Politik

Unmut unter Hardlinern Nationalistischer Ex-Militär kritisiert Putins Kriegsführung

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Girkin war 2014 einer der militärischen Führer in der "Volksrepublik" Donezk. Im Zusammenhang mit dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 ist er international zur Verhaftung ausgeschrieben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Igor Girkin kennt sich aus mit Krieg im Donbass. Der berüchtigte Ex-Militär, ein glühender russischer Nationalist, sieht dabei die Kämpfe dort skeptisch. Das Offensivpotenzial der Truppen von Lyssytschansk sei "praktisch erschöpft". Laut einer Denkfabrik ist Girkin ein Beispiel für die "Desillusionierung".

Der ehemalige russische Militärbefehlshaber Igor Girkin hat eine vernichtende Kritik an der russischen Kriegsführung geäußert und die Bedeutung der Einnahme der ostukrainischen Stadt Lyssytschansk infrage gestellt. Dies schreibt die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) und sieht darin ein "bemerkenswertes Beispiel" für die Desillusionierung unter russischen Militärbeobachtern.

Der überzeugte russische Nationalist, der bereits 2014 während des Krieges im Donbass Kämpfer befehligte und öffentlich gerne unter dem Pseudonym Strelkow auftrat, äußerte auf Telegram, dass die russischen Streitkräfte einen zu hohen Preis für einen begrenzten Gewinn gezahlt hätten. "Das Offensivpotenzial der Kampfgruppe, die Lyssytschank eingenommen hat, ist praktisch erschöpft. Die Fortsetzung der Offensive ohne die für die Nachschubversorgung und die Erholung der Truppen erforderliche Einsatzpause birgt die Gefahr weiterer schwerer Verluste ohne nennenswerte Ergebnisse", heißt es in einem Post vom 4. Juli.

Das Fehlen von Verstärkungen und die Unfähigkeit zu Auswechslungen nach Monaten führe "zu einem langsamen, aber stetigen Rückgang der tatsächlichen Kampfbereitschaft und Moral unserer Einheiten". Für die russischen Streitkräfte werde die Lage immer schwieriger, "da der Feind immer mehr Personal und modernes Kriegsgerät zur Verfügung hat", so Hardliner Girkin. Ihm zufolge haben die russischen Streitkräfte aufgrund der personellen und materiellen Überlegenheit der ukrainischen Streitkräfte nur begrenzte Aussichten, an anderer Stelle in der Ukraine vorzurücken.

Girkin, der fast 400.000 Abonnenten bei Telegram hat, beschwerte sich außerdem darüber, dass die russischen Streitkräfte die angekündigten Ziele der "zweiten Phase der Spezialoperation" - wie der Krieg in Russland heißen muss - nicht erreicht hätten. Er wies nachdrücklich darauf hin, dass es ein großer Fehler der russischen Führung war, die Schlacht zu den Bedingungen der Ukrainer zu akzeptieren.

ISW: "Desillusionierung unter ultranationalistischen Elementen"

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Girkin ist laut dem Institute for the Study of War "ein bemerkenswertes Beispiel" dafür, wie sehr russische Militärblogger und Militärenthusiasten von der Handhabung und Durchführung der Operationen des Kremls in der Ukraine desillusioniert seien. Insbesondere nach der dramatisch gescheiterten Flussüberquerung bei Bilohoriwka Anfang Mai. Girkins Aussagen zeigten, "dass die Desillusionierung unter ultranationalistischen Elementen im russischen Informationsraum weiterhin tief sitzt", so der Thinktank.

Girkins Einschätzung des russischen militärischen Versagens deutet laut dem US-Thinktank darauf hin, dass er und einige andere Militärblogger weiterhin Lageeinschätzungen und Prognosen unabhängig von der Kreml-Linie abgeben und veröffentlichen. Girkin hoffe wahrscheinlich, seinen Status als prominenter ehemaliger Teilnehmer am Krieg im Donbass 2014 zu nutzen, um Putin von bestimmten Maßnahmen zu überzeugen, die den russischen Erfolg im Krieg sichern sollen. Girkin halte den Überfall auf die Ukraine aber nach wie vor für gerechtfertigt und notwendig - und befürwortet die Mobilisierung der russischen Bevölkerung in weitaus größerem Maßstab.

Quelle: ntv.de, ghö

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