Politik

Nach Fehlschlag in Syrien Russen und Amerikaner attackieren sich

48125487.jpg

Witali Tschurkin (Archivbild) wird von seiner US-Kollegin eines "Stunts" bezichtigt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Waffenruhe in Syrien hängt am seidenen Faden. Nun erschwert ein offenbar bitterer Patzer des US-Militärs den Weg zum Frieden noch mehr. Beim Treffen im UN-Sicherheitsrat streifen die Botschafter Russlands und der USA die Samthandschuhe ab.

Als Samantha Power vor die Presse tritt, hat Witali Tschurkin seinem Unmut im Saal nebenan bereits Luft gemacht. Der russische UN-Botschafter will im Sicherheitsrat seinen Frust darüber loswerden, dass ein von der US-Koalition geführter Luftangriff in Syrien Regierungstruppen getroffen habe. Bilanz: etwa 90 Tote und 100 Verletzte.

Die kurzfristig einberufene Sitzung im höchsten UN-Gremium soll Klarheit schaffen. Doch klar ist die Sache für Power schon längst. Die eilige Sitzung am Samstagabend (Ortszeit) sei "Effekthascherei", ein "Taschenspielertrick" der Russen, um den offenbar schweren militärischen oder geheimdienstlichen Patzer der USA medienwirksam auszuschlachten. Als sie dann den Sitzungssaal betritt, bezichtigt sie Tschurkin eines "Stunts", wie dieser kurz darauf berichtet. Den Kommentar will Tschurkin so nicht stehen lassen und verlässt den Saal: "Es hat keinen Sinn, Botschafterin Power zuzuhören". Fast 20 Minuten lang schildert er Reportern stattdessen draußen seine Sicht, lässt sich Zeit, beantwortet offene Fragen.

Das abendliche Schauspiel am New Yorker East River zeigt, wie zerbrechlich das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Washington und Moskau im Syrien-Konflikt ist. Der Luftangriff kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, an dem die mühsam ausgehandelte Waffenruhe nur wenige Tage alt ist und beide Seiten sich gegenseitig vorwerfen, sie nicht einzuhalten.

Dass die US-Regierung nach dem Angriff rasch ihr "Bedauern" ausdrückt und verspricht, den Vorfall zu untersuchen, scheint auf russischer Seite niemanden wirklich zu interessieren. Tschurkin geht stattdessen einen Schritt weiter und beschuldigt die USA, mit der Attacke nahe einem Militärflughafen in der Provinz Dair as-Saur möglicherweise absichtlich auf Regierungstruppen gezielt zu haben.

"Wer hat in Washington das Sagen?"

Er frage sich, ob die USA die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) überhaupt bekämpfen wollen. Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, schließt ein Versehen nicht aus. Doch Russlands UN-Botschafter, der in seiner mehr als 40 Jahren langen Laufbahn internationaler Politik noch kein so "plumpes" Vorgehen erlebt haben will, bringt auch die Waffenruhe ins Wackeln. "Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird", sagt Tschurkin mit Blick auf die weitere Einhaltung der Genfer Vereinbarung. "Dies ist kein sehr guter Moment." Überhaupt sei auf die Zusagen von US-Präsident Barack Obama und dessen Außenminister John Kerry kein Verlass, immer wieder grätsche deren Militär dazwischen. "Wer hat in Washington das Sagen", stichelt Tschurkin, "das Weiße Haus oder das Pentagon?"

Dort dürften nach dem Angriff, der auf einen Hinweis Russlands hin sofort abgebrochen wurde, spätestens Anfang der Woche ein paar Fetzen fliegen. Denn das, was ein Pentagon-Vertreter der "Washington Post" gegenüber als "offenbares Versagen der Geheimdienste" beschreibt, könnte auch einen Rückschritt für den Frieden in Syrien bedeuten. Und selbst wenn Russland sich nur nach außen hin aufbäumen will: Ein gutes Vorzeichen für die Dienstag beginnende UN-Generaldebatte, an deren Rand weiter über die Zukunft des Bürgerkriegslandes verhandelt wird, ist der Vorfall nicht.

USA kommen um Russland nicht herum

Auch für Obama, auf dessen Schultern der Syrien-Konflikt bleiern lastet, kommt die Sache ungelegen. Kann er bei seiner Rede vor der Vollversammlung mit mehr als 140 Staats- und Regierungschefs für den Krieg gegen die Terrormiliz werben, wenn die Kampfflugzeuge des US-Bündnisses falsche Ziele anvisieren und aus Versehen 60 Menschen töten und 100 weitere verletzen? Einige Russen, mit denen die Amerikaner ihre Angriffe in Syrien bislang nicht koordinieren wollen, dürften sich ob des Patzers heimlich ins Fäustchen lachen.

Stunt oder nicht, um Moskau kommen die USA beim Ringen um eine Lösung in Syrien nicht herum. Selbst Samantha Power wird ihren Frust herunterschlucken müssen, kann ihn am Samstagabend aber einfach nicht verbergen. "Ernsthaft?", fragt sie die Reporter. "Sie berufen diese Sitzung ein? Wirklich?" Nach etlichen blockierten Hilfskonvois und Angriffen auf Zivilisten durch das syrische Regime, die Russland allesamt unkommentiert ließ, ist die abendliche Runde für sie eine einzige Farce. Bevor sie in den Saal verschwindet, malt sie beim Wort "Beratungen" mit ihren Fingern ein Paar Gänsefüßchen in die Luft.

Quelle: ntv.de, Johannes Schmitt-Tegge, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen