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"Wie eine Gießkanne" Rentenerhöhung verhindert Altersarmut nicht

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(Foto: imago/Christian Ohde)

Rentenerhöhungen, die alle betreffen, helfen auch den Armen. Sie sind aber kein Mittel, um Armut zu bekämpfen, sagt Rentenexperte Johannes Geyer. Beim Renteneintrittsalter ist es ganz ähnlich.

n-tv.de: Wie sicher ist die gesetzliche Rente?

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Johannes Geyer ist Rentenexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

(Foto: DIW Berlin)

Johannes Geyer: Im Umlageverfahren, wie wir es in Deutschland haben, wird die Rente proportional zu den Beiträgen gezahlt. Damit ist ein gewisses Sicherungsniveau garantiert. In die Diskussion ist die gesetzliche Rente geraten, weil das Sicherungsniveau sinkt. Daraus folgt aber nicht, dass sie für jeden Einzelnen nicht mehr reichen wird. Ob die gesetzliche Rente für die Alterssicherung ausreicht, muss man individuell prüfen. Sie wird aber auf absehbare Zeit der wichtigste Baustein bleiben.

Der WDR hat kürzlich eine Studie vorgelegt, nach der im Jahr 2030 fast jeder zweite Rentner von Altersarmut bedroht sein wird.

Die WDR-Studie hat die Problematik ein bisschen auf die Spitze getrieben. Schon heute liegt mehr als die Hälfte der Renten unterhalb der Grundsicherung. Zugleich liegt die Grundsicherungsquote bei den über 65-Jährigen nur bei rund drei Prozent. Eine niedrige Rente ist also keineswegs gleichzusetzen mit Altersarmut. Altersarmut ist eine reale Gefahr. Aber sie betrifft vor allem Gruppen, die bestimmte Merkmale aufweisen, nicht die Mitte der Bevölkerung.

Wer ist besonders gefährdet?

Das sind zunächst Personen mit langen Erwerbsunterbrechungen. Vor allem in Ostdeutschland gibt es viele Geburtsjahrgänge, die mit geringen Anwartschaften in die Rente gehen, die wenig privat vorsorgen konnten und nicht mit hohen Erbschaften rechnen können. Eine weitere Gruppe sind die Solo-Selbstständigen, die nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert sind und zu wenig verdienen, um privat vorzusorgen. Drittens die sogenannten Erwerbsminderungsrentner, also Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Dieses Risiko ist nicht gut versichert, hier gibt es einen starken Anstieg der Altersarmut. Wer heute mit Mitte fünfzig krank wird, hat es sehr schwer.

Wie sinnvoll sind Rentenerhöhungen im Kampf gegen Altersarmut?

Rentenerhöhungen, die alle betreffen, helfen auch den Armen, aber sie sind kein Mittel, um Armut zu bekämpfen. Eine Rentenerhöhung ist wie eine Gießkanne, sie hilft auch den Gutsituierten. Wenn man knappe Mittel zur Verfügung hat und etwas gegen Altersarmut tun möchte, dann sind andere Instrumente sicherlich wirkungsvoller.

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Streit um Rente: Sollen wir alle länger arbeiten?

Zum Beispiel?

Das hängt vom Fall ab. Bei Menschen, die schon kurz vor der Rente stehen und nichts mehr an ihrer Situation ändern können, gehen nur noch Maßnahmen der Umverteilung, also Zuschüsse für geringe Renten oder eine Änderung der Freibeträge. Im Moment müssen Sie Ihr gesamtes Vermögen verbrauchen, bevor Sie einen Anspruch auf die Grundsicherung haben. Eine Anhebung der Freibeträge würde die Einkommenssituation der Betroffenen merklich verbessern.

Was ist mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters?

Auch das ist keine Maßnahme, die spezifisch auf die Verhinderung von Altersarmut zielt. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit hat einen leicht dämpfenden Effekt auf die Rentenbeiträge und einen leicht erhöhenden Effekt auf das Rentenniveau. Aber beide Effekte betreffen alle – nicht nur die Armen.

Wie sinnvoll ist es da, das Renteneintrittsalter anzuheben?

Die Logik hinter der Anhebung des Renteneintrittsalters ist, die steigende Lebenserwartung zwischen Rentenzeit und Erwerbsphase aufzuteilen. Das klingt zunächst plausibel. Allerdings ist eine solche Reform nur dann sinnvoll, wenn sie begleitet wird von Maßnahmen für Personen, die nicht in der Lage sind, ihre Erwerbszeiten auszudehnen.

Wir wichtig ist die private Vorsorge für die Rentner von morgen?

Sehr wichtig. Die private Rente wurde als Baustein zur Sicherung des Einkommensniveaus im Alter eingeführt. Bei der gesetzlichen Rente wurde das Niveau abgesenkt, dafür wurden die Beiträge nicht erhöht. Um das Niveau zu halten, muss man deshalb privat vorsorgen.

Was heißt das für Leute mit kleinen Einkommen?

Die haben Schwierigkeiten – das ist ja auch Teil der aktuellen Debatte. Ein zweites Problem: Personen mit schlechter Ausbildung planen oft nicht so gut wie Personen mit einem höheren Bildungsniveau. Da gibt es sicher Punkte, die verbessert werden könnten.

Mit Johannes Geyer sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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