Politik

Blaue Hochburgen, grüne Skepsis"Ohne AfD-Aufstieg hätte es substanziell mehr Solaranlagen geben können"

15.10.2026, 19:45 Uhr imageInterview: Clara Pfeffer & Christian Herrmann
00:00 / 11:28
232253063
Die AfD möchte den Ausbau der Windenergie stoppen. und Windräder bestenfalls sogar zurückbauen. (Foto: picture alliance / foto2press)

E-Autos, Solaranlagen und Wärmepumpen boomen in Deutschland. Doch in AfD-Hochburgen schreitet die Energiewende langsamer voran. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis: Ohne den Aufschwung der Partei hätte es Zehntausende E-Autos und Solaranlagen mehr geben können. Dennoch sieht Studienautor Moritz Wussow im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" gerade in Regionen mit hoher AfD-Zustimmung enormes Potenzial für saubere Technologien - trotz Kohle- und Atomwahlkampf der Partei. Wichtig sind ihm zufolge ökonomische Argumente - und die richtigen Nachbarn.

ntv.de: Sie haben den Einfluss einer AfD-Neigung auf die Verbreitung von E-Autos und Solaranlagen untersucht. Wie? 

Moritz Wussow: Wir haben uns drei Fragen gestellt: Wer interessiert sich für saubere Technologien? Dazu haben wir eine repräsentative Studie zu Solaranlagen und E-Autos durchgeführt. Die zweite Frage war, wie diese Technologien über Deutschland hinweg verbreitet sind. Dafür haben wir den Ausbau auf dem Stand von 2023 in mehr als 10.700 Gemeinden verglichen. Drittens haben wir einen Blick in die Glaskugel gewagt und gefragt: Was wäre gewesen, wenn die AfD nicht den Erfolg gehabt hätte, den sie tatsächlich hatte?

Wie sieht das Ergebnis aus? 

Unterstützer der AfD haben ein geringeres Interesse an sauberen Technologien. Zweitens gab es über alle Regionen hinweg einen Boom bei Solaranlagen und E-Autos, aber auch in dem Bereich haben wir große Unterschiede in AfD-Hochburgen festgestellt. Unsere Simulation zur dritten Frage hat ergeben, dass es ohne den Aufstieg der AfD substanziell mehr Solaranlagen und E-Autos in Deutschland geben könnte.

Portrait_Wussow_Moritz
Dr. Moritz Wussow leitet das Climate Action Research Lab (CARL) an der Universität Freiburg. (Foto: privat)

Können Sie das genauer beziffern? 

Wir schätzen, dass es ohne AfD-Aufschwung etwa 10.000 bis 20.000 Solaranlagen mehr in Deutschland hätte geben können. Das wäre bis zu ein Prozent mehr, als es 2023 tatsächlich gab. Bei E-Autos ist der Unterschied mit 40.000 bis 50.000 Fahrzeugen größer. Das wären bis zu drei Prozent mehr gewesen. Wohlgemerkt: Wir betrachten den Zeitraum von 2013 bis 2023, also von der Parteigründung bis zur Etablierung im Bundestag. Die ganz großen Wahlerfolge der AfD gab es erst im Anschluss. 

Wie viel geringer ist das Interesse von AfD-nahen Menschen an E-Auto oder Solaranlage?

In der repräsentativen Umfrage haben wir gefragt, welche Partei 2021 gewählt wurde und ob man Interesse hätte, sich E-Auto oder Solaranlage zu kaufen oder sogar schon gekauft hat. Am größten ist der Unterschied zwischen Unterstützern der Grünen und der AfD: Grünen-Wähler haben ein mehr als dreimal so hohes Interesse an E-Autos. Bei den Solaranlagen liegt der Unterschied bei etwa 50 Prozent. 

Gibt es einen Zusammenhang mit dem Einkommen der Menschen? 

Das hat auf jeden Fall Auswirkung darauf, ob Menschen sich saubere Technologien anschaffen. In der Umfrage haben wir einige Erklärungen und charakteristische Eigenschaften erfasst, um das Verhalten zu erklären, etwa Einkommen, Geschlecht, Alter oder auch die Wohnsituation: Ohne Eigenheim stellt sich die Frage nach einer Solaranlage nicht. Aber auch wenn man diese Unterschiede berücksichtigt, ist das Ergebnis: Unterstützer der AfD haben deutlich weniger Interesse an E-Autos und Solaranlagen als Unterstützer der Grünen.

Wirklich überraschend ist das aber nicht. Wie sieht der Vergleich von AfD mit CDU oder FDP aus? 

Das Interesse von FDP-Anhängern an Solaranlagen und E-Autos ist teils sogar höher als bei den Grünen. Das gilt auch für den tatsächlichen Kauf. Die AfD und das BSW haben geringe Raten. CDU, SPD und Linke liegen in der Mitte. 

Spiegeln sich diese Präferenzen in Wahlergebnissen wider? 

Das berührt die zweite Fragestellung. Wir haben einen umfangreichen Datensatz für mehr als 10.000 Gemeinden erstellt und die Autoregistrierung sowie die Registrierung von Solaranlagen über die Zeit erfasst - gemessen an den Stimmenanteilen der unterschiedlichen Parteien. Die erste Erkenntnis ist: Solaranlagen und E-Autos boomen über alle politischen Orientierungen hinweg. In besonders "grünen" Regionen ist der Boom am größten. In Regionen, die man als AfD-Hochburgen bezeichnen kann, geht die Verbreitung weniger schnell. Aber auch dort nimmt die Verbreitung zu. Aus unseren Zahlen geht aber nicht hervor, ob dafür Wähler der AfD verantwortlich sind oder anderer Parteien. Die stellen ja selbst in AfD-Hochburgen oft die Mehrheit. 

Ob AfD-Wähler E-Autos kaufen, wird man erst wissen, wenn der Anteil der E-Autos das Wahlergebnis für die anderen Parteien übersteigt?

Genau. 

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview können Sie sich anhören: Sie finden "Das Klima-Labor von ntv" auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

Sie haben eine Frage an uns? Schreiben Sie E-Mail an klimalabor@ntv.de.

Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt haushoch gewonnen. Im Wahlkampf hat sie dafür geworben, den Ausbau der Erneuerbaren zu stoppen und die Energiewende rückgängig zu machen. Können Sie sagen, welche Tendenz zuerst vorhanden war? Sind die Menschen gegen Erneuerbare und wählen deshalb die AfD? Oder wählen sie die AfD und die Skepsis der Partei färbt auf ihre Anhänger ab?

In diesem Punkt helfen uns Wölfe weiter. 

Wölfe? 

Zahlreiche Faktoren beeinflussen, ob Leute AfD wählen und ob sie sich für saubere Technologien entscheiden. Deshalb haben wir einen Faktor gesucht, der ein Interesse der Menschen an rechter Ideologie erklärt, aber keinen Einfluss auf Kaufentscheidung im Bereich der sauberen Technologien hat. Unser Beobachtungszeitraum war von 2013 bis 2023. In diesem Zeitraum hat sich auch der Wolf wieder in Deutschland angesiedelt - erst im Osten, anschließend sukzessive auch in Norddeutschland.

Anfangs haben sich alle über die Rückkehr des Wolfs gefreut. Inzwischen wird es vielen Menschen zu viel. 

Die AfD hat sich früh gegen die Wiederansiedlung und für den Abschuss von Wölfen positioniert. In Forschungsliteratur kann ein Zusammenhang zwischen Wolfsattacken auf Schafe und wachsendem Zuspruch für die AfD hergestellt werden. Das haben wir ebenfalls festgestellt. Wir konnten außerdem zeigen, dass in betroffenen Gemeinden in den Jahren nach einer Wolfsattacke weniger Elektroautos und Solaranlagen angeschafft wurden. 

Der Wolf ist schuld daran, dass die Leute kein E-Auto kaufen? 

Gewissermaßen. Das Problem ist natürlich: Der Wolf ist nicht gleichmäßig in Deutschland verteilt. Er lebt vorwiegend in ländlich geprägten Gemeinden mit großen Wäldern. Unsere Daten deuten an, dass diese Menschen E-Auto, Solaranlage oder Wärmepumpe auch ohne AfD skeptisch betrachtet hätten. Daher betrachten wir den Zusammenhang mit den Wolfsattacken auch nicht als robusten Nachweis einer Kausalität, sondern eher als Indiz oder Puzzlestück. Jedes für sich hat Schwächen und ist statistisch nicht uneingeschränkt aussagekräftig. Alle zusammen zeichnen ein zumindest zeitlich klares Bild: Dort, wo die AfD besonders erfolgreich ist, schreitet die Energiewende langsamer voran. 

Sind emotionale oder rationale Gründe für die Ablehnung ausschlaggebend? Eine andere Studie zeigt: Erneuerbare Energien stoßen in Deutschland auf bemerkenswert große Zustimmung - nur nicht vor der eigenen Haustür.

Wir haben im Rahmen der repräsentativen Umfrage Gründe für die Ablehnung abgefragt. Es wird deutlich, dass es Unterschiede gibt, wie profitabel eine Solaranlage eingeschätzt wird: Unterstützer der Grünen gehen mehrheitlich davon aus, dass sie rentabel sind. Unterstützer der AfD sehen das seltener so. Die schätzen auch viel häufiger, dass E-Autos bei einem Unfall explodieren. Desinformation ist weitverbreitet. 

Was schließen Sie daraus? Sollten Autohändler, die E-Autos im Angebot haben, und Installateure von Solaranlagen AfD-Hochburgen meiden? 

Im Gegenteil. Irgendwann haben alle Grünen-Wähler mit Eigenheim auch ein E-Auto und eine Solaranlage. Gerade in AfD-Hochburgen gäbe es dann Potenzial, mit ökonomischen Argumenten weitere zu verkaufen. 

Was passiert denn, wenn ein Haushalt in einer AfD-Hochburg den Sprung wagt und sich ein E-Auto anschafft? Lassen sich andere Leute der Gemeinde davon überzeugen? 

Diesen Fall haben wir nicht untersucht. Der Übertragungs- oder Spillover-Effekt ist aber real. Nachbarn tauschen ihre Erfahrungen untereinander aus. 

Bei der Gartenparty spricht man darüber, was man fürs Tanken bezahlt hat? 

Zum Beispiel. Von Solaranlagen weiß man auch, dass es eine verstärkende Wirkung gibt. Im Umfeld einer Person, die bereits eine hat, schaffen sich viele anderen auch eine an. Das dürfte auch bei anderen grünen Technologien ein Hebel sein.

Was erwarten Sie für die Zukunft? Die AfD fährt Rekordergebnisse ein, eventuell kann sie in Sachsen-Anhalt sogar regieren. Insbesondere dank der Förderung boomen E-Autos. Der Solarzubau bleibt stark. Die Wärmepumpe boomt auch. Bleibt es dabei? 

Die Technologien der Energiewende haben enormes ökonomisches Potenzial - für Privathaushalte und für die Industrie. Diesen Nutzen werden gerade in Zeiten hoher Spritpreise mehr Menschen für sich erkennen. Dieser Nutzen kann aber auch sehr ungleich verteilt sein. Für eine Solaranlage brauchte man bisher ein eigenes Haus. Das soll mit dem neuen Gesetz zum Energy Sharing behoben werden. Künftig sollen Nachbarn ihren Strom teilen können - auch in Mietshäusern. Bei E-Auto sollte die Politik auch darauf achten, dass die Kaufentscheidung nicht davon abhängt, wo man laden kann. Das Laden an der öffentlichen Ladesäule ist viel teuer als der Stromtarif zu Hause. Dann fällt der ökonomische Nutzen für einen Teil der Bevölkerung wieder weg. 

Mit Moritz Wussow sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören. 

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD - und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?



Das Klima-Labor von ntv: Jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert, Spaß macht und aufräumt - ohne Streit, in ausführlichen Gesprächen mit führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.



Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.



Sie haben eine Frage an uns? Dann schreiben Sie eine E-Mail an klimalabor@ntv.de

Quelle: ntv.de

Landtagswahlen Mecklenburg-VorpommernWärmepumpenFDPLandtagswahlen Sachsen-AnhaltErneuerbare EnergienAfDEnergiewendeBündnis 90/Die GrünenPodcastWindenergieElektroautosSolaranlagen