Politik

Afghanischer Präsident in Berlin Schlauer sein als der IS

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Aschraf Ghani war zwei Tage in Berlin: Er diskutierte mit Kanzlerin Merkel über Flüchtlinge, besuchte die afghanische Kulturwoche, hielt Vorträge und ließ sich in der Charité untersuchen.

(Foto: dpa)

Aschraf Ghani ist kein Krawallmacher oder Exzentriker. Der afghanische Präsident ist ein Intellektueller, der dem IS-Terror eine atemberaubend schnelle Verbreitung attestiert. Kann er dem etwas entgegensetzen?

Obwohl schon ein gutes Jahr im Amt, ist der afghanische Präsident bisher nur Fachkreisen und Interessierten ein Begriff. Und folgt man der Logik, dass Präsidenten aus fernen Ländern nur dann auffallen, wenn sie in irgendeiner Form krawallig oder exzentrisch auftreten, dann ist Aschraf Ghani ein äußerst unauffälliger Staatschef. Das bedeutet aber nicht, dass er nichts zu sagen hätte. Bei einem Auftritt zum Abschluss seines Besuchs in Berlin erklärte der Kulturwissenschaftler und Politologe mit intellektuellen Charme, wie es aus seiner Sicht derzeit um sein Land steht.

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Manche hätten seinen Posten als einen der beiden schwierigsten Jobs auf der Welt beschrieben, scherzte der 66-Jährige. "Und ich weiß nicht, wie nah ich an der Konkurrenz bin." Zu beschönigen hatte Ghani nichts. Das "neue Normal" für die 30 Millionen Afghanen sei tägliches Bedrohtsein, Terror bestimme das Gesellschaftssystem. Afghanistan leide unter Anschlägen, Drogenhandel und Menschenschmuggel.

Ghani, der bis 2001 selbst 24 Jahre außerhalb seiner Heimat lebte, beschreibt sein Land als Knotenpunkt in Zentralasien. Das könnte eigentlich Handel und Wohlstand begünstigen ("Wir sind das Saudi-Arabien des Lithiums") – nicht aber, solange das Land ein Zentrum der weltweite organisierten Kriminalität ist und darüber hinaus auch noch Dschihadisten anzieht.

"Al-Kaida war Version 1 - der IS ist Version 6"

Andere Staatschefs leugnen die Präsenz der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auf ihrem Gebiet einfach. Ghani macht keinen Hehl daraus, dass der IS inzwischen auch in Afghanistan Fuß gefasst hat. Das sei kein Wunder, seien die modernen kriminellen Netzwerke doch sehr viel schneller, als "selbst die besten" Staaten reagieren könnten.

Dem IS billigte er eine rekordverdächtige Geschwindigkeit zu. In nur vier Jahren hätten es die Terroristen geschafft, zu einem global operierenden Netzwerk heranzuwachsen. "Ich entschuldige mich bei Microsoft für diesen Vergleich, aber wenn Al-Kaida Version 1 war, so ist der IS Version 6. Und wir müssen auf Version 8 und 9 vorbereitet sein." Scharf analysierte Ghani die "Pathologie des IS-Terrors", wie er es nannte: "Sie ist darauf ausgerichtet, Nachrichten zu produzieren." Das habe man in Paris, auf dem Sinai und an vielen anderen Orten beobachten können.

Kritik an Pakistan

Hinzu komme in seiner Region der Welt fehlende Zusammenarbeit zwischen Staaten. Mehr noch: Schuld sei die Gleichgültigkeit vieler Staatsapparate gegenüber Terroristen - ein Seitenhieb des Paschtunen Ghani gegen den Nachbarn Pakistan, von dem er auch sagte: "Es gibt mehr pakistanische Taliban als afghanische." Afghanistan hat Pakistans Geheimdienst mehrfach vorgeworfen, die IS-Zellen in mehreren Provinzen Ostafghanistans eingeschleust zu haben.

Solange Staaten zwischen guten und schlechten Terroristen unterschieden, solange sei das Spiel kaum zu gewinnen. Und natürlich münzt Ghani das in eine Geschichte von der Stärke und Entschlossenheit seines Landes um, in der die afghanische Armee den Dschihadisten alles entgegengeworfen habe, was sie zur Verfügung hat. "Da'isch ist in Afghanistan auf dem Rückzug", behauptete Ghani und benutzte den in der arabischen Welt gebräuchlichen Begriff für den IS. Es bedürfe aber neben schnellen Reaktionen einer mittel- und langfristigen Strategie, an der viele Staaten gemeinsam mitwirkten.

Zwei benachteiligte Mehrheiten: Jugend und Frauen

Seine Rede sei zu 50 Prozent eigentlich von "Professor Ghani" gehalten worden, merkte am Ende Nora Müller von der Körber-Stiftung an, die den Politiker zum Vortrag eingeladen hatte. Der betonte mit Blick auf die deutsche Flüchtlingsdebatte, in der die steigende Zahl afghanischer Asylbewerber zunehmend eine Rolle spielt: "Wir sind ein duldsames Volk. Andere hätten bereits alles aufgegeben. Ja, einige von uns wandern aus. Aber was man sehen muss, ist: Bei 30.000, die gegangen sind, sind da immer noch 30 Millionen, die entschlossen sind, zu bleiben." (Die Zahl ist allerdings untertrieben: Nach Angaben des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit haben allein in den vergangenen zwei Monaten 70.000 Afghanen Asylanträge in Deutschland gestellt.)

Für diese Menschen hat Ghani, der jahrelang in den USA lebte und dort an einer Universität lehrte, der mit einer libanesischen Christin verheiratet ist und dessen Tochter Kunst bei der Dokumenta ausstellt, zwar eine Vision: Er will die beiden Mehrheiten im Land, die aber wie Minderheiten behandelt würden, stärken. Das sind zum einen die jungen Menschen - 70 Prozent sind jünger als 35 Jahre alt - und die Frauen, die wegen jahrzehntelanger Kriege insgesamt in der Überzahl sind. Die Frage bleibt, ob der Intellektuelle, der für Gründlichkeit und Besonnenheit beim staatlichen Handeln plädiert, auch bei diesem Thema schnell genug sein wird.

Quelle: ntv.de