Politik

Der Kandidat tritt ab Steinbrücks letzte Zugabe

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Der ehemalige Kandidat verbeugt sich vor seiner Partei.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Jahr lang ist er das Gesicht der SPD. Aber nach der verlorenen Wahl verlässt Peer Steinbrück die erste Reihe. Beim Parteitag in Leipzig hat der frühere Kanzlerkandidat seinen letzten großen Auftritt. Konflikte bleiben ungeklärt.

Um 12.13 Uhr kommen die Emotionen noch einmal hoch, der Druck fällt ab. Noch ein Mal ist Peer Steinbrück in die Rolle des Kanzlerkandidaten geschlüpft. Nach seinem 20-minütigen Grußwort erheben sich die Delegierten beim Leipziger Parteitag und applaudieren minutenlang. Steinbrück greift sich mit der Rechten an sein Herz und schaut gerührt in das weite Rund. Dann wird er umringt von Parteichef Sigmar Gabriel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Die Bilder ähneln denen aus dem Wahlkampf. Und doch trügt der Eindruck: Es ist das letzte Mal, dass Steinbrück im Mittelpunkt steht. Spätestens in Leipzig, sieben Wochen nach der verlorenen Bundestagswahl, tritt er endgültig ab. Die Ära Steinbrück ist vorbei. Die Zukunft der SPD liegt jetzt in den Händen von Gabriel und Kraft.

Keine Abrechnung

Es ist ein typisch sozialdemokratischer Abgang. "Ich stehe vor euch mit Stolz und einer noch größeren Dankbarkeit", so beginnt Steinbrück seine Rede. Unter schweren Bedingungen habe man einen couragierten und engagierten Wahlkampf gemacht. Der 66-Jährige kommt zu dem Urteil. "Das wir unser Ziel nicht erreicht haben, lag nicht an uns." Trotzdem mahnt er: In Zukunft könne die SPD nur "mit einem Wahlergebnis zufrieden sein von 30 plus X".

Dass er seiner Partei bisweilen einiges zugemutet hat, lässt Steinbrück keineswegs außer Acht. Zu den Delegierten gewandt, bedankt er sich, dass sie gemeinsam mit ihm gekämpft und zu ihm gestanden hätten. "Ihr habt mich über Stockfehler hinweg getragen", lobt er, "auch als uns der Wind ins Gesicht blies".

Doch schönreden will der Kanzlerkandidat das Wahlergebnis nicht. Im Wahlkampfendspurt habe er 28 bis 29 Prozent für realistisch gehalten. Aber auch das sei nicht genug gewesen. Mit Schuldzuweisungen hält sich Steinbrück allerdings zurück. "Es gibt keinen Grund für Abrechnungen oder Scherbengerichte." Die Verantwortung für das enttäuschende Ergebnis liege allein bei ihm. Überraschend lobende Worte findet Steinbrück für Parteichef Gabriel. Er habe die SPD in der schwierigen Zeit nach dem Wahlabend "glänzend geführt". Ausgerechnet Gabriel, der ihn jüngst wegen seiner "Stinkefinger"-Geste öffentlich kritisiert hatte.

"Niemand kann uns klein machen"

In den Verhandlungen mit der Union ruft der 66-Jährige seine Partei zu Selbstbewusstsein auf. "Wir haben die Wahlen verloren, aber nicht unseren Verstand", sagt Steinbrück, der seiner Partei eine Große Koalition empfiehlt. Wenn im Koalitionsvertrag sozialdemokratische Kernforderungen enthalten seien, müsse die SPD die Koalition mit der Union eingehen. Den Einwand, dass die SPD in einer Großen Koalition zwangsläufig verliere, lässt er nicht gelten: "Niemand kann uns klein machen, das können wir nur selbst."

So ganz von der politischen Bühne verschwinden will Steinbrück, der weiterhin als einfacher Abgeordneter im Bundestag sitzt, jedoch nicht. "Dies ist kein Abschied: Ein Sozialdemokrat ist und bleibt man auch, wenn man sich aus der ersten Reihe zurückzieht", sagt er. Sozialdemokrat sei man "aus Überzeugung und nicht aus Kalkül". Die Partei könne sich, "so lange ich lebe, auf meine Solidarität verlassen". Die SPD darf sich also darauf einlassen, dass Steinbrück sich auch weiterhin einmischt. In Leipzig verspricht er: "Die Pferde meiner Kavallerie bleiben gesattelt."

Quelle: ntv.de