Politik

Franco bleibt, wo er ist Opferfamilien fühlen sich zutiefst verletzt

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Das 150 Meter hohe Kreuz ist weithin sichtbar - es prangt über dem Grab des einstigen spanischen Diktators Franco im sogenannten "Tal der Gefallenen".

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach der Entscheidung des Obersten Gerichts, die Ausgrabung des früheren spanischen Diktators vorerst zu verbieten, bleibt das Land von einem Versuch zur Versöhnung weit entfernt.

Wer von der Autobahn aus Madrid kommt, sieht das riesige Betonkreuz über der Basilika im Tal der Gefallenen schon von Weitem. Es ist nur schwer zu übersehen mit seinen über 150 Metern Größe. Für Silvia Navarro und all die anderen, die für etwas kämpfen, was sie unter Gerechtigkeit verstehen, ist es ein Symbol der Gehässigkeit. Eines, das den Anhängern der spanischen Demokratie der 1930er-Jahre, aber auch deren Nachfahren und all den getöteten Gegnern des Franco-Regimes bis heute die lange Nase zeigt.

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Franco starb 1975 - anschließend gelang Spanien der friedliche Übergang zur Demokratie. Dabei spielte auch der langjährige König Juan Carlos eine wichtige Rolle. Das erschien den Zeitgenossen wichtiger als eine sofortige Aufarbeitung der Diktatur.

(Foto: AP)

In der Basilika liegt jener Mann begraben, der Spanien nach dem Ende des Bürgerkriegs 1939 mit gnadenloser Härte regierte: Francisco Franco, Nationalist, Katholik, Diktator. Seine Opfer waren vornehmlich jene, die in den 1930er-Jahren die spanische Demokratie verteidigten. So wie der Großonkel von Silvia Navarro, dessen Gebeine in unmittelbarer Nähe von Franco in einem Massengrab liegen. Es litten in den Jahren danach aber noch viele andere unter dem Regime: Familienangehörige und Nachkommen von Republikanern, Linke, Intellektuelle oder auch Atheisten.

Eigentlich hätte der Leichnam des 1975 gestorbenen Diktators am heutigen Montag exhumiert und an einem anderen Ort begraben werden sollen. Die sozialistische Regierung des Landes hatte die Ausgrabung im vergangenen Jahr durchs Parlament geboxt und im Frühjahr endgültig angeordnet. Sie hätte Navarro und ihrer Familie Genugtuung und die Anerkennung ihrer Leiden gebracht, sagt sie im Gespräch mit ntv.de. Vielleicht wäre es der Beginn eines Prozesses gewesen, an dessen Ende die Opfer des franquistischen Regimes bereit zur Versöhnung sein würden. Doch das Oberste Gericht in Spanien entschied in der vergangenen Woche, dass der Leichnam vorerst bleibt, wo er ist. Für Navarro bedeutete das ein Schlag ins Gesicht. "Jetzt fühlt es sich an, als trample die Justiz achtlos und ignorant auf unseren und den Gefühlen aller Opferfamilien herum", sagt sie.

Bloß kein Franco-Grab im Herzen Madrids

Francos Enkel hatten angekündigt, alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen, um die Ausgrabung zu vermeiden. Sie ließen über ihren Anwalt verlauten, wie schmerzhaft das Gezerre um die Überreste des eigenen Großvaters sei. Keine Familie hätte so etwas verdient. Allenfalls bei einer Verlegung des Leichnams in die Familiengruft in der Almudena-Kathedrale in Madrid hätte die Familie zugestimmt. Doch im Herzen der Hauptstadt wollte die Regierung den toten Franco nun schon gar nicht liegen wissen. Er sorgt schon für genug Unmut weit außerhalb der Stadtmitte.

35.000 Tote sind unter der Basilika begraben. Die Mehrheit von ihnen sind Republikaner. Viele sind nicht im Krieg als Soldaten gefallen, sondern wurden von den Nationalisten ermordet. Die Überreste dieser Opfer wurden schon in den 1950er-Jahren dorthin geschafft, ohne dass die Angehörigen davon wussten. Mit den Toten aus beiden Lagern würde das Tal der Gefallenen zu einem Ort der Versöhnung werden, argumentierte das Regime. Nur dass viele Opferfamilien alles andere als versöhnlich reagierten, als sie erfuhren, dass auch einer ihrer Vorfahren dort begraben liegt, unter dem Monument des Diktators, an dem auch das Blut von republikanischen Zwangsarbeitern klebt, die während des Baus zu Tode kamen.

Jahrelang lag in Spanien der Mantel des Schweigens über Francos Verbrechen und Diktatur. Nach seinem Tod sorgte der Pakt des Vergessens, den das damals neue demokratische Parlament in Form von Amnestie-Gesetzen, also Straferlass, beschloss, für einen zweifelhaften Burgfrieden. Das Lager von Francos Anhängern war zu groß und zu mächtig, als dass seine Gegner diesen Pakt hätten aufbrechen können.

Die Wirtschaftspolitik des Diktators hatte eine wohlhabende und einflussreiche Gesellschaftsschicht geschaffen, die kein Interesse zeigte, ihre eigenen möglichen Verbindungen zum Regime offenzulegen. Bis heute gehören die Profiteure der Franco-Zeit zu den treibenden Kräften der spanischen Volkswirtschaft. Die Unternehmen, die einst am Bau des Tals der Gefallenen mitwirkten, gehören heute zu den größten und bedeutendsten Firmen auf der iberischen Halbinsel. Francos Verbrechen wurden nie aufgearbeitet, weswegen seine Enkel mit großen Selbstverständnis auftreten und die Interessen der Familie vertreten. Der Rechtsruck in Spaniens Parlament durch den Einzug von 24 Vox-Abgeordneten stärkt die Position des Franco-Lagers. Zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Politik zählen die Vox-Politiker die Verteidigung der Ehre des Diktators.

Faschistengruß am Grab mittlerweile verboten

Seit Beginn dieses Jahrhunderts organisieren sich die Opferfamilien, die keine Lust haben zu vergessen. Und sie haben die sozialistische Regierung auf ihrer Seite. Unter Premierminister Zapatero wurde 2007 das Gesetz des historischen Gedenkens erlassen. Unter anderem ermöglicht es es, finanzielle Zuschüsse für die Öffnung von Massengräbern zu erwirken. Es verbot zudem öffentliche Kundgebungen im Tal der Gefallenen von den Anhängern Francos, die sich gerne zum Todestag des Diktators in der Basilika versammelten und mit dem Faschistengruß vor dem Grab salutierten.

In der Folge der Verabschiedung des Gesetzes gab es bereits auch ein Gerichtsurteil, das einer der Opferfamilien die Ausgrabung ihrer Angehörigen erlaubt. Doch erst im Sommer vergangenen Jahres begannen Experten damit, die Machbarkeit einer Ausgrabung zu untersuchen. Die Mönche des an die Basilika angeschlossenen Benediktinerklosters hatten ihnen jahrelang den Zugang geweigert. Erst ein Bischofsbeschluss machte den Weg nach Jahren der Blockade frei - gegen den Willen der Katholischen Bewegung Spaniens, die seit dem Tod Francos den Verlust von Moral, Religion und Familie beklagt. Damals, lautet eines ihrer Argumente, habe es keine Abtreibungen gegeben und keine Selbstmorde unter jungen Leute.

Silvia Navarro würde ebenso gern ihren Großonkel aus seinem Grab befreien, um ihm die Nähe seines Peinigers zu ersparen. Die erhoffte Ausgrabung Francos wäre eine viel schnellere und sichere Methode gewesen. "Spanien ist offenbar immer noch nicht so weit, dass wir mit der Vergangenheit aufräumen können. Vielleicht wird uns die Zukunft Neues bringen. Aber das kann noch eine ganze Generation überdauern", sagt sie frustriert. Optimistischer zeigt sich die designierte Regierungspartei PSOE, die wohl nach den Neuwahlen Ende April wohl auch den kommenden Ministerpräsidenten stellen wird. Man blicke zuversichtlich auf die Entscheidung des Obersten Gerichts in der Hauptsache. Denn die ist tatsächlich noch nicht getroffen worden, sondern wird erst in den kommenden Monaten erwartet.

Quelle: ntv.de