Politik

Margot Käßmann über Luther, Gauck und den Papst "Mir fehlen die Worte"

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Margot Käßmann ist wieder da.

(Foto: picture alliance / dpa)

Margot Käßmann gilt als gedanklich blitzschnell, als rhetorisch begnadet. Ihr gehen selten nur die Worte aus. Wann es soweit ist, zeigt ein Interview mit n-tv.de. In dem es dann auch noch um das Lutherjahr, den Papst und den Nutzen von Unterhaltungselektronik geht.

n-tv.de: Frau Käßmann, Sie sind zurück im Schoß der EKD, als Lutherbotschafterin zwar in einer Sonderrolle, aber doch auf Augenhöhe mit der Führung. Feiern Sie nun Ihr Comeback durch die Hintertür?

Zur Person Margot Käßmann
  • geboren am 3. Juni 1958 in Marburg
  • geschieden, vier Töchter
  • Tochter eines Mechanikers und einer Krankenschwester
  • Studium der evangelischen Theologie
  • Doktorarbeit 1989
  • 1994 - 1999: Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages
  • 1999 - 2009: Bischöfin der Landeskirche Hannover
  • 2009 - 2010: Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands
  • seit April 2012: Lutherbotschafterin

Margot Käßmann: Das sehe ich nicht so. Ich bin in keinem der leitenden Gremien, die Entscheidungen treffen – und finde das auch gut so. Es ist eine ganz andere Rolle und Aufgabe.

Vor etwas mehr zwei Jahren gab es in Ihrem Leben durch die Alkoholfahrt eine Zäsur. Sie sagten damals nach ihrem Rücktritt: ‚Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.‘ Wie tief war der Fall? Und wer oder was hat Sie aufgefangen?

Es war ein riesiger Bruch in meinem Leben. Ich war Pfarrerin, Generalsekretärin, Bischöfin, Ratsvorsitzende. Das ist alles, was du in der Kirche als leitende Funktion übernehmen kannst. Dennoch würde ich sagen: Ich bin nicht sehr tief gefallen. Das wäre im Verhältnis zu Menschen, die in Arbeitslosigkeit stürzen, völlig überzogen. Ich habe gute, neue Wege gefunden. Und ich finde es sehr schön, weniger in Leitungsverantwortung zu sein, dafür mehr lesen, predigen und schreiben zu können.

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Käßmann wirbt für den Reformator Luther.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt widmen Sie sich einige Jahre lang dem Leben und Wirken Luthers – und damit der Reformation und der Geschichte der Evangelischen Kirche. Können Sie das, was Luther ausgemacht hat, vorgreifend auf die vielen Fernsehinterviews schon in einem Satz zusammenfassen?

Der Mensch kann und darf selbst denken und hat aus Glauben die Freiheit, eigene Positionen zu beziehen.

Leben wir denn in einer Zeit, in der das nicht mehr so ist?

Ich bin zum Beispiel enttäuscht, dass bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen nur 59 Prozent zum Wählen gingen. Das sind weniger als zwei Drittel. Und ich kann nicht verstehen, dass Menschen nicht mitgestalten wollen. Aus dem Glauben heraus gibt es eine Verantwortung, sich in der Welt zu engagieren, nicht nur über die vermeintlich schlechten Verhältnisse zu lamentieren.

Sie möchten Lust machen auf Kirche, Glauben und Engagement. Tatsache ist, dass beiden großen Kirchen die Mitglieder weglaufen. Was läuft da falsch?

Zunächst: Alle großen Organisationen verlieren Mitglieder, auch Parteien und Gewerkschaften. Die Frage für mich ist: Wie können wir Menschen so erreichen, dass sie sagen: Was ich im Gottesdienst erlebe, stärkt mich so sehr, dass ich in der Welt meinen Mann beziehungsweise meine Frau stehen kann.

Hat Kirche überhaupt noch eine Chance gegen Spaß-Events und Unterhaltungselektronik?

Ich sehe ein Problem darin, dass es eine Art Ablenkungskultur gibt. Der durchschnittliche Bundesbürger guckt 223 Minuten Fernsehen am Tag - Internet nicht mitgezählt. Das finde ich traurig und deprimierend, weil es eine Vereinsamung ist: jeder vorm eigenen Bildschirm. Dagegen kann die Kirche aber nicht mit Videoclips im Gottesdienst antreten. Ich setze darauf, dass irgendwann ein Bewusstsein wächst, dass es Traditionen braucht, Beheimatung und Kultur. Ständige Innovationen hält der Mensch nicht aus.

Sie ist keine Innovation, sondern eine Tradition: die Predigt. Was macht eine gute aus?

Mir ist wichtig, dass eine Predigt die Dreiecksbeziehung aus biblischem Text, dem Kontext der Zuhörer und der predigenden Person schafft. Es geht darum, die Gemeinde abzuholen an einem Punkt in ihrem Leben. Beispielsweise habe ich im März in Hannover gepredigt, da ging es um einen Brief von Paulus aus dem Gefängnis – und ich habe begonnen mit der Frage an die Gemeinde: Wer von Ihnen war schon mal im Gefängnis … ?

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Gläubige Christen waren zentrale Kraft beim Mauerfall.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Und da gingen in Hannover alle Arme hoch?

Nein. Aber es war eine Spannung da: Was will sie jetzt? Was meint der biblische Text für uns. Dieser Dialog ist wichtig und dass ich etwas mitnehmen kann für den Alltag. Übrigens auch eine gewisse Heiterkeit. Luther hat gesagt, das Evangelium kann nur mit Humor gepredigt werden. Predigt kann eine Brücke herstellen vom Glauben zum  Alltag.

Man hört immer öfter, dass eine kämpfende Kirche vermisst wird. Eine, die ihre Mobilisierungsmöglichkeiten nutzt, um gesellschaftliche Ungerechtigkeiten anzuprangern. Wie streitbereit nehmen Sie Ihre Protestanten wahr?

Ich habe die Kirche persönlich am aktivsten erlebt ab 1983 im konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Im Westen und Osten waren ganz viele engagiert. Das war eine wichtige und großartige Zeit. Der Ruf ‚Keine Gewalt‘, der später aus den Kirchen in Leipzig oder Dresden auf die Straßen drang, war Teil dieser Bewegung. Das lässt sich aber nicht auf Dauer stellen.

Das bringt uns in die Jetztzeit: Was macht Ihnen Sorge angesichts der sogenannten europäischen Finanzkrise? Kann die Kirche hier mehr als Trost spenden?

Das Merkwürdige ist, dass es so fiktiv erscheint. Ich kann in diesen Summen gar nicht denken. Kürzlich sagte mir ein Politiker, die Probleme seien zu komplex, als dass der normale Bürger sie versteht. Das finde ich hochproblematisch. Da werden Dinge verhandelt, die Bürger nicht nachvollziehen können, da werden Summen genannt, die bar jeder greifbaren Realität sind. Das entfremdet Menschen von der Politik.

Verstehen Sie die Finanzkrise denn noch?

Nein. Ein Kollege an der Universität in Atlanta hatte ein Haus gekauft für 160.000 Dollar. Er hatte gerade 60.000 Dollar abbezahlt, als die Finanzkrise einschlug. Und da war dann sein Haus nur noch 60.000 Dollar wert. An dem Beispiel sind die Luftwolken zu erkennen, um die es auf den Märkten geht. Offen gestanden bedaure ich Menschen, die mit solchen Luftwolken handeln und gar nicht mehr auf dem Boden der Realität stehen.

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Käßmann hält die Predigt beim Trauergottesdienst für Robert Enke.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie werden gepriesen als jemand, der - übrigens wie Luther - dem Volk aufs Maul schaut. Wir möchten Ihnen gerne aufs Maul schauen. Mit einigen Stichworten – und einer kurzen Reaktion von Ihnen. Sind Sie bereit?

Ich versuch’s.

Wahl in NRW?

Toll, dass zwei Frauen sich offenbar so gut verständigen können.

Betreuungsgeld?

Hab ich allergrößte Probleme zu verstehen.

Lage in Afghanistan 2012?

Abgrundtief traurig.

Griechenland?

Sollte in deutschen Medien nicht so negativ dargestellt werden. Ich habe Respekt vor dem Ringen um Demokratie.

Zustand des Kapitalismus?

Mir fehlen die Worte.

Gauck?

Ich freue mich, dass ein fröhlicher Protestant Präsident ist.

Fukushima?

Wer spricht heute noch über die Folgen und was das bedeutet…?!

Piraten?

Da wüsste ich gerne mehr über Inhalte und die Linie.

Angela Merkel?

Respekt.

Steinbrück, Steinmeier oder Gabriel?

(lacht) Da bin ich mal gespannt.

Die Lage im Fußball zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Robert Enke?

Leider ist die Nachdenklichkeit, die ich beim Trauergottesdienst gespürt habe, nicht geblieben.

Der Papst?

Da wünsche ich mir Hoffnungssignale für eine ökumenische Dimension des Reformationsjubiläums 2017.

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"Ein gelehrter Mann": Papst Benedikt XVI.

(Foto: AP)

Sie haben den Papst kürzlich unauffällig, aber doch deutlich kritisiert. Es geht um die Wandlungsworte der Eucharistie. Benedikt will, dass dort Jesus nicht mehr ‚für alle‘, sondern nur noch ‚für viele‘ gestorben ist. Ein derber Rückschlag für die Ökumene und die Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl?

Die Ökumene mit den Kirchen der Reformation ist offenbar nicht Priorität bei diesem Papst. Aber ich bin  ein hoffnungsvoller Christenmensch und gebe die Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl nicht auf. Wir können die Welt nicht zur Einheit rufen, wenn wir selbst es nicht schaffen, an dem Tisch, an den Jesus alle gerufen hat, zusammenzukommen.

Was wird nach jetzigem Stand bleiben von Benedikt XVI.?

(zögert) Er ist ein sehr gelehrter Mann. Aber es bleibt die Frage: Will die katholische Kirche sich öffnen hin zu anderen Kirchen und der Gesellschaft oder geht sie den Weg der ‚Entweltlichung‘, von der der Papst zuletzt sprach.

Und was soll bleiben vom Lutherjahr 2017?

Wir wollen einige Akzente setzen. Es ist das erste Reformationsjubiläum nach einem Jahrhundert ökumenischer Bewegung – da werden wir keine Spaltung feiern, sondern auch das Gemeinsame aufzeigen. Und es ist das erste Reformationsjubiläum nach der Erfahrung des Holocaust...

Sie spielen darauf an, dass Luther ein Judenhasser war. Und dass seine Ergüsse später den Nazis als argumentative Vorlage dienten.

Ja. Luther und die Juden, das ist ein abgrundtiefes Missverhältnis und war ein fataler Irrweg. Ein Irrweg, der die evangelischen Kirchen in ihrer Mehrheit dazu gebracht hat, nicht klar und entschlossen für die Menschen jüdischen Glaubens einzutreten. In den letzten Jahrzehnten allerdings hat es eine enorme Annäherung gegeben. Dass der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in diesem Jahr die Buber-Rosenzweig-Medaille bekommen hat, ist ein schönes Zeichen dafür.

Meine letzte Frage…

Ein Glück!

Wie bitte?

Es ist anstrengend mit Ihnen.

Verzeihung. Dann ganz einfach: Haben Sie schon einen Plan für die Zeit nach dem Lutherjahr?

(lacht) Nein, ganz bestimmt nicht. Ich plane nicht soweit.

 

Mit Margot Käßmann sprach Jochen Müter

Quelle: ntv.de

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