Politik

Pressestimmen zum Merkel-Appell "So hat man die Kanzlerin selten erlebt"

Mit einer emotionalen Rede fordert Bundeskanzlerin Merkel dazu auf, im Kampf gegen die Corona-Pandemie "geduldig und vernünftig" zu bleiben. Auch die CDU-Politikerin vermisst die Unbeschwertheit - und trifft damit offenbar einen Nerv, wie die Pressestimmen zeigen.

Aus Sorge vor weiter steigenden Corona-Infektionszahlen im Herbst und Winter hat Bundeskanzlerin Angela Merkel an alle Bürger appelliert, sich an die Schutzregeln zu halten. "Jetzt müssen wir verstehen, dass es weiter auf jeden und jede Einzelne ankommt", sagte Merkel. "Ich appelliere an Sie alle: Halten Sie sich an die Regeln, die für die nächste Zeit weiter gelten müssen", sagte Merkel in einer zum Teil emotionalen Rede bei der Generaldebatte zum Bundeshaushalt. Alle müssten "geduldig und vernünftig" sein.

Die Vorsicht lasse derzeit nach, alle sehnten sich nach mehr Unbeschwertheit - "das spüre ich selbst", sagte die Kanzlerin. Aber "wir riskieren alles, was wir in letzten Monaten erreicht haben". Alle wollten einen erneuten landesweiten Shutdown verhindern - "und das können wir auch". Jetzt müssten jedoch alle Menschen wieder achtsam sein - Herbst und Winter würden eine Langstrecke.

So schätzt die Presse den Auftritt der Bundeskanzlerin ein:

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" kommentiert: "So hat man die Bundeskanzlerin selten erlebt: Nicht nur nüchtern und maximal sachlich, sondern sehr gefühlvoll wendet sich Angela Merkel ans Volk. Nachdem sich Bund und Länder auf schärfere Regeln gegen Corona geeinigt hatten, appelliert die Regierungschefin ganz direkt an alle Bürger, wieder mehr aufeinander achtzugeben, damit das Leben, wie wir es kannten, so schnell wie möglich zurückkehren könne. Es gilt, ein neues Aufflammen des Pandemie-Geschehens rechtzeitig zu verhindern. Oft sind es dieselben Leute, die vor einem neuen Lockdown und zugleich vor Panikmache warnen. Dass gestern selbst FDP-Chef Christian Lindner, einer der größten Skeptiker der Corona-Maßnahmen, der Kanzlerin für ihre angemessenen Worte dankte, zeigt: Merkel hat eine bemerkenswerte Rede gehalten."

In der "Süddeutschen Zeitung" heißt es: "Kanzlerin Angela Merkel lag nie viel daran, über sich selbst zu reden. (...) Nun aber, ausgerechnet in ihrer wahrscheinlich letzten Generaldebatte, hat die Kanzlerin das geändert. (...) . Eindringlich redete sie über die Ängste der Leute, über Sehnsucht nach Nähe, Kontakt, Berührung - und fing dann an, von sich selbst zu erzählen. (...) Das zeigt, wie keine Botschaft sonst, dass ihre Sorge groß ist. Zugleich freilich gibt sie auch ein großes Versprechen: dass das Leben, wie man es kenne, zurückkehren werde. 'Die Familien werden wieder feiern, die Clubs und Theater und Fußballstadien wieder voll sein. Was für eine Freude wird das sein'."

"Die Zeit" schreibt dazu: "Merkel glaubt, dass sie ohne Krisen keine Politik machen könne; dass sie eine Krise brauche, um die Bevölkerung hinter sich zu bringen. Bis auf die ersten beiden Jahre ihrer Kanzlerschaft gab es immer ein Großereignis, auf das sie reagieren musste - danach sah das Land wieder ein Stück weit anders aus als davor. Nun jedoch macht Merkel eine neue Erfahrung. In dieser Krise kommt ihr langsam die Zustimmung abhanden - nicht in einem bestimmten Teil der Bevölkerung wie in der Flüchtlingsfrage. Sondern in allen Teilen. Die Deutschen sind keine Horde uneinsichtiger Regelverletzer. Aber viele sind müde geworden. Sie fragen nach der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. Es liegt nun an Merkel, sie zu überzeugen."

Die "Tagesschau" meint: "Insofern war das Treffen der Länderchefs mit Merkel ein gutes Signal: Bund und Länder ausnahmsweise einigermaßen beisammen und bei Trost. Ein gemeinsames Regelwerk für private Feiern, für Bußgelder. Eine Hotspot-Strategie. Noch so ein Wort aus Coronazeiten übrigens, dass vor sechs Monaten niemand verstanden hätte. Immer regional spezifisch vorgehen, übersetzt das die Corona-Kanzlerin. Dass der Bund allerdings keine nationale Teststrategie hat - die soll vielleicht Mitte Oktober kommen -, dass es bisher keine bundesweit einheitlichen Regelungen für Reiserückkehrer aus Risikogebieten gibt, obwohl am Montag in Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg die Herbstferien beginnen: Das sind mehr als nur Schönheitsfehler. "Wir haben viel gelernt", sagt die Corona-Kanzlerin. Aber offenbar noch nicht genug."

Von der "Südwest Presse" aus Ulm kommt folgende Einschätzung: "Es ist wichtig, dass Kanzlerin Angela Merkel in der Corona-Pandemie an die Vernunft appelliert. Statt Maßnahmen erklärt zu bekommen, befinden wir uns einem Überbietungswettbewerb der Irrsinnigkeiten zwischen den Bundesländern. Solche Übertreibungen und schlecht kommunizierten Entscheidungen schüren Unsicherheit und Angst. Viel schlimmer: Sie untergraben genau das, was sie eigentlich bewirken sollen: die Akzeptanz von Menschen für die notwendige Einschränkung ihrer Freiheit."

Die "Rhein-Zeitung" aus Koblenz schreibt:
"Bereits 2008 witterte sie sofort, worauf es in der Finanzmarktkrise ankommt: Zupacken statt reden. Experten wussten, dass sie sich kräftig überhoben hatte, als sie mit Finanzminister Peer Steinbrück vollmundig die Sicherheit aller Spareinlagen garantierte. Entscheidend war der psychologische Effekt. Zwölf Jahre später geht Merkel wieder in den Krisenmodus. Sie befasst sich gar nicht erst mit Corona-Gefahren-Leugnern, sondern bittet mahnend darum, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leistet, um Menschenleben zu retten. Das wird bleiben von Deutschlands Merkel-Jahren."

Das "Main-Echo" schätzt die Aussagen der Kanzlerin so ein: "Merkel ist es ernst. Sie wird von der ehrlichen Sorge getrieben, dass das Virus alle bisherigen Erfolge wieder zunichtemacht. Außerdem darf man nicht vergessen: In einem Jahr endet ihre Kanzlerschaft. Sie will sicherlich kein Land im Krisenmodus zurücklassen. So ist Merkel nicht. Gleichwohl hat die Rede auch gezeigt, an welche Grenzen sie stößt: Ihr Hohelied auf den Föderalismus kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man nur einen Tag nach dem Treffen mit den Ministerpräsidenten schon nicht mehr weiß, welche Maßnahme in welchem Bundesland jetzt gilt."

Quelle: ntv.de, tsi/dpa/AFP