Politik

Endlich im Wahlkampf für Laschet Ist Merkel Segen oder Fluch?

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Gemeinsamer Auftritt im Nordosten: Armin Laschet und Angela Merkel.

(Foto: REUTERS)

Merkel vor Ort im Wahlkampf - darauf haben viele gewartet, inklusive des Kandidaten Laschet. Am Dienstagabend stehen beide zusammen auf der Bühne, aber ist das wirklich eine gute Idee?

Dass es einfach würde, mit Angela Merkel Wahlkampf zu machen, hat nie jemand gesagt. Vor einer guten Woche hat CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet die zwei Termine wie einen Trumpf aus der Tasche gezogen: einen im - demnächst ehemaligen - Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Stralsund und einen in Laschets Heimatstadt Aachen, zusätzlich zum schon länger geplanten Wahlkampfabschluss mit CSU-Chef Markus Söder auf dem Münchner Nockherberg.

Ein Trumpf sind Stralsund und Aachen für Laschet, weil es viele Parteimitglieder, Anhängerinnen und Unentschlossene schon so lange irritiert, dass die scheidende Regierungschefin bislang nicht bereit war, für denjenigen, der ihr nachfolgen soll, mitzukämpfen - sieht man mal von einem Auftritt unlängst im Bundestag ab.

Der Auftritt hat seinen Preis

Ihren betonfesten Platz 1 im Beliebtheitsranking wollte sie offenbar nicht in die Waagschale werfen, um dem Wahlkämpfer Laschet mehr Gewicht zu verleihen. Friedrich Merz, der in einem unionsgeführten Kabinett gern Wirtschaftsminister wäre, forderte die Kanzlerin gar öffentlich auf, sich zu beteiligen. Und nun tatsächlich: Am Dienstagabend fand der erste gemeinsame Auftritt von Laschet und Merkel in Stralsund statt. Doch der hatte seinen Preis.

Schon als Amtsinhaberin und Bewerber von der Bühne aus angekündigt werden, als die schwarzen Limousinen noch gar nicht in Sichtweite sind, wird klar, dass das Dutzend Leute, die sich hinter dem Transparent einer Corona-Leugner-Partei versammelt haben, sowie etwa 20 andere mit "Gesund"-Stickern und Pappschildern, nicht zum Zuhören gekommen sind.

"Merkel muss weg", skandieren sie, bevor die Kanzlerin überhaupt auf dem Stralsunder Marktplatz eingetroffen ist - fünf Tage vor der Wahl, die das Ende der Merkelschen Amtszeit einläutet, eine Forderung, die irgendwie überholt wirkt. Zugleich erinnert sie an den Bundestagswahlkampf 2017, als die Kanzlerin vielerorts von ähnlichen Menschen mit derselben Parole empfangen wurde - nur dass es damals um die Flüchtlingspolitik ging und die Kanzlerin um Stimmen für sich selbst kämpfte.

Merkel und Laschet bahnen sich ihren Weg quer über den Alten Markt Richtung Bühne, fast direkt an den Protestierenden vorbei, die ihre Trillerpfeifen vehement zum Einsatz bringen. Dabei wäre es kein Problem gewesen, den Auftrittsort geschützt von der Rückseite her anzufahren, die Bühne von hinten zu betreten. Merkel und Laschet haben anders entschieden: einmal zu Fuß quer durch die Menge. Die Pandemie-Leugner freuen sich, das Publikum auch, die Regie dreht die Musik auf, um die Buhrufe zu übertönen.

Segen, Fluch oder beides?

An die 1000 Menschen haben unter ihren Schirmen ausgeharrt, dem Regen getrotzt, der immer stärker wird. Eine Gruppe gut gelaunter 16-Jähriger will "einmal noch Merkel sehen", deren Kanzlerschaft begann, als sie geboren wurden. Ein Grauhaariger ist gespannt auf die Kanzlerin, hat allerdings bereits per Brief gewählt, nicht die CDU, wie er anfügt. Was sich im Gespräch mit Umstehenden andeutet, lässt sich auch am Applaus ablesen: Die Kanzlerin ist Publikumsmagnet, das kann Segen sein, Fluch oder beides.

In den zehn Minuten ihrer Rede setzt Merkel auf Themen, die in den Fernsehdebatten zur Wahl kaum zur Sprache kamen: Arbeitsplätze, Wirtschaftspolitik, "solide Finanzen". Gute Arbeit und gute Bezahlung gebe es auch in der Zukunft nur, "wenn wir zu den Besten auf der Welt gehören". Sie wisse, dass Armin Laschet "um jeden Arbeitsplatz in seinem Bundesland gekämpft" habe, genauso werde er es als Bundeskanzler tun.

Merkel ist spürbar im Wahlkampf-Modus. Sie kritisiert die geplanten Steuererhöhungen der Konkurrenz und warnt vor einem Linksbündnis, das "nur über das Verteilen nachdenkt, aber nicht über das Erwirtschaften". Sie bittet das Publikum, dass "Sie alles dazu beitragen, Deutschlands Wohlstand auch für die nächsten Jahre zu sichern" und die Sicherheit des Landes zu festigen. Armin Laschet sei derjenige, "der das kann".

Zugleich allerdings fühlt sich die Kanzlerin auch Georg Günther, dem jungen Direktkandidaten, ihrem Nachfolger im Wahlkreis verpflichtet. Und dann ist da noch der Spitzenkandidat für die Landtagswahl am Wochenende: Michael Sack. Beide stehen mit auf der Bühne. Bei so vielen, die vom Kanzlerinnen-Bonus profitieren wollen und sollen, sticht der Kanzlerkandidat kaum hervor. "Ermöglichen Sie es Georg Günther, in meine Fußstapfen zu treten", wirbt Merkel, als sei es in etwa ähnlich relevant, ob Günther das Direktmandat oder Laschet das Kanzleramt holt. Bezogen auf die Fußstapfen ergänzt die Kanzlerin, sie habe Größe 38.

Kein fulminanter Heimsieg

Es wird der einzige Moment bleiben, in dem der trockene Humor Merkels durchschimmert. Zwar gibt es hier und da auch die klassischen "Mutti"-Sprechchöre, aber ein fulminanter Heimsieg ist der Auftritt nicht. Dazu ist der Regen zu gnadenlos, die Stimmung zu angespannt.

Das kann man auch in Philipp Amthors Gesicht ablesen, der auf der Bühne schräg hinter ihr steht. Später im Gespräch wird der Bundestagsabgeordnete sagen, es sei trotz solcher Proteste richtig, "dass wir heute die öffentlichen Plätze nicht meiden, sondern mit klaren Aussagen in diesen Endspurt gehen".

Klare Aussagen will Armin Laschet in seiner Rede aber auch an die Corona-Leugnerinnen und Querdenker adressieren. Er ist nicht der Typ wie Merkel, will den Hass, der ihm da entgegenschlägt, nicht ignorieren. Laschet fordert, einander zuzuhören und "bei ganz vielen Themen die Aggression, auch im Netz" einzustellen.

Dann verweist der Kanzlerkandidat auf den jungen Mann aus Idar-Oberstein, der wegen seines Hinweises zum Maskentragen am Tag zuvor von einem mutmaßlich Verschwörungsgläubigen umgebracht wurde. "Diese Gewalt wollen wir in unserem Land nicht. Wir verurteilen diese Aggression und fordern jeden auf, das zu lassen", sagt Laschet und man ahnt: Auch wenn er vor Ort Applaus bekommt, wird im Internet nur die unbeholfene Formulierung bleiben.

Freundlicher Applaus, weniger Regen

Mit Blick auf den Klimawandel warnt er vor zu strengen Grenzwerten. "Wenn man jetzt die CO2-Werte zu streng macht, wandert die Industrie ab." Dann werde Stahl in Indien oder China unter anderen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert und schädige trotzdem das Weltklima. Er warnt vor der Linken, die Bundeswehr und Polizei schwächen wolle. Laschet fasst sich ähnlich kurz wie die Kanzlerin, das Publikum applaudiert freundlich, der Regen lässt nach.

Auch die Kandidaten Günther und Sack halten noch ihre Wahlkampfreden, was nicht dazu beiträgt, dass Laschet hier eine Sonderrolle einnehmen könnte. Als sich die CDU-Riege auf der Bühne verabschiedet, zerstreut sich das Publikum bald zum Aufwärmen. "Als ich neulich auf einer Kundgebung mit Friedrich Merz war, gab es nur einen Protestler und der war bald ruhig", erzählt ein Jung-Unionist, der noch 200 Kilometer Heimweg vor sich hat. Mit solcher Aggression hatte er hier nicht gerechnet.

Womöglich gibt es Angela Merkel als Wahlkämpferin nur ausgestattet mit einem zweischneidigen Schwert - ungemein populär in der Gesamtbevölkerung, gleichzeitig Projektionsfläche für die Unzufriedenen - dieser Tage diejenigen, die bei ihr die Schuld für Lockdowns, Masken, Abstand sehen.

Über die Medien wird sich ihr Plädoyer für Armin Laschet verbreiten, auch wenn es nur eines unter dreien war. Die 16-Jährigen hat Merkel glücklich gemacht, "ihre Strahlkraft" könne von den anderen niemand erreichen. Aber können sie von dieser profitieren? Zwar sind die Jugendlichen "nur wegen Merkel gekommen", aber dann schießen sie doch noch ein Selfie mit Philipp Amthor.

Quelle: ntv.de

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