Politik

Frühling mit Hillary Clinton Sexismus und Essensreste

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Wahrscheinlich die nächste Präsidentin der USA: Hillary Clinton.

(Foto: dpa)

"Sie haben da was zwischen den Zähnen", sagt Obama in Prag zu seiner Außenministerin. Von Anekdoten abgesehen ist Clintons Buch eher ein Fall von trockener Polit-Prosa. Zugleich ist es ein globaler PR-Coup eine unverhohlene Bewerbungsschrift.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die entscheidende Frage wird nicht beantwortet. Auf Seite 883 ihres Buches "Hard Choices" schreibt Hillary Clinton: "Die Frage, die mir, als ich im vergangenen Jahr durchs Land reiste, am häufigsten gestellt wurde, war die, ob ich 2016 für die Präsidentschaft kandidieren werde. Die Antwort lautet: Ich habe mich noch nicht entschieden."

Das war's dann schon, die anderen rund 890 Seiten kann man sich eigentlich sparen. Zumindest ist dies der erste Eindruck: Zeit für eine intensive Beschäftigung mit dem Titel hatten die meisten Rezensenten nicht, das gilt auch für diesen Artikel. Das Buch wurde Journalisten erst heute zugeschickt. Nur CBS will schon in der vergangenen Woche zufällig in einem Buchladen auf ein Exemplar gestoßen sein; ein paar Absätze über ihre Mutter erschienen in der "Vogue"; und "Politico" brachte Auszüge aus dem Kapitel über den Anschlag auf die diplomatische Vertretung der USA im libyschen Bengasi. Genauso ist das Buch aufgebaut: Eine Mischung aus Gefühligem und Politik. Wer das backsteingroße Buch vorn aufklappt, sieht Clinton am Schreibtisch, telefonierend. Hinten findet sich ein Foto von ihr beim Besuch eines kambodschanischen Schutzzentrums für die Opfer von Menschenhandel. Politik und Gefühl.

Ein weltweit identischer Erscheinungstermin, ein paar Häppchen vorab, Fernsehinterviews, eine Lesereise durch die USA - die PR-Maschine läuft in ihrer ganzen erbarmungslosen Perfektion, ihr Ziel ist, allen Dementis zum Trotz, das Weiße Haus. Ein paar Dollar auf dem Weg dahin können nicht schaden: Pünktlich zum Erstverkaufstag verschickte Clintons Verleger über den Verteiler aus ihrem Vorwahlkampf 2008 eine Mail, in der er dafür wirbt, die Worte der ehemaligen Außenministerin "ungefiltert" zu lesen und ihr Buch gleich jetzt zu bestellen.

Wer Polit-Prosa mag, der wird "Entscheidungen" lieben und der Empfehlung des Verlegers sicher gleich nachkommen. Für alle anderen hier ein kurzer Überblick:

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    Im Deutschen hat das Buch einen weicheren Titel: "Entscheidungen" statt "Hard Choices".

    (Foto: dpa)

    In ihrem Buch entschuldigt Clinton sich für ihre Zustimmung zum Irak-Krieg; 2002 hatte sie als Senatorin für New York für einen Militäreinsatz gestimmt.
  • Den russischen Präsidenten Wladimir Putin nennt Clinton einen "schwierigen Menschen" und einen "dünnhäutigen Autokraten", der mit Kritik nicht umgehen kann.
  • Clinton bewundert die Bundeskanzlerin. Angela Merkel sei "eine entschlossene, kluge und ehrliche Frau". "Wie neugierig sie auf die Welt war, zeigte sich in jedem Gespräch, das sie stets mit klugen Fragen und Ideen bereicherte - eine willkommene Abwechslung zu manch anderen Staatschefs, die wirkten, als wüssten sie schon alles, was sich zu wissen lohnt." (Merkel ist nur eine von vielen Regierungschefinnen und Präsidentinnen, die von Clinton erwähnt werden - das Bewusstsein für die gläserne Decke, an die Frauen auf dem Weg nach oben stoßen, hat sie sich offenbar bewahrt.)
  • Über die Rolle von Frauen in der Politik unterhielt sich Clinton auch bei einem Treffen mit ihrem ehemaligen Konkurrenten Barack Obama, kurz nachdem dieser die Vorwahlen gewonnen hatte. Sie habe auch den Sexismus angesprochen, mit dem sie während des Wahlkampfes konfrontiert worden sei. "Dass Sexismus eine unschöne Begleiterscheinung ist, wann immer es um die Rolle von Frauen in der Gesellschaft geht, machte es für mich und meine Anhänger nicht einfacher." Obama habe "mit sehr persönlichen, bewegenden Worten" reagiert. Unter anderem erzählte er, wie stolz er auf seine Frau und seine Töchter sei.
  • Eine Meinungsverschiedenheit hatten Obama und Clinton in der Frage, ob die USA die syrischen Rebellen bewaffnen sollten. Die Außenministerin war dafür, der Präsident dagegen. Wie der Streit ablief, schildert Clinton nicht. Nur so viel: "Niemand unterliegt gern in einer Diskussion, auch ich nicht. Aber es war die Entscheidung des Präsidenten, und ich hatte sie zu respektieren."
  • Grundsätzlich beschreibt Clinton ihr Verhältnis zu Obama jedoch als entspannt. In Prag habe er sie einmal zur Seite genommen und gesagt: "Hillary, ich muss mit Ihnen reden." Dann habe er den Arm um ihre Schulter gelegt und sie an ein Fenster geführt. "Ich fragt mich, welches sensible politische Thema er wohl mit mir erörtern wollte. Stattdessen flüsterte er mit ins Ohr: 'Sie haben da etwas zwischen den Zähnen.'"

"Ein ungewöhnlich langer Winter"

Das ist alles gut und schön, wenn auch nicht spektakulär. Die letzten Abätze im Buch lohnen allerdings einer näheren Betrachtung. Nachdem sie ausgeführt hat, dass sie noch nicht entschieden habe, ob sie für das Amt der Präsidentin kandidieren wolle, erzählt Clinton von einem "langen Spaziergang", den "Bill und ich" kürzlich unternommen hätten.

"Es war ein ungewöhnlich langer Winter gewesen", schreibt sie, "doch endlich lugte der Frühling unter dem tauenden Schnee hervor. Wir gingen und führten dabei ein Gespräch fort, das vor über vierzig Jahren in Yale begonnen hat und seither nicht abgerissen ist" - an der Juristenfakultät der Eliteuniversität Yale haben Hillary und Bill Clinton sich 1971 kennengelernt. Ihnen beiden sei bewusst, "dass mir eine schwerwiegende Entscheidung bevorsteht". Sie wisse, dass ein Kandidat weniger die Fragen beantworten können muss, ob er Präsident werden wolle, sondern vielmehr, was seine Vision für Amerika sei. "Die Herausforderung besteht darin, auf eine Art und Weise zu führen, die unser Land wieder eint und den amerikanischen Traum mit neuem Leben erfüllt." Ähnliche Sätze sagt praktisch jeder Präsidentschaftskandidat in den USA.

Auch Obama wollte die tiefe politische und gesellschaftliche Spaltung überwinden. Gelungen ist es ihm nicht; der "Winter" der USA dauert an. Ob sie Präsidentin werden will, weiß Hillary Clinton längst: Natürlich will sie. Und natürlich ist sie davon überzeugt, eine "Vision" für Amerika zu haben - sie hat sie ja gerade auf 890 Seiten vorgestellt. Die Vorwahlen beginnen im Januar 2016, vor Ende 2014, so hat sie gesagt, will sie ihre Entscheidung nicht bekannt geben. Geld für ihren Wahlkampf sammeln Unterstützer aber längst. Ein einziger Grund hindert sie daran, ihre Ambitionen schon jetzt öffentlich zu machen: Sie will den Spannungsbogen nicht brechen. Denn sie weiß: Je länger der Winter dauert, umso stärker sehnt man sich nach dem Frühling.

"Hard Choices" erscheint in Deutschland unter dem etwas weicheren Titel "Entscheidungen" und kann hier bei Amazon bestellt werden.

Quelle: ntv.de