Politik

Authentische Kriegserinnerungen "Hitler mit dem Kochlöffel totschlagen?"

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Deutschland dürfe "sich nicht beschweren, wenn es zum Opfer von Vergeltungsmaßnahmen wird", sagt der Herausgeber über die Tagebuch-Schreiberin Anna Haag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein englischer Historiker hat Auszüge aus den Kriegstagebüchern der deutschen Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Anna Haag veröffentlicht. Endlich! Sie gewähren einen Einblick in Alltag und Denken einer entschiedenen Hitler-Gegnerin.

Wie konnte sich ein ganzes Volk von einem Massenmörder verführen lassen? Seit mehr als sieben Jahrzehnten beschäftigen sich Deutsche mit dieser Frage. Anna Haag stellte sie schon während des Zweiten Weltkriegs. Die Sozialdemokratin grübelte immer und immer wieder, warum Mitglieder "kultivierter, christlicher" Familien "an einen Führer glauben, der befiehlt, Juden, Polen, Russen abzuschlachten". Die Antworten, die sie fand, waren vernichtende Urteile über ihre Landsleute. Im Sommer 1941 schrieb sie: "Eine Anzahl armseliger, kriechender, furchterfüllter, sich unter der Peitsche seines bestialischen 'Führers' drückender, vor jedem eigenen Gedanken sündhaft erschreckender Sklaven sind wir!"

Überliefert ist dieser Befund in den Tagebüchern Haags (1888 – 1982), die endlich in Auszügen als Buch erschienen sind. Zu verdanken ist dies dem britischen Kulturhistoriker Edward Timms. Die Autorin selbst hatte sich unmittelbar nach dem Krieg um eine Veröffentlichung einer überarbeiteten Version ihrer Notizen bemüht. "Da sich für die schonungslose Chronik Deutschlands finsterster Jahre kein Verlag finden ließ, staubte das Typoskript beinahe 70 Jahre vor sich hin", erklärt Timms im Nachwort seines Werkes.

Der Ende 2018 verstorbene Forscher befasste sich intensiv mit Tagebüchern insbesondere aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Er wies ihnen hohen wissenschaftlichen Wert zu, weil solche persönlichen Aufzeichnungen in der Regel frei von späteren Verzerrungen der Erinnerung oder Verniedlichungen tragischer Erlebnisse sind. Tatsächlich vermitteln auch Haags Notizen einen authentischen Einblick in ihr Denken und Erleben, Bangen und Hoffen.

"Kopf auf dem Schafott"

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Die Württembergerin, die vor dem Krieg als Schriftstellerin und Journalistin arbeitete, fand früh zum Pazifismus. Von 1925 an engagierte sie sich in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, die nach dem Friedensvertrag von Versailles vor neuem Säbelrasseln warnte: "Frauen, wir können uns gegen den Wahnsinn stemmen, wenn wir nur wollen." Von der Euphorie im deutschen Volk nach der Machtergreifung Hitlers ließen sich Haag und ihr Mann nicht anstecken. Das Paar ahnte, was auf die Welt zukommen würde, und war heilfroh, dass zwei seiner drei Kinder zu Kriegsbeginn im Ausland lebten.

Mit der Niederschrift ihrer Kriegstagebücher begann die Frauenrechtlerin 1940. Sie versteckte sie im Keller, wohlwissend, dass es ihr Tod wäre, gerieten sie in die falschen Hände. Ihr war klar, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht, dass sie als Folge ihrer stillen Opposition zu den Nazis, aber auch wegen offener Unterhaltungen mit engen Freunden den "Kopf auf dem Schafott hat" - stets daran denkend, "ob nicht das Fallbeil saust".

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Anna Haag sorgte maßgeblich dafür, dass der Satz "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden" ins Grundgesetz aufgenommen wurde.

(Foto: Nachlass Anna Haag)

Schwer zu schaffen machte Haag offenkundig die Hilflosigkeit, nichts gegen das Regime tun zu können. Oft nutzte sie Ironie und Sarkasmus, um sich Wut und Frust über das Morden von der Seele zu schreiben. Nach dem Bericht eines Arztes aus Frankfurt am Main über hungernde Russen in deutscher Haft, die "sich gegenseitig aufäßen", warb Haag für Mitleid. Der Bekannte lehnte ab: Schließlich habe Russland mit dem Schlachten begonnen. "Warum haben sie den Krieg angefangen!", schrieb Haag voller Verachtung für die NS-Propaganda. "Es war mir geschwind als - als hätte Deutschland angefangen." Sie habe ihre Lektion gelernt: "Polen hat angefangen, Russland hat angefangen! Das Gesindel bekommt seinen Lohn! Weg mit ihm! Lebensraum für uns!"

Haag bescheinigte sich Feigheit. Was könne sie denn groß tun? "In die Markthalle gehen und von der Brüstung herunter rufen: 'Judenmörder!' Ach, ich bin zu feige dazu. Zu feige, um sinnlos zu sterben." Die Frauenrechtlerin hörte möglichst oft BBC. Den Schriftsteller Thomas Mann, der über das englische Radio gegen das Nazi-Regime anredete, rechnete sie zu den "paar beneidenswert glücklichen" Deutschen, die rechtzeitig das Weite gesucht hätten. Im Tagebuch stellte Haag die Frage, ob er sich auf einem Marktplatz stellen und rufen würde: "Nieder mit Hitler und den anderen apokalyptischen Lausbuben!" Das wäre sein sicherer Tod, konstatierte sie.

Immer wieder befasste sich Haag mit der Möglichkeit - oder besser: Unmöglichkeit -, Hitler zu töten. Auf Armeeangehörige wollte sie, die Pazifistin, nicht setzen, das wäre eine "faule Sache". Das deutsche Volk beschrieb sie im Mai 1942 unter anderem als "gründlich entwaffnet und so entrechtet, geknechtet, geknebelt, bespitzelt, innerlich zerrissen, misstrauisch, machtlos, heimatlos", was jeden ernsthaften Widerstand unmöglich mache: "Womit? Mit dem Schürhaken, dem Teppichklopfer? Dem Spazierstock?" Die Machtlosigkeit von Frauen formulierte sie ebenfalls als Frage: "Kann man Hitler mit dem Kochlöffel totschlagen?"

"Die Stimmung ist unter null gesunken"

Die Schlacht um Stalingrad ist von Historikern in allen Facetten untersucht worden, auch die verheerende psychologische Wirkung der deutschen Niederlage. Haag schilderte ihren Eindruck: "Die Stimmung des 'heldischen' deutschen Herrenvolkes ist tief unter null gesunken! Man glaubt nicht mehr an Sieg und Fanfaren, man hat Angst, Angst, Angst", notierte sie. Während die Tagebuchautorin dem Eintreffen der Alliierten entgegenfieberte, setzte ein Nachbar auf den "Endsieg" dank Hitlers angeblicher Superwaffe: "England muss kapitulieren oder es wird völlig ausgelöscht werden."

Haag, die mit ihrem Mann selbst ausgebombt wurde, spricht "angesichts vieler Wunden" in ihrer Heimat von "armen Menschen" und einer "Leidenszeit". Jedoch verortet sie, wie Timms feststellte, "ihr persönliches Martyrium auf einer Achse von Schuld und Vergeltung". Viele deutsche Bombenopfer betrauerten das eigene Schicksal. Haag wiederum äußerte auch Mitleid mit den Opfern von Hitlers Angriffskrieg in ganz Europa. Deutschland dürfe "sich nicht beschweren, wenn es zum Opfer von Vergeltungsmaßnahmen wird", fasste Timms ihre Haltung zusammen. Früh durchschaute Haag das Messen mit zweierlei Maß: "Es ist immer dasselbe Lied: ein Recht für das deutsche Herrenvolk, ein anderes für die Übrigen."

20 unveröffentlichte Tagebücher

Timms Werk hat allerdings ein Manko, das häufiger in Büchern von Historikern zu beklagen ist: Es will ein möglichst breites Publikum ansprechen, verliert sich aber in Details. Auch wenn etwa die kurze Nacherzählung der von Haag geschriebenen Romane ihre Entwicklung als freigeistige Feministin und Sozialdemokratin aufzeigen mögen, so bringen sie dem allgemein Interessierten wenig Kenntnisgewinn. Zugleich aber verzichtet der Brite darauf zu erklären, von was Haag während des Krieges lebte und wie sie es schaffte, nicht aufzufallen und keinen Ärger zu bekommen. Spannend wäre auch zu erfahren, was in dem nicht veröffentlichten Teil der Tagebücher - immerhin 20 Stück an der Zahl - steht.

So interessant und kenntnisreich die Erläuterungen des Briten auch sind - das Buch wird insbesondere dann mitreißend und spannend, wenn die Beobachtungen und Erkenntnisse der Tagebuchautorin ohne unterbrechende Erläuterungen zitiert werden. Sie sind Beleg für die Klugheit und Weitsicht einer Frau, die beinahe in Vergessenheit geraten ist. Dabei war sie es, die maßgeblich dafür sorgte, dass der Satz "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden" ins Grundgesetz aufgenommen worden ist: eines demokratischen Deutschlands, von dem Haag den gesamten Krieg lang träumte.

Quelle: n-tv.de