Politik

Der Österreich-Newsletter "Schlingel" Kurz hat die Haare schön (teuer)

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Servus und herzlich willkommen zur ersten Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem neuen Österreich-Newsletter bei n-tv.de!

Man lernt nie aus - schon gar nicht in Österreich. Und noch viel weniger im österreichischen Wahlkampf. Zum Beispiel, was es eigentlich kostet, ständig so topfrisiert und frisch gepudert auszusehen wie Sebastian Kurz: Rechnungen zwischen 300 und 600 Euro für Make-up und "Hair-Grooming" fischte jüngst die Wochenzeitung "Falter" aus der geleakten Buchhaltung der ÖVP. Falls Sie sich fragen, ob die Österreicher nach Ibiza nichts Wichtigeres zu besprechen haben im Wahlkampf als die Frisör-Kosten von Sebastian Kurz: Doch, haben sie. Aber es wäre nicht Österreich, wenn es nicht gleichzeitig was zum Lachen gäbe. Und was zum Kopfschütteln. Und was zum Fremdschämen.

Über all die denk- und merkwürdigen Vorgänge in diesem wunderschönen Land will dieser Newsletter Sie künftig jeden Freitag informieren. In den Wochen vor der Nationalratswahl am 29. September natürlich mit einem Fokus auf die Politik. Aber versprochen, wir werden uns um viel mehr kümmern als nur um Ibiza, Sebastian Kurz und die FPÖ. Viel Spaß mit der ersten Ausgabe!

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I kenn mi net aus! - Ich habe keine Ahnung!

Achtung, Spoiler: Sebastian Kurz wird die Wahl am 29. September gewinnen. Eine aktuelle Umfrage von "Puls 24" sieht den jüngsten Altbundeskanzler aller Zeiten mit seiner ÖVP bei 35 Prozent der Stimmen. Dahinter kämpfen die SPÖ (22 Prozent) und die FPÖ (19 Prozent) um Rang zwei.

Welchen Partner er bevorzugt, hat Kurz am Mittwoch im ORF recht deutlich gesagt: "Ich wünsche mir eine ordentliche Mitte-Rechts-Politik." Ein Signal an seine Wähler: Mit den Grünen wird das wohl eher nichts, auch nicht in Österreichs Jamaika-Variante ÖVP/Grüne/Neos. Mit der SPÖ mag er nicht, also bleibt nur die FPÖ. Die Sondierungsgespräche mit den Freiheitlichen dürften spannend werden: Ist die FPÖ bereit, den Ex-Innenminister Herbert Kickl in der zweiten Reihe versauern zu lassen, so wie Kurz es verlangt?

Spannend auch, dass die jüngsten Enthüllungen rund um die Finanzen seiner Partei dem "Wunderwuzzi" nicht schaden. Die Liste der Großspender offenbarte, dass Milliardärin Heidi Horten fast eine Million Euro überwiesen hat - monatlich zu je 49.000 Euro. Ab 50.000 Euro hätte die ÖVP sofort den Rechnungshof informieren müssen. Mindestens eine schiefe Optik, wenn man wie Sebastian Kurz stets beschwört, nichts zu verbergen zu haben.

Eher unfreiwillig transparent gestalten sich die Parteifinanzen: Das Wochenblatt "Falter" hat Daten aus der ÖVP-Buchhaltung veröffentlicht. So wie es aussieht, reitet der Mann, der die Schwarze Null gern in der Verfassung verankern will, eine hoch verschuldete Partei immer tiefer in die Miesen - mit horrenden Berater-Gagen, teuren Partys bei Szenegastronomen und, wie erwähnt, "Hair Grooming".

Wen kümmert's, außer den ÖVP-Schatzmeister? Nun, ein weiteres Dokument betrifft die Wahlkampfkosten, und die sind gesetzlich gedeckelt: 7 Millionen Euro dürfen die Parteien ausgeben. 2017 ließ sich die ÖVP die Wahl fast das Doppelte kosten und muss Strafe berappen, dieses Jahr wollte sie aber nun wirklich das Limit einhalten. Oder doch nicht? Ein "Falter"-Dokument legt nahe, dass die Partei schummelt, indem sie Kosten falsch verbucht.

Alles ein Schmarrn, sagte die ÖVP und präsentierte vergangenen Donnerstag ihre Erklärung: Ihr Server sei gehackt, Daten entwendet und "teilweise manipuliert" worden. Welche Daten genau, das lässt die Partei bis heute offen. Was hängen bleibt aus den "ÖVP"-Files: der Eindruck, dass sich im Nebel aus Vermutungen, Vorhaltungen und Fälschungsvorwürfen keiner mehr auskennt. Ein Zustand, mit dem zumindest die ÖVP gut leben kann.

Als Entlastungszeuge für Kurz trat übrigens sein Frisör Josef Winkler auf: Er sagte "oe24.at", dass er sich Rechnungen über Hunderte Euro nicht erklären könne. "Herr Kurz ist langjähriger Kunde und kommt im Schnitt alle drei bis fünf Wochen zu uns. Er bezahlt für seinen Haar-Service 39 Euro - wie jeder andere Kunde auch." Wäre wenigstens das geklärt.

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Auch auf die Gefahr hin, dass schon die erste Ausgabe dieses Newsletters an einer Überdosis Sebastian Kurz leidet: Wenn eine Autorin wie Judith Grohmann in ihrer Biografie über den Bald-wieder-Kanzler nun einmal eine Fundgrube voll mit literarischen Schätzen veröffentlicht, muss man mit beiden Händen zugreifen.

"Zunächst erblickte ich nur eine Silhouette. 'Ist er es wirklich?', dachte ich mir. (…) Er sah aus dem Fenster und blickte gedankenversunken in die Ferne. Ob er uns wahrgenommen hatte, war fraglich. Das helle Sonnenlicht leuchtete in den Raum hinein. Doch das störte ihn nicht."

Ausgehend von ihrer ersten Begegnung mit der Lichtgestalt Kurz schildert Grohmann den Karriereweg des Mannes, der schon als Baby "auf der Überholspur fuhr. Denn Sebastian Kurz war in seiner Entwicklung anderen Kindern um Längen voraus." Er konnte nämlich - bist du deppert, wie man in Österreich in solchen Fällen anerkennend raunt - schon mit 10 Monaten gehen. "Aber damit noch nicht genug: Die ersten kompletten Sätze sprach der kleine Sebastian Kurz bereits mit einem Jahr und stellte damit viele andere Kinder in den Schatten."

In diesem - um es freundlich zu formulieren - freundlichen Ton geht es 260 Seiten lang bis zum Epilog, in dem Grohmann ihren 33-jährigen Protagonisten schon einmal in den Politiker-Olymp lobt: "Während der deutsche Kanzler Helmut Kohl seinerzeit das 'Aussitzen' praktizierte, US-Präsident Donald Trump einen starken Protektionismus mit 'America first' anwandte und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel das 'Wegharmonisieren' praktizierte, ging Sebastian Kurz gleich mehrere große Schritte voran."

Als wäre das nicht schon Machwerk genug, gab Grohmann auch noch dem "Kurier" ein Interview. Was sie an Kurz überrascht habe, wollte die Zeitung von Grohmann wissen. "Beim Fotoshooting für das Buch-Cover hat er ständig versucht, mich zum Lachen zu bringen. Seine Mutter hat recht: Er ist ein liebenswürdiger Schlingel." Wer so eine Biografin hat, braucht keine Feinde.

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++ Sportlich läuft es für Österreichs Fußballer so lala: In Polen holte die Elf des deutschen Trainers Franco Foda am Montag ein 0:0, die EM-Chancen sind nicht gut, aber intakt. Unterhaltungstechnisch bietet Martin Hinteregger höchstes Niveau: Der Frankfurt-Legionär torkelte morgens ins Teamhotel und wurde für das Spiel gestrichen. ++ Lustig wird's traditionell, wenn Österreicher verlieren. So wie Andreas Herzog, Werder-Legende, der nach der Pleite seiner Israelis gegen Slowenien seine Spieler mit einem Tobsuchtsanfall zu Tränen trieb und auch vor dem TV-Mikro noch mächtig Puls hatte. ++ 45 lebende Giftschlagen und noch 43 weitere Reptilien wie Warane und Geckos wollte ein Österreicher von den Philippinen aus auf eine deutsche Messe schmuggeln. Die Zollbeamten auf dem Flughafen Wien hatten was dagegen und schnell eine neue Bleibe für die Tiere gefunden: den Tiergarten Schönbrunn und den Zoo Klagenfurt. ++ Mal wieder ein "Einzelfall": FPÖ-Politikerin Ursula Stenzel gedachte am Wochenende an der Seite der rechtsradikalen "Identitären" dem Ende der türkischen Belagerung Wiens 1683. Stenzel will nicht gewusst haben, mit wem sie da marschiert. Die ÖVP verlangt nun ein Verbot der Identitären und eine klare Abgrenzung vonseiten der FPÖ. ++

Das war die erste Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert." Hier können Sie sich den Österreich-Newsletter übrigens auch in Ihr Postfach schicken lassen. Wenn Sie Fragen, Anregungen, Wünsche oder Kritik loswerden wollen, schreiben Sie mir gern eine Mail.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: n-tv.de