Politik

Struck und sein Freund Kauder "Lass Angela Merkel in Ruhe"

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"Ein Glücksfall": Kauder mag Struck, Struck mag Kauder.

(Foto: dpa)

"Eckig, kantig, freimütig, klar": Ex-Verteidigungsminister Struck stellt in Berlin "So läuft das" vor. Noch ein Buch von noch einem Politiker, "der die Dinge beim Namen nennt". Doch Struck gibt einen unaufgeregten und teils offenen Einblick in sein Leben, Rot-Grün und die Große Koalition. Dabei bekommen auch Lafontaine und Clement ihr Fett weg.

An Thilo Sarrazin kommt er nicht vorbei. Wo immer in diesen Tagen vom "Klartext" eines Politikers die Rede ist, von "Ecken und Kanten", sitzt er quasi mit im Raum. So auch bei Peter Struck, dem ehemaligen Verteidigungsminister und Ex-SPD-Fraktionschef. Der stellt in Berlin sein Buch "So läuft das" vor, ein persönlicher politischer Rückblick. Keine Abrechnung, wie er betont, "ein ruhiges Buch". Das es trotzdem in sich hat, weil Struck in der für ihn typischen einfachen Sprache und mit großer Offenheit erzählt, wie Politik in der SPD, unter Rot-Grün und in Zeiten der Großen Koalition gelaufen ist.

Damit der Blick dafür frei wird, muss Sarrazin aus dem Weg geschafft werden. Struck kann das ohne Rücksicht auf Parteiempfindlichkeiten tun. Sarrazin habe das Buch angelegt, um zu provozieren. Ihm gehe es nur um die Verkaufszahlen. "Ich finde sowas nicht in Ordnung", brummelt Struck ins Mikrofon. Er werde nie gegen seine Partei öffentlich zu Felde ziehen. Dass Sarrazin es nur wegen seines persönlichen Vorteils tue, nimmt Struck ihm übel. Trotzdem findet er es nicht richtig, "mit großer Keule" auf den Provokateur zu antworten. Man hätte ihn lieber ignorieren sollen, als Einzelmeinung abstempeln.

Schöne Erinnerungen

Struck und sein Buch aber natürlich nicht. "Kauft das Ding", ruft er zu Beginn in die Journalistenrunde, die in der folgenden Stunde den stets knöternden Struck in bester Laune erlebt. Dafür verantwortlich ist neben dem sicherlich erholsamen Leben als Politik-Rentner Volker Kauder, der Strucks Buch vorstellt. Er ist seit den Tagen der Großen Koalition Fraktionschef der CDU und ein echter Freund vom "Sozi" Struck.

So gerät die Buchvorstellung streckenweise zu einer – fast schon sentimentalen – Struck-Kauder-Wohlfühl-Show und die vermeintlich guten alten Zeiten der Großen Koalition. "Vermisst du mich?", hat Kauder gefragt, als Struck ihn anrief und fragte, ob er sein Buch vorstellen würde. Gezögert hat der konservative CDU-Mann aber nicht, zumal er im Buch ganz gut wegkommt, wie er weiß. Kauder lobt das Buch als "selten authentisch" und erklärt, an einigen Stellen durchaus überrascht worden zu sein, wie er von Struck wahrgenommen wurde. Ansonsten "entspricht alles was er schreibt, im großen und ganzen meinen Wahrnehmungen", sagt Kauder. Bis auf Strucks ständige Attacken gegen die Kanzlerin. "Peter, ständig habe ich Dich ermahnen müssen: Lass Angela Merkel in Ruhe." Das entlockt Struck zwar ein bübisches Grinsen, streiten wollen sich die beiden heute aber ganz sicher nicht.

Kampf gegen die "Sozis"

Stattdessen können sie gar nicht oft genug betonen, wie besonders gut ihre Zusammenarbeit war und wie außergewöhnlich ihre Freundschaft ist. "Es war für mich ein Glücksfall, dass ich auf Peter Struck getroffen bin", erklärt etwa Kauder und erzählt von der anfänglichen Zwangsjacke Große Koalition, die doch keiner wollte. Er habe "die Sozis" doch immer bekämpft, "zu Lande, zu Wasser und in der Luft". Um dann aber festzustellen, dass es auch anständige Sozialdemokraten gebe. Kauder und Struck hauen eine Anekdote nach der anderen raus. Sie erzählen, wie sie vorsichtig den anderen getestet haben, ob er wirklich dicht hält und nichts von vertraulichen Gesprächen in der Presse oder den Parteien landet. "Es war eine Sondersituation im vertratschten Berlin", beschreibt Kauder ihr offenes Vertrauensverhältnis.

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Der 67-jährige Struck war zweimal Fraktionschef im Bundestag und Verteidigungsminister der rot-grünen Koalition von 2002 bis 2005.

(Foto: dpa)

Je mehr die beiden über ihre Beziehung schwärmen und erklären, wie wichtig ihr gutes Verhältnis für den Zusammenhalt der Koalition war, desto größer werden die Zweifel, dass Kauder eine ähnlich gute Beziehung zu seiner FDP-Kollegin Birgit Homburger hat. "Wir kommen ja aus der gleichen Gegend", wehrt Kauder solche Zweifel ab. Dass er dann noch auf die gute Zusammenarbeit der schwarz-gelben Koalition auf Arbeitsebene verweist, wirkt wie eine Ausflucht. Über Kauder wird in Berlin kolportiert, er fahre nur höchst ungern Aufzug mit Homburger.

Während Kauder als Mitglied der Regierungskoalition in der Pflicht steht und brav den Koalitionspartner verteidigt – etwa wenn Struck über die "Unfähigkeit der FDP" lästert – kann der Autor selbst befreit schreiben und sprechen. In seinem Buch geht es um die Machtkämpfe in der SPD, die rot-grünen Regierungsjahre und die Juniorrolle in der Großen Koalition. Außerdem um die "Liebe auf den zweiten Blick" zu Verteidigungsministerium und Bundeswehr sowie Afghanistan, das ihm "ans Herz gewachsen" sei. Und natürlich bekommen Merkel und die FDP ein paar Seitenhiebe ab. "Sie finden die FDP doch doof?", wird er gefragt. Struck zögert nicht: "Ja, das ist richtig." Als er dann noch weiter über "diese Amateure" von der FDP und Außenminister Guido Westerwelle herzieht ("kein Ruhmesblatt für unser Land"), fährt Kauder ihm wieder dazwischen. Von Joschka Fischer habe man anfangs auch nicht gedacht, dass er es kann. Struck grinst nur breit.

"Die Schnauze voll"

Ernsthaft ungehalten wird Struck, als die Rede auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Clement kommt. "Flucht vor der Verantwortung" hat er das Kapitel über Lafontaine genannt, in dem er dem ehemaligen SPD-Chef und Linkspartei-Begründer "unwürdiges" Diven-Verhalten vorwirft, weil er seinen Job als Finanzminister so einfach hingeschmissen hat. Auch für seinen früheren Kabinetts- und Parteikollegen Clement findet er keine guten Worte. Als dieser zur Hessenwahl offen dazu aufrief, nicht die SPD zu wählen, hatte er "die Schnauze voll". Struck hat den Parteiausschluss Clements aktiv vorangetrieben. "Lafontaine und Clement verdanken der SPD alles, was sie waren. Sie wären nichts ohne die Partei", macht er sich seinem Ärger Luft.

Struck als treuer Parteisoldat, dieses Bild ist ihm Recht. Deshalb tritt er auch gerne in die zweite Reihe zurück und überlässt anderen die Talkshows und öffentlichen Ratgeberplätze. Nur zu einer Herzensangelegenheit mag er dann doch nicht schweigen. Struck findet es falsch, die Wehrpflicht auszusetzen. "Die wird doch nie wieder eingeführt." Er lobt aber, wie sich Karl-Theodor zu Guttenberg um Soldaten und Afghanistan kümmere. Mehr will Struck nicht sagen. "So. War's das?", raunt er. Vorerst ja.

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Quelle: ntv.de

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