Politik

Proteste in Hongkong So sieht die belagerte Uni aus dem All aus

Seit dem Wochenende halten Demonstranten eine Hochschule im Zentrum von Hongkong besetzt. Das Gelände ist umstellt. Mit Steinen und Brandsätzen wehren sich Aktivisten gegen die Sicherheitskräfte. Bilder aus dem All zeigen, wie der Machtkampf Hongkong lähmt.

Die Besetzung der Polytechnischen Universität (PolyU) durch Anhänger der Demokratiebewegung trifft Hongkong an empfindlicher Stelle: Seit drei Tagen blockiert der Kampf zwischen Aktivisten und der Staatsmacht wichtige Verkehrsadern in der dicht besiedelten Millionenmetropole. Die Auswirkungen der Ausschreitungen im Innenstadtbezirk Kowloon sind überall in der Sonderverwaltungsregion zu spüren.

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Einsatzkräfte der Polizei haben das gesamte Unigelände umstellt. Nacht für Nacht kommt es zu Ausschreitungen, bei denen die Behörden Wasserwerfer, Tränengasgranaten und Gummigeschosse einsetzen.

Die Demonstranten wiederum empfangen jeden Vorstoß der Polizei mit einem Hagel aus Steinen, Brandsätzen und anderen Wurfgeschossen. Der Widerstand der Aktivisten gegen die Staatsmacht droht ein blutiges Ende zu nehmen.

Wie groß die Folgen für den Hongkonger Innenstadtverkehr sind, lässt sich selbst aus dem All noch erkennen. Ein aktuelles Satellitenbild zeigt, welche massiven Auswirkungen die Polizeiaktion gegen die Uni-Besetzer hat:

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Blick auf die PolyU aus dem All: Aufnahme vom 18. November 2019.

(Foto: Satellite image ©2019 Maxar Technologies.)

Der Campus der Hong Kong Polytechnic University liegt auf diesem Bild knapp links der Bildmitte. Der Komplex setzt sich aus rund einem Dutzend mehrgeschossiger Gebäude zusammen. Die Anlage erstreckt sich über mehrere Blöcke. Die üblicherweise stark frequentierten Straßen rund um die PolyU sind fast vollkommen verödet. Seit Tagen findet hier kein regulärer Fahrzeugverkehr mehr statt. Von Nord nach Süd (hier im Bild oben) misst die gesamte Uni-Anlage rund 450 Meter. Von West nach Ost (im Bild links) ist das Gelände rund 240 Meter breit.

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Lebensgefahr für alle Beteiligten: Auf der Brücke über der Tunneleinfahrt gehen Molotowcocktails in Flammen auf.

(Foto: REUTERS)

Barrikaden und Polizeiabsperrungen sind zum Beispiel an der Kreuzung in der Nähe der Rosary-Kirche (roter Kreis rechts oben) zu erkennen. Von hier aus starten die Sicherheitskräfte immer wieder Vorstöße mit Wasserwerfern. Eine wichtige Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizei spielte auch die Fußgängerbrücke (kleiner roter Kreis links), die das Unigelände mit dem Hung-Hom-Bahnhof verbindet.

Ein Teil der schwersten Ausschreitungen der vergangenen Nächte spielte sich auf der Straßenbrücke links oben im Bild (großer roter Kreis) ab. Hier etwa bewarfen Demonstranten unter anderem einen Truppentransporter der Sicherheitskräfte mit Molotowcocktails.

Unter der Brücke befindet sich die nördliche Zufahrt des Cross-Harbour-Tunnels und damit eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen der Hafenstadt. Üblicherweise stauen sich hier neben dem Berufsverkehr auch Transporter und Lkw, deren Fahrer die südlich gelegenen Stadtteile Hongkongs erreichen wollen. Auch diese Hauptverkehrsstrecke mit ihrer stark frequentierten Mautstation ist blockiert. Damit ist einer der drei Straßentunnel unter dem Victoria-Hafen bis auf Weiteres dicht.

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(Foto: Satellite image ©2019 Maxar Technologies.)

In der Vergrößerung sind die Spuren der Ausschreitungen an der Brücke über der Mautstation besser zu sehen: Links im Bild stehen Busse und Mannschaftswagen der Sicherheitskräfte bereit. Auf der Brücke selbst haben Demonstranten eine Barrikade (kleiner Kreis) errichtet. Der Bereich dahinter (großer roter Kreis rechts) wirkt unscharf. Nach Einschätzung der Experten beim Satellitenbildanbieter Maxar handelt es sich hier um Rauchschwaden, die hier am südöstlichen Rand des PolyU-Geländes aufsteigen.

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Spuren des Kampfes: Die Kreuzung an der Rosary-Kirche im Südwesten der PolyU.

(Foto: dpa)

Im Inneren der riesigen Anlage mit seinen zahlreichen Zugängen, Etagen und Übergängen harren Schätzungen zufolge mittlerweile noch etwa 100 Demonstranten aus. Mit allen Mitteln versuchen sie, eine Erstürmung durch die Polizei zu verhindern. Die Eingeschlossenen befinden sich in einer verzweifelten Lage. Einige sagten, sie hätten genau drei Möglichkeiten: sich der Polizei zu ergeben, in Krankenwagen abtransportiert zu werden oder zu fliehen.

Wie schon in den vergangenen Tagen versuchten auch in der Nacht Dutzende Regierungsgegner, vom Campus zu gelangen, ohne verhaftet zu werden. Am Abend war Dutzenden Demonstranten die Flucht aus der umstellten Uni gelungen, indem sie sich von einer der beiden Fußgängerbrücken auf die darunterliegende Stadtautobahn abseilten, wo sie von wartenden Motorradfahrern abgeholt wurden.

Blockade-Aktionen im Stadtgebiet

Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam forderte die Demonstranten zuletzt auf, sich zu ergeben, um die dreitägige Besetzung des Geländes friedlich zu beenden. In ihrer ersten öffentlichen Erklärung zur Besetzung der Universität sagte Lam auf einer Pressekonferenz, dass die "Demonstranten, einschließlich natürlich der Randalierer, die Gewalt stoppen, die Waffen abgeben und friedlich herauskommen und die Anweisungen der Polizei entgegennehmen müssen".

Die seit sechs Monaten andauernden Proteste gegen die pro-chinesische Regierung hatten in der vergangenen Woche ein neues Ausmaß erreicht. Bislang setzte die Hongkonger Demokratiebewegung auf einzelne Demonstrationen, wie etwa am Flughafen. Zuletzt jedoch weiteten die Aktivisten ihre Blockaden auf verschiedene Stellen im Stadtgebiet aus. Hongkong befindet sich seitdem im Ausnahmezustand: Viele Schulen bleiben geschlossen. Nacht für Nacht ziehen Tränengasschwaden durch die Stadt. Der öffentliche Nahverkehr kommt fast völlig zum Erliegen.

Die Europäische Union rief angesichts der Eskalation in Hongkong alle Seiten zu Zurückhaltung auf. "Jegliche Gewalt ist unannehmbar", erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Beide Seiten müssten deeskalieren. Sie forderte zugleich die Sicherheitskräfte auf, "streng verhältnismäßig vorzugehen und Grundrechte wie das Recht auf Versammlungsfreiheit" zu respektieren. Eine Lösung des Konflikts sei nur durch "ernsthaften Dialog" zu erreichen.

Quelle: n-tv.de, mit AFP

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