Politik

Die privaten Briefe des Massenmörders Himmler und die "goldigste, kleine Frau"

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Familienidylle im Valepp 1935: Das Ehepaar Heinrich und Marga Himmler mit Tochter Gudrun (Mitte), Pflegesohn Gerhard und Gudruns Freundin.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Briefe sind kaum zu ertragen: Da erklärt "Heini", wie sehr er sein Liebchen verehrt. Und diese sieht in ihm ihres Lebens "Freude und Glück". Wenig später kümmert sich "Heini" um die Vernichtung von Millionen europäischer Juden und geht als einer der größten Massenmörder in die Geschichte ein.

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Himmler auf Flottenfahrt in Kiel im Jahr 1936.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es sind die ewigen Versprechen der Liebenden, die aus den Briefen der geschiedenen Krankenschwester Marga Siegroth klingen: "Mein gutes liebes Liebchen, Du weißt wie zärtlich ich Dich liebe, daß Du meines Lebens Freude u. Glück bist." Und wenig später heißt es in einem anderen Brief: "Deine große reine Liebe habe ich wohl im Anfang nicht ganz für möglich gehalten, aber jetzt weiß ich doch ganz gewiß, wie groß Deine Liebe ist u. wie wahr, u. das es immer so sein wird …. Ich kann nur immer wieder sagen, ich bin froh, glücklich u. zufrieden, u. zum ersten Mal in meinem Leben. Denn ich habe eine Heimat gefunden, bei meinem liebend, geliebten rauhen Landsknecht."

Bei dem geliebten Landsknecht handelt es sich um niemand anderen als Heinrich Himmler, studierter Landwirt und im Jahr 1928 bereits NSDAP-Funktionär, der für Hitler und die Partei unermüdlich im Dienst ist. Der damals 28-Jährige erwidert die Gefühle der "allerliebsten, goldigen, kleinen Frau" und deutet in seinen Briefen ihr "Paradies" an und die gemeinsamen Spielchen der beiden: "Lieber Schlingel, so ein wenig raufen, fangen, zupfen (u. ich verrate dir noch etwas Feines, turnen, Gymnastik), da macht der böse Mann gerne mit, weißt du, da kann der Landsknecht auf einmal ein ganz fröhlicher, böser Junge sein "

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Hermann Göring und Himmler im Jahr 1932 auf dem Weg zum Reichstag.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Briefe des SS-Führers Himmler an Marga waren unmittelbar nach Kriegsende von zwei US-Soldaten gefunden worden und sind nun, nach verschlungenen Wegen, erstmals veröffentlicht worden. In ihrem Buch "Himmler privat. Briefe eines Massenmörders" sind Hunderte Briefe des Paares von der ersten zufälligen Begegnung während einer Zugfahrt im Jahr 1927 bis zum letzten Brief Himmlers im Frühling 1945 abgedruckt. Neben ausführlichen Kommentaren und einer historischen Einordnung haben die Herausgeber Katrin Himmler und Michael Wildt auch Tagebuchausschnitte von Marga Himmler und Tochter Gudrun sowie Auszüge aus Himmlers Taschenkalendar veröffentlicht. In seiner Fülle bildet das Material eine erstaunliche Quellensammlung privater Notizen und Schreiben, die es so von keinem anderen hochgestellten NS-Führer gibt.

Doch was besagen die Briefe des Mannes, der als sogenannter Reichsführer SS verantwortlich ist für die Verfolgung und den millionenfachen Massenmord an Europas Juden? In den ersten Jahren dokumentieren sie vor allem die Verliebtheit eines Paares, das sich selbst genug ist. Auch wenn Marga sieben Jahre älter als Heinrich Himmler war und bereits als geschiedene Frau in der damaligen Zeit sicher nicht dem perfekten Frauenbild entsprach, entflammte sich doch Himmler für sie. Nicht nur entsprach sie mit ihren blauen Augen und  blonden Haaren dem nationalsozialistischen Ideal, vielmehr teilte sie auch die Weltanschauung Himmlers.

Einig im Antisemitismus

Besonders in der Ablehnung vieler Dinge scheinen sie sich einig gewesen zu sein: In ihrer Verachtung des "Systems Berlin", der Menschen generell und der Juden im Besonderen. Schon früh kritisiert Marga ihren Chef mit den Worten "Jud bleibt Jud."

Doch bei aller weltanschaulichen Nähe sieht Marga zumindest am Anfang ihrer Beziehung die Arbeit ihres Geliebten durchaus als Konkurrenz: Schon im Januar 1928, wenige Monate nach ihrem ersten Treffen, beklagt sie sich. "Ich komme jetzt immer zu kurz. Du siehst man kann nicht zweien Herren dienen." Und auch Himmlers enge Beziehung zu Adolf Hitler ist ihr ein Dorn im Auge: "Wenn Du bloß nicht mehr mit dem Chef mit brauchtest. Er kostet so viel Zeit."

Himmler geht nur wenig auf diese Vorwürfe ein und betont, dass er nicht Beamter sein könnte. "Aber lieber mache ich doch Revolution u. helfe beim Freiheitskampf, das ist unsere Luft, liebe, du meine liebe Landsknechtsfrau."

Obwohl Himmler nie im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, stilisiert er sich doch gerne zum Kämpfer, zum Landknecht, und gibt sich in seinen Briefen als beschäftigter Mann, der rastlos im Dienste der "völkischen Bewegung" unterwegs ist. Auch Marga betont in all den Jahren, wie hart sie arbeitet, wenn sie sich etwa nach ihrer Eheschließung im Juli 1928 vorwiegend allein um den Selbstversorgerbetrieb und wenig später um die Tochter Gudrun sowie den immer ungeliebteren Pflegesohn Gerhard kümmert. Dabei zeigt sich in den Briefen der folgenden Jahre, wie der Alltag von dem Paar Besitz ergreift. Die Liebesbekundungen werden matter, nun geht es mehr um Handwerkerkosten und Bekannte, um das Leben der Kinder. Doch immer noch unterschreibt Heinrich: "Ich habe dich lieb u. küsse dich ohne Ende dein Mann".

"Um einen so viel Lug und Trug"

Spätestens ab 1938 ist es damit vorbei. Himmler fängt eine Liebesbeziehung mit seiner Privatsekretärin Hedwig Potthast an, mit der er auch zwei Kinder bekommt. Durch seinen "Kinderzeugungsbefehl", in dem er 1939 seine SS-Männer zur Zeugung unehelicher Kinder und zum Eingehen einer Zweitehe auffordert, weiß er sogar die nationalsozialistische Moral auf seiner Seite.

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Hitler schüttelt Himmler im Mai 1944 die Hand.

(Foto: AP)

Seine Erstfrau Marga scheint davon allerdings nicht begeistert zu sein, obgleich das ihren Briefen, die mittlerweile an den "lieben Pappi" gehen, kaum anzumerken ist. Wenn, dann beschwert sie sich in ihrem Tagebuch - und auch das nur in dürren Worten. So schreibt sie im Juli 1942, wenige Monate nach der Geburt des Kindes von Himmler und Hedwig Potthast: "Um einen so viel Lug und Trug, ich kann es nicht mehr ertragen". Ein Jahr später notiert sie kryptisch: "Was sonst noch alles passiert, außerhalb des Krieges, kann ich nicht niederschreiben. Ob man wohl auch noch an einen Menschen glauben kann. Manchmal denkt man, man kann es nicht tragen, aber ich habe doch mein Kind. Was verachte ich die Menschen."

Himmler seinerseits hält das Bild des treusorgenden Ehemanns aufrecht und kümmert sich weiter um Marga und seine Tochter. Regelmäßig schreibt er seiner "guten lieben Mami", wenn auch viele Briefe nur noch flüchtig hingekritzelte Mitteilungen sind, und leitet ihr "anständige Briefe" von SS-Witwen weiter. Gleichzeitig lässt er ihr Trauben, Schokolade und exotische Geschenke zukommen, aber auch seine alte Zahnbürste schickt er von der Front nach Hause: "Vielleicht könnt ihr sie zum Schuhschmieren oder so ähnlich brauchen."

"In den nächsten Tagen in Lublin, Zamosch, Auschwitz, Lemberg"

Dass Himmler dabei eine der treibenden Kräfte bei der Vernichtung der Juden ist, lässt sich aus den Briefen nicht erkennen. Wie seine Arbeit genau aussieht, erwähnt er mit keinem Wort. Im Juli 1942, als die Vernichtung der osteuropäischen Juden in vollem Gange und der Himmel über dem Vernichtungslager Auschwitz schwarz vom Rauch der Krematorien ist, schreibt er nur lapidar: "Ich werde in den nächsten Tagen in Lublin, Zamosch, Auschwitz, Lemberg sein". In Auschwitz sieht er dann, wie es Lagerkommandant Rudolf Höß schreibt, "den gesamten Vorgang der Vernichtung" mit an, von der Ankunft über die Selektion bis hin zur Vergasung - was allerdings in den nachfolgenden Briefen keinen Niederschlag findet. Da geht es wieder um die unverfänglichen Themen eines Ehepaars: das Zeugnis der Tochter, Buchempfehlungen und gute Wünsche an Freunde.

So banal gerade die späteren Briefe erscheinen mögen, so zeigen sie doch, was bisweilen schwer zu ertragen ist: Auch ein Massenmörder wie Himmler war noch immer ein Mensch. Ein Mensch, der sich verliebte, um seine Familie sorgte, Pläne für Haus und Garten schmiedete. Ein in vieler Hinsicht erschreckend gewöhnlicher Mensch.

Gerade diese Normalität macht die Antwort nicht leichter auf die Frage: Wie konnte jemand, der sich um Frau und Tochter sorgte, gleichzeitig Millionen jüdischer Frauen und Kinder umbringen? Offenbar feit jene Normalität, wie immer man diese definieren will, nicht vor Abgründen. Auch in den privaten Zeugnissen Himmlers lässt sich eine Antwort nicht finden - selbst wenn man wie die Herausgeber glaubt, dass schon der Briefwechsel  der beiden einen Mangel an Empathie und wahrem Interesse aneinander zeige. Vielmehr, so scheint es, muss man weiter mit der Erkenntnis leben: Es gibt keine überzeugende Erklärung für das Ungeheuerliche.

Zumindest zeigt das Buch "Himmler privat" jene rätselhafte Zwiespältigkeit, die besonders bei Menschen wie Himmler verwundert: Dass einerseits jemand von Kultur und Anstand redet und andererseits kaum vorstellbarer Taten fähig ist. Vielleicht lässt sich dies tatsächlich nur dadurch erklären, dass Himmler - im Gegensatz zu vielen Rädchen in der NS-Tötungsmaschinerie, die Befehlen folgten - aus der festen Überzeugung heraus handelt, das Richtige zu tun. Das Ziel rechtfertigt für ihn jedes Mittel, für Empathie, ist kein Platz in dem Schwarz-Weiß seiner Ideologie. Auch wenn es schwer falle, so sein Tenor, müsse die SS ihre Aufgabe erfüllen. So lässt sich auch seine berüchtigte Posener Rede von 1943 erklären, in der er von der schweren Aufgabe der Judenvernichtung spricht, bei der die SS aber überwiegend "anständig" geblieben sei. Die Arbeit der SS sei ein "niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte".

"Eine unerhörte Aufgabe dort Ordnung zu schaffen"

Letztlich, so scheint es, bleibt die Massenvernichtung der Juden für ihn eine Aufgabe, die erledigt werden muss - und über die er nicht viele Worte verliert. Dennoch ist anzunehmen, dass Marga über die Arbeit ihres Mannes Bescheid weiß und sie gewiss billigt: So besucht sie mit ihrer Familie und Freundinnen das Konzentrationslager Dachau, um sich den von den Häftlingen angelegten Kräutergarten anzugucken, und beschäftigt selbst Häftlinge beim Ausbau ihrer Villen. Und im März 1940 schreibt sie nach einer Reise durch das besetzte Polen: "Dieses Judenpack, die Pollacken, die meisten sehen gar nicht wie Menschen aus, u. der unbeschreibliche Dreck. Es ist eine unerhörte Aufgabe dort Ordnung zu schaffen."

Dass sich ihr Mann dieser Aufgabe "des Ordnungsschaffens" stellt und in den nächsten Jahren immer mehr Macht bekommt, erfüllt Marga - bei allen Schwierigkeiten ihrer letzten Jahre - offenbar doch mit Stolz. Letztlich besteht zwischen dem Ehepaar bis zum Schluss ein enges Verhältnis, was auch eine Art Abschiedsbrief vom 17. April 1945 von Himmler an Marga und Gudrun zeigt: "Die Zeiten sind für uns alle ungeheuer schwer u. doch – es wird, das ist mein fester Glaube, sich alles doch noch zum Guten wenden. … Ich schicke Euch, dir meine geliebte Mami, u. dir, mein Püppi mein liebes, viel viel liebe Bussi u. Grüße. Heil Hitler! In Liebe Euer Pappi."

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Quelle: n-tv.de

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