Politik

"Zukunft der Linken" gegen Trump Mike Gravel, der 89-jährige Anti-Kandidat

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Olivenzweig in der rechten, Friedenstaube auf der linken Hand: Mike Gravel macht deutlich, wofür er eintritt.

(Foto: Eric Kelly)

Noch nie gab es so viele Kandidatenanwärter für US-Präsidentschaftswahlen. Der älteste und zugleich radikalste von ihnen ist Ex-Senator Mike Gravel. Gewinnen will er nicht. Ihm und seinen jungen Helfern geht es um etwas anderes.

Pausenlos liest der US-Senator aus Geheimdokumenten vor, beschreibt so detailliert die Gräuel des Vietnamkrieges. Drei Stunden hält er durch. Er spricht von "abgetrennten Armen", "Metall, das Körper durchstößt" - und bricht schluchzend zusammen. Doch der damals 41-jährige Mike Gravel hat sein Ziel erreicht. Weil jede Rede im Senat dokumentiert wird, ist nun ein Teil der Pentagon Papers für die Öffentlichkeit einsehbar. Das war im Juni 1971. Ein politischer Skandal.

Fast ein halbes Jahrhundert später schwärmen zwei 18-Jährige von der Episode, die sie aus einer Biographie über Ex-US-Präsident Richard Nixon kennen. "Gravel war bereit, alles abzufackeln", sagt der eine, Henry Williams, der "New York Times". Der andere, David Oks, nennt den ehemaligen Senator "eine seltsame Mischung aus Gerissenheit und totaler Rücksichtslosigkeit". Der beiden waren auf der Suche nach jemandem, der bei der US-Präsidentschaftswahl 2020 ihre Werte vertritt und den sie unterstützen könnten. Im 89-jährigen Gravel hatten sie ihn gefunden. Doch sie hatten ein Problem: Er wollte nicht antreten.

"Auf keinen Fall. Wisst ihr, wie alt ich bin?", fragt Gravel die beiden, als sie ihn im März kontaktieren. Doch sie lassen nicht locker, erzählen ihm von ihrer Begeisterung für linke Ideen, der Popularität des "demokratischen Sozialismus", dem Erfolg junger Linker wie Alexandria Ocasio-Cortez. Und davon, wie einflussreich soziale Medien in der politischen Arena sind.

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Henry Williams (l.), Mike Gravel und ein weiteres Mitglied des Wahlkampfkerns.

(Foto: Gravel 2020)

Immer noch skeptisch, stimmt Gravel irgendwann zu, gibt Williams und Oks den Zugang zu seinem Twitter-Konto und freie Hand. Nun tönen sie dort mit Sprüchen wie: "Diese Vorwahlen entscheiden die Zukunft der Linken", oder "In einer Zeit des weltweiten Kampfes zwischen Fortschritt und Faschismus wird die Geschichte kein Nachsehen für Moderate haben". Der Name ihrer Kampagne ist ein Wortspiel: "Gravelanche". "Gravel" bedeutet Schotter, "avalanche" Lawine.

Gravel ist der radikalste, aber auch der älteste Bewerber unter den derzeit 24 Politikern, die für die Demokraten gegen US-Präsident Donald Trump antreten wollen. Der populärste Linke, Bernie Sanders, ist "nur" 77 Jahre alt. Der derzeit aussichtsreichste Bewerber, Joe Biden, sogar nur zarte 76. Um auf die große TV-Bühne der Vorwahldebatten zu kommen, braucht Gravel entweder 65.000 Spender oder mindestens 1 Prozent Zustimmung in drei Umfragen. Anfang Juni hatten 42.000 Personen für seinen Wahlkampf gespendet. Sein Wahlkampfteam geht davon aus, das vorgegebene Ziel vor der Debatte im Juli zu erreichen.

Gravel will "Volkslegislative"

"Kandidiert, um zu gewinnen", steht bei Twitter unter Gravels Foto, er trägt Sonnenbrille und formt die linke Hand zum Sieges-V. Einer seiner ältesten Helfer ist Marlon Ettinger. Der 24-Jährige wurde bei Twitter auf Gravel aufmerksam, fand die dortige Ansprache gut und fing an, sich zu engagieren. Nun gehört er zum zehnköpfigen Kernteam. "Er hat momentan Anziehungskraft, das wollen wir nutzen", sagt Ettinger durchs Telefon. Ein zentrales Wahlkampfbüro gibt es dafür nicht, die "Gravel Teens", wie Anhänger die Wahlkämpfer nennen, koordinieren sich online. Ein Erfolg wäre für sie und Gravel, zu den Debatten eingeladen zu werden. Und dann den anderen Bewerbern den Spiegel vorzuhalten, um sie so zu diskreditieren. "Das ist unser Antrieb", sagt Ettinger. "Wir wollen linke und Anti-Kriegs-Ideen verbreiten."

*Datenschutz

Einen Großteil seines politischen Lebens hat Gravel diese Ziele verfolgt. "Warum hassen uns so viele Leute auf der ganzen Welt?", fragt ein Journalist in Gravels Wahlwerbespot. "Weil wir so viele Menschen töten", antwortet er. "Der militärisch-industrielle Komplex kontrolliert nicht nur unsere gesamte Regierung, sondern auch unsere Kultur." Gravel, schreibt die "New York Times", ist im Vergleich zu Sanders "ein Bernie, der mehr Bernie ist als Bernie sein kann".

Aus dem Kongress schied Gravel bereits 1981 aus, aber für ihn ist die rein repräsentative Demokratie ohnehin gescheitert und der Senat durch und durch korrupt. Derzeit arbeitet er an einem Buch, in dem er die Einführung einer vierten Gewalt fordert, der Volkslegislative. Sie soll Volksentscheide durchführen, die am Kongress vorbei in Gesetze münden. Auch sonst klingt Gravels Wahlprogramm wie ein Wünsch-Dir-Was aus dem linksprogressiven Lager der USA: Krankenversicherung für alle, radikale Energiewende, Rüstungsausgaben halbieren, alle Kampfeinsätze beenden, Abtreibungen per Verfassung erlauben, Sexarbeit legalisieren, kostenlose Bankkonten für alle. In einem Land, wo schon die private Pflichtversicherung namens Obamacare einen großen Teil der Bevölkerung in aggressive Wallungen versetzt hat, ist das nicht nur mutig. Es ist völlig aussichtslos.

Seine Glaubwürdigkeit und der Under-Underdog-Status machen Gravel trotzdem für eine kleine Minderheit attraktiv. Es muss an den Zeiten liegen, in denen ein Präsident sich seine Fakten erfindet und die Alternativen dazu Kandidaten sind, die seit Jahrzehnten vor allem nach Umfrageergebnissen und Geldgeberinteressen handeln. Er spricht Sympathisanten von Ocasio-Cortez und Sanders an, dazu radikale Linke, die sonst gar nicht abstimmen. Die Erstwähler unter ihnen haben wie Gravels Helfer die Wirtschaftskrise als Kinder erlebt und gesehen, was sie mit ihren Eltern gemacht hat. Sie wuchsen damit auf, dass die Occupy-Bewegung trotzdem wirkungslos zerbrach - und wie Hillary Clinton 2016 ihren linken Vorwahlkonkurrenten Bernie Sanders ausstach. Aber was sie vor allem motiviert ist Trump, ihr rechter Antagonist.

Geld für Zigarettenpapier

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Wer "Pentagon Papers" wollte, musste spenden.

(Foto: Gravel 2020)

Die Gravel Teens wissen, dass sie nicht das Weiße Haus erobern werden, aber sie haben ein anderes Ziel: die Politik nach links drücken und den Mächtigen die Leviten lesen. Geld ist kaum da, aber Kreativität genug. Fast alle engagieren sich ehrenamtlich. Sie kommunizieren per Gifs, Videos und Memes. Sie beschimpfen andere Kandidaten als Kriegstreiber, belohnen Tausende Spender mit eigens hergestelltem Zigarettenpapier namens "Pentagon Papers", bewerben ihre Buttons mit Sprüchen wie "Reiche kompostieren" oder "Schickt Henry Kissinger nach Den Haag", vor den internationalen Strafgerichtshof. Sie bejubeln, dass sie vom Iraker Muntazer Al-Zaidi unterstützt werden. Al-Zaidi hatte im Jahr 2003 den damaligen US-Präsidenten George W. Bush nach der Invasion des Irak mit seinen Schuhen beworfen und einen "Hund" genannt, eine der schlimmsten Beleidigungen im Nahen Osten.

Die Form ist neu für Gravel, der Vorwahlkampf nicht. Im Jahr 2008 war er schon einmal angetreten. Seine Kampagne begann damals mit minutenlangem Schweigen in die Kamera, bevor er sich umdrehte, einen Felsbrocken nahm und ins stille Teichwasser warf. Manche sahen das als kreativen Arthouse-Wahlkampfspot, andere machten sich lustig. Doch Gravel ließ sich nicht verbiegen. "Als Amerikaner schäme ich mich, dass wir einen Zaun an unserer Südgrenze bauen", sagte er unter anderem bei der folgenden Fernsehdebatte, wo er nicht ernst genommen und belächelt wurde. Gravel griff trotzdem Joe Biden an und auch den späteren Präsidenten Barack Obama: "Barack, wen willst du mit Atomwaffen vernichten?"

Mehr als ein Jahrzehnt später soll Bushs Zaun zu Trumps Mauer anwachsen und der Ton im Wahlwerbespot ist ein anderer geworden: Das aktuelle Video zeigt Gravel mit Gehstock, dazu Szenen eines Politikerlebens aus Überzeugungen. Der Brocken ist nur noch ein Stein. Gefilmt haben ihn junge Linke, die seine Urenkel sein könnten, aber so seine für amerikanische Verhältnisse radikalen Ideen verbreiten.

Laserstrahlen aus den Augen

"Es ist vor allem wichtig, Joe Biden zu stoppen, weil er nicht gegen Trump gewinnen würde", sagt Ettinger. "Es gibt eine gewisse Kollegialität bei diesen Vorwahldebatten, die wollen wir durchbrechen." Biden, Vizepräsident unter Obama, ist laut Umfragen der derzeit aussichtsreichste Bewerber der Demokraten. Aber er zählt zur alten Elite, vom linken Flügel der Partei verachtet, weil ihre Dominanz Trump erst ermöglicht haben soll. Biden widmen die Gravel Teens von Zeit zu Zeit eigene Tweets, beschimpfen ihn etwa als "rechten Chauvinisten". Mehrere Frauen werfen Biden vor, sie in der Vergangenheit unangemessen berührt zu haben.

Gravel taugt auch als zentrale Meme-Figur: "Weiche, Zentrist", ist auf einem davon zu lesen, teilweise in "Conan, der Barbar"-Schrift. Dem 89-Jährigen schießen darauf wie bei einem Superhelden-Comic rote Laserstrahlen aus den Augen, sie treffen Beto O'Rourke, den demokratischen Shootingstar aus Texas. Die Gravel Teens nennen das ein "postmodernes Verständnis der Welt". "Wir drücken damit Werte aus, aber es ist zugänglicher, weil es lustig ist", sagt Ettinger. "Es macht es einfacher, über ernste Themen zu reden."

Doch die Wahlkämpfer haben auch Grenzen. Als Tucker Carlson, Talkshow-Moderator von Trumps Haus- und Hofsender Fox News, Gravel zu sich in die Sendung einlud, lehnten sie aus ethischen Gründen ab, sagt Ettinger. "Tucker ist nur dann gegen Krieg, wenn er den USA schadet. Gravel sagt: Die echten Opfer sind die, die wir angreifen." Der Ex-Senator tauchte trotzdem in einem Fernsehinterview auf. Er sprach Anfang Juni mit dem venezolanisch finanzierten Fernsehsender Telesur, der "sozialistischen Antwort auf CNN".

Chancen für eine Kandidatur oder gar einen Sieg gegen Trump hat Gravel mit all dem auf keinen Fall. Außer, es kommt zu einer Kombination undenkbarer Ereignisse: Etwa wenn alle anderen Bewerber der Demokraten ausstiegen, der unberechenbare Trump zugleich eine militärische Invasion anordnen würde, die völlig schief geht und die Öffentlichkeit in Anti-Kriegs-Stimmung versetzt. Aber um den Einzug ins Weiße Haus, darum geht es Gravel und seinem Team ja auch gar nicht.

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Quelle: n-tv.de