Politik

Gewalt auf Anti-G7-Demo Rangelei wirft G7-Protest weit zurück

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(Foto: picture alliance / dpa)

Bei einer Kundgebung von G7-Gegnern kommt es zu einem Gewaltakt. Polizisten werden verletzt. Für die friedlichen Demonstranten ist das ein heftiger Rückschlag.

Links: die Polizeibeamten in ihren klobigen Protestrüstungen. Rechts: die Spitze des Demonstrationszugs der G7-Gegner. Und im Spalier dazwischen: Da steht eine ältere Dame und reckt ein Schild in die Höhe. "Bitte friedlich", steht darauf. Ihre Hoffnung wird nicht in Erfüllung gehen.

Ein paar Stunden später kommt die Demonstration an einem engen Umkehrpunkt zum Halten. Es gibt Rangeleien, Pfefferspray wird eingesetzt. Die Polizei sagt, Beamte seien mit Flaschen und Feuerlöschern angegriffen und ein Polizist am Auge verletzt worden. Später ist von sieben verletzten Beamten die Rede. Das Aktionsbündnis "Stop G7 Elmau" wiederum berichtet von Attacken der Polizisten mit Schlagstöcken und einer Festnahme. Die Gipfelgegner machen die Polizei für die "Eskalation" verantwortlich.

Nur kurz dauert die Auseinandersetzung, doch sie ist ein Rückschlag für die vielen friedlichen Demonstranten. Denn sie kommt einem Angriff auf ihre Argumentationslinie gleich.

Tagelang war es ruhig geblieben. Viele G7-Gegner wagten, darauf zu hoffen, dass es so bleiben würde. "Die ganzen letzten Monate wurde den Leuten eingetrichtert, dass tausende Terroristen hier aufmarschieren würden", sagt ein G7-Gegner, der aus Leipzig gekommen ist, noch kurz vor dem Gewaltexzess. Das schüre unnötige Ängste. Nur ein paar Meter weiter steht ein Demonstrant aus Schwäbisch-Hall und beklagt sich über das Sicherheitskonzept: "Das unsinnige Polizeiaufgebot verunsichert die Bürger völlig." Gewaltakt hin oder her: Die friedlichen Demonstranten haben womöglich im Kern recht.

Der Innenminister muss sich beweisen

Für Bayerns Innenminister Joachim Hermann, der als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Horst Seehofer gilt, ist der Schutz des Gipfels auch eine persönliche Bewährungsprobe. Er will der Welt zeigen, wie gut seine Polizei arbeitet. Und er will alle davon überzeugen, dass er einen störungsfreien Gipfel sicherstellen kann - egal wie groß die Widerstände sind. Der CSU-Minister warnt vor 3000 gewaltbereiten Aktivisten. Er lässt deshalb 10.000 Polizisten aus Bayern rund um Schloss Elmau aufmarschieren. Hinzu kommen 7000 Beamte aus anderen Bundesländern und tausende Sicherheitsexperten des Bundes. Allein für die Kundgebung in Garmisch-Partenkirchen stellt er 5000 Männer und Frauen ab. Und das bei nur 3600 Demonstranten. Die allermeisten dieser Polizisten hatten den ganzen Tag lang nichts zu tun.

Eine Frau, die aus Starnberg angereist ist, ärgert sich ein paar Stunden vor dem Gewaltakt: "Seit Wochen ist immer nur noch von den Gewaltbereiten die Rede", sagt sie. "Aber 99 Prozent der Demonstranten hier wollen einfach nur sagen, dass es ausufert, was die Banken und Konzerne tun, und dass sie das Gefühl haben, dass die Regierungen nur noch die Handlager der Wirtschaft sind." Völlig überzogen und völlig daneben nennt sie den Einsatz.

Kaum miteinander in Einklang zu bringen ist eigentlich auch das Bild, das die Behörden von dem Protestcamp der G7-Gegner gezeichnet haben und das Bild, das sich vor Ort tatsächlich zeigt. Das Camp liegt einen kurzen Fußmarsch von der Innenstadt entfernt an der Loisach. Nähert man sich dem Camp, sieht man zuerst junge Menschen, die in dem Fluss baden. Es folgen lange Reihen von Dixie-Klos, an denen sie artig mit Klopapierrollen in der Hand anstehen. Zelte. Eine Großküche. Ein Kerl mit einem Rasta-Pferdeschwanz, der mit einer Toilettenbürste auf einem Akkuschrauber Kartoffelberge putzt. Hier und da Musik. Festival-Stimmung.

Kanonen auf nackte Spatzen in der Loisach

Aber es gibt auch ein Ordnungskonzept, Fluchtwege und Ansprechpartner für Notfälle. Die konservative "Welt" titelte: "Deutscher als dieses linke Protest-Camp geht es nicht." Die hiesigen Behörden dagegen wollten das Camp verbieten, unter anderem, weil von Bewohnern eine Gefahr ausgehen könnte. Ein Gericht hob das Verbot auf.

Ein Ehepaar aus Baden-Württemberg ist gekommen, um sich das ganze anzugucken. Nach ein paar Minuten sagen die Eheleute: "Warum muss der Staat deswegen so mit den Muskeln spielen?" Hinter den beiden springen gerade ein paar Nackte in die Loisach. Und er sagt: "Da wird doch mit Kanonen auf Spatzen geschossen."

Für die Organisatoren und viele der G7-Gegner geht es aber nicht nur um einen Innenminister, der überzieht. Am Sonntag wollen die Demonstranten mit einem Sternmarsch möglichst dicht heran an Schloss Elmau, damit ihre Kritik am teuren Gipfel und am Kapitalismus auch Gehör findet. Es dürfen aus Sicherheitsgründen aber nur 50 Demonstranten bis auf Sicht- und Hörreichweite an das Schloss heran. "Das ist Versammlungsrecht in homöopathischer Dosis", sagt Simon Ernst, einer der Pressesprecher des Bündnisses "Stop G7 Elmau". Er schlägt mit einem Augenzwinkern vor, dass die sieben Staatschefs beim nächsten Mal besser auf einem Flugzeugträger tagen sollten.

All diese offensichtlichen Missverhältnisse können für Außenstehende aber schnell an Wirkung verlieren angesichts des Angriffs auf die Polizisten. Der gewaltbereite Block liefert Hermann und allen Sicherheitsfetischisten Argumente, auch wenn es nur die allerkleinste Aktion war.

Quelle: ntv.de

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