsraum der Krise.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass ganze Teile Westdeutschlands - vor allem das Ruhrgebiet - immer weiter zurückfallen, ging unlängst auch aus dem "Zukunftsatlas 2013" hervor, den das Forschungsinstitut Prognos erstellt hat. Viele alte Kohlestädte wie Oberhausen, Gelsenkirchen, Herne, Recklinghausen oder Bottrop gehören mittlerweile zu den Regionen mit den größten Zukunftsrisiken. Zahlreiche Städte bezeichnen sich selbst als "der neue Osten". Weil Immobilienpreise sinken, wird erwartet, dass eher sozial schwache Familien dorthin ziehen und von staatlicher Unterstützung leben. Eine Abwärtsspirale sei dann nicht mehr aufzuhalten.

Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mit Negativrekord

So wird das Armutsrisiko von Kindern in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens als "überaus hoch" bezeichnet. Noch höher liegt es nur noch in Bremen mit 33,7 Prozent gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit nur 0,2 Prozentpunkten Abstand. Die niedrigste Armutsquote ermittelten die Forscher mit 9,9 Prozent in der Oberpfalz. Auch andere Regionen Bayerns und Baden-Württembergs sind vergleichsweise wenig betroffen.

In absoluten Zahlen leben die meisten einkommensarmen Kinder in den Regionen Düsseldorf (186.000), Köln (145.000), Arnsberg (143.000) und Berlin (136.000). Damit kommt ein knappes Viertel aller unter der Armutsgrenze lebenden Kinder aus einer dieser Regionen.

Die Autoren sehen auch belegt, dass Kinder in einkommensarmen Familien mit beträchtlichen Einschränkungen leben müssen. So könnten in Ost und West 70 Prozent der Betroffenen keinen Urlaub machen. Ein gutes Viertel im Westen und ein Drittel im Osten habe in der Wohnung nicht ausreichend Zimmer. Jedes elfte arme Kind im Westen und jedes Siebte im Osten lebe in einer Wohnung mit feuchten Wänden. Es mangele auch an ausreichender Winterkleidung. Knapp 10 Prozent in den alten Bundesländern und 12 Prozent in den neuen Bundesländern seien davon betroffen.

Verteilung überdenken

Angesichts dieser Entwicklung fordert Prognos-Regionalexperte Peter Kaiser ein Umdenken der Politik. Eine Förderung nach Himmelsrichtungen - wo der Osten viel und der Westen wenig bis nichts bekomme - dürfe es nicht mehr geben. Gebiete mit Strukturproblemen und vergleichsweise hohen Zukunftsrisiken seien längst nicht mehr allein auf den Osten Deutschlands beschränkt.

Insgesamt habe sich die ökonomische Perspektive in Deutschland verbessert, heißt es in der Untersuchung. Doch die Schere zwischen armen und reichen Regionen bleibe weit geöffnet.

Als armutsgefährdet gilt nach wissenschaftlicher Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung hat. Für ein Elternpaar mit einem Kind unter 14 Jahren liegt die Armutsschwelle derzeit bei 1564 Euro im Monat. Für ihre Studie werteten die Autoren den Mikrozensus aus dem Jahr 2012 sowie Befragungen für das Panel Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung (PASS) aus dem Jahr 2011 aus.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen